Staatsziel verfehlt: Warum ist China überall erstklassig – nur nicht im Fußball?

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Deutschland steckt in der Dauerwirtschaftskrise, und als wohl wichtigster Grund gilt China. Maschinenbau-, Auto- und Chemieindustrie wandern in die Volksrepublik ab. Mindestens eine strukturelle Krise aber, mit der die Bundesrepublik seit einem Jahrzehnt kämpft, geht ganz gewiss nicht auf die Chinesen zurück: die im Fußball.

F.A.Z.

Denn während Chinas Fünfjahrespläne bemerkenswert häufig ihre Ziele erreichen, scheitert Staats- und Parteichef Xi Jinping bisher kolossal mit seinem Vorhaben, nicht nur zu einer industriellen, geopolitischen und militärischen Weltmacht aufzusteigen, sondern auch zu einer „erstklassigen Fußballgroßmacht“. Dieses Ziel formulierte Peking mit seinem 2016 vorgelegten „Entwicklungsplan für den chinesischen Fußball“. Zwischen 2021 und 2030 wollte das Reich der Mitte demnach zu den „starken Teams der Welt“ aufschließen. Auch die eigene Profiliga sollte zu den besten in Asien gehören, heißt es darin.

Ein Jahrzehnt später sind die Ergebnisse ernüchternd. Fachleute attestieren den besten chinesischen Vereinen gerade einmal deutsches Drittliganiveau. Seit der Plan veröffentlicht wurde, stand kein chinesisches Team mehr in einem Finale der asiatischen Champions-League.

300 Millionen interessieren sich für Fußball

Während sich Chinas KI-Firmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Amerikanern liefern und seine Universitäten internationale Rankings stürmen, nimmt es die chinesische Herren-Fußball-Nationalmannschaft in der FIFA-Weltrangliste (Rang 91) mit Großmächten wie Sambia (90) oder Bahrain (92) auf. Wenn es gut läuft, kommen gefürchtete Nationen des Weltfußballs wie Syrien (83), Gabun (84) oder Montenegro (80) in Reichweite. Nur einmal, 2002, nahm sie bislang überhaupt an einer Weltmeisterschaft teil.

Das Frauenteam ist historisch zwar erfolgreicher und hat 2022 die Asienmeisterschaft gewonnen. Doch von den besten Tagen in den Neunzigerjahren sind auch die „Stahlrosen“ weit entfernt. Anfang des Jahrtausends lagen sie auf Rang 4 der FIFA-Weltrangliste, inzwischen sind sie auf Rang 16 abgestürzt.

In der Bevölkerung ist Fußball beliebt. Schätzungen zufolge interessieren sich rund 300 Millionen Chinesen für Fußball. Knapp eine Million Chinesen sind als Fußballer registriert. In den Innenstädten sieht man während der Weltmeisterschaft gelegentlich Chinesen in Fußballtrikots. Argentiniens Superstar Lionel Messi ist in der Werbung sehr präsent, Cristiano Ronaldo ist Markenbotschafter für chinesische Tech-Konzerne. Gleichwohl wird Fußball nicht mit einer ähnlich existenziellen Hingabe verfolgt wie in Europa, Südamerika oder Afrika

Korruption ist Teil des Problems

Auch die eigenen Misserfolge haben Spuren in der Bevölkerung hinterlassen. Das Abkanzeln der Nationalelf ist zum Volkssport geworden. Der chinesische Fußball wird gern als „Müll“ oder als „verrottet“, also als von Korruption zerfressen, bezeichnet. Nicht ganz zu Unrecht.

Denn auch nach anderthalb Jahrzehnten, in denen Xi die Parteikader mit seinen Antikorruptionskampagnen in Angst und Schrecken versetzt hat, bleibt die Korruption Alltag. Im Fußball heißt das, dass ein potentieller Nationaltrainer sich nicht durch Magenta-TV-Auftritte in Stellung bringt, sondern die Funktionäre schmiert. Drei Millionen Yuan, umgerechnet knapp 400.000 Euro, soll Li Tie dafür bezahlt haben, 2019 zum Nationaltrainer ernannt zu werden. Spieler konnten sich unter ihm Kader- und Startelfplätze kaufen, als Vereins- und Nationaltrainer soll der frühere Premier-League-Spieler so 16 Millionen Dollar „verdient“ haben.

Li wurde für seine Vergehen vergangenes Jahr in einer nationalen Fernsehshow öffentlich vorgeführt und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Ein früherer Verbandschef erhielt eine lebenslange Haftstrafe.

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Zu Beginn der laufenden Saison griffen die Behörden weiter durch. 9 von 16 Teams der obersten Liga erhielten Punktabzüge von bis zu zehn Punkten.  Als Gründe wurden Spielmanipulation und Bestechung angeführt. „Aber niemand hat gesagt, was eigentlich passiert ist“, klagt Cameron Wilson, der den chinesischen Fußball seit Jahrzehnten verfolgt. „Ohne Transparenz gibt es keinen sinnvollen Wettbewerb“, sagt er. Der Eindruck entstand, dass die Behörden vor allem zeigen wollten, dass sie etwas gegen die Korruption tun, anstatt tatsächlich für Fairness und Integrität zu sorgen.

Chinesischen Fußball nicht abschreiben

Korruption allein erklärt aber nicht, dass der Fußball stagniert, während China in anderen Sportarten zur Weltspitze aufgeschlossen hat. Warum ist ausgerechnet das von einer kommunistischen Partei regierte China in Einzelsportarten viel erfolgreicher als in Teamsportarten? Die beste Erklärung ist die „hyperkompetitive“ Erziehung im modernen China.

„Kinder haben keine Zeit, irgendetwas zu machen, außer Hausaufgaben“, sagt Wilson. Im Schwimmen, Sportschießen oder in der Gymnastik sind Erfolge mess- und planbarer. Fußball dagegen braucht Freiräume, die es in China mit seinem Kontrollwahn nicht gibt. Wilson drückt es so aus: „In Europa gehen Kinder in einen Park und spielen Fußball. In China kommt sofort ein Sicherheitsmann und brüllt dich an.“

Gleichzeitig gilt für China fast immer: Wer das Land abschreibt, macht einen Fehler. Wenn sich die Kommunistische Partei ein Ziel gesetzt hat, verfolgt sie das mit aller Macht. Lokalregierungen haben regionale Ligen etabliert, die zwar auf Kreisliganiveau spielen, aber dank der staatlichen Unterstützung doch bis zu 60.000 Zuschauer in die häufig erstklassigen Stadien locken. Erste Scouts der Bundesliga interessieren sich für chinesische Nachwuchstalente. Anderthalb Jahrzehnte unter einem autoritären Machthaber können sich ewig anfühlen. Im Fußball sind sie eine kurze Zeit.

In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.

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