Zuerst ist alles wie immer: das Wachgebäude, die Einlasskontrolle, der Drogenhund, der zum Spaziergang in den Schlosspark ausgeführt wird. Aber dann prangt auf dem Dach des Hauptbaus, weiß vor blaugrünem Hintergrund und fassadenbreit, ein Schriftzug: „Freiraum Kunst“. Frank-Walter Steinmeier, der Hausherr, hat selbst bei der Berliner Akademie der Künste die Ausstellung kuratiert, mit der die sanierungsbedingte Schließung seines Amtssitzes zwei Wochen lang – bei freiem Eintritt nach Anmeldung – gefeiert wird. Im Langhanssaal, dort, wo Steinmeier seine offiziellen Ansprachen hält, steht jetzt seine Ganzkörper-Replik im Maßstab 1:5 auf einer Holzkiste, hergestellt von der Künstlerin Karin Sander.
Die Sexpuppe hat in der rechten Internet-Blase schon Skandal gemacht
Ringsum präsentieren achtzehn weitere Akademiemitglieder und drei freie Teilnehmer ihre Beiträge in den leer geräumten Zimmerfluchten von Schloss Bellevue: ein Saal mit Fotos aus dem Westen (Wolfgang Tillmans) und einer mit solchen aus dem Osten (Boris Mikhailov), eine Stellwand in Regenbogenfarben (Katharina Grosse) und ein Riesenpuzzlebild aus zerlegten Frauenkörpern (Monica Bonvicini), eine einteilige (Jürgen Böttcher) und eine vierteilige Filminstallation (Gregor Schneider), eine Ölansicht des ehemaligen Bundespräsidentenbüros (Christopher Lehmpfuhl) und ein Comic-Porträt einer zukünftigen Bundespräsidentin (El Bocho, mit freundlichen Grüßen von Brigitte Bardot).
Die Installation Alexandra Birckens, in der eine Motorradkluft und der Bronzeabguss einer japanischen Sexpuppe auf einem Stahlgerüst thronen, hat in der rechten Internet-Blase schon kräftig Skandal gemacht, auf den Protest der Linken gegen Steinmeiers Auftritt als Herrscherfigur aus dem 3D-Drucker wird man noch warten müssen.
Bilderwand in Regenbogenfarben: Katharina Grosses „Ohne Titel“, 2021/2025dotgain/VG Bild-Kunst, Bonn 2026So oder so aber trägt die Ausstellung seine Handschrift. Seit seinem Amtsantritt vor neun Jahren hat er mit verschiedenen Veränderungen der Innengestaltung von Bellevue immer wieder sein Verständnis von Demokratiegeschichte und Kunstfreiheit markiert, sei es mit einer Galerie für DDR-Maler, einem Saal zum Gedenken an den bürgerlichen Revolutionär Robert Blum oder einer Hommage an die Brüder Humboldt und die preußische Aufklärung. Nun, da seine Ägide zu Ende geht – im Januar wird seine Nachfolgerin gewählt –, verabschiedet er sich mit einer Geste, die an Deutlichkeit nicht zu überbieten ist. Macht, was ihr wollt, aber macht es gut, das war sein Auftrag an die Akademie, und trotz kleiner Fehlstellen im Ausstellungsgewebe hat sie ihn im Ganzen erfüllt.
Steinmeier aber verlässt seine langjährige Wirkungsstätte im selben Geist erzbürgerlicher Liberalität, in dem er sie bezogen hat. Falls Bellevue tatsächlich in acht Jahren saniert ist, darf man gespannt sein, von wem und unter welchen politischen Vorzeichen das rundum erneuerte Schloss dann bespielt werden wird. Vielleicht wird die Ausstellung dann eine ferne, wehmütige Erinnerung sein, so wie der Mann, der sie ermöglicht hat. Oder ein Vorbild, an dem man sich künftig orientiert.
„Hallo! Hallo!“ ruft der Konzeptkünstler Jochen Gerz in einer Installation von 1972, die durch die leeren Bellevue-Säle schallt. Die Geschichte der kommenden Jahre wird zeigen, wie die Antwort darauf lautet. Und wer sie gibt.

vor 17 Stunden
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