Spyra: Wie eine Münchner Firma die stärkste Wasserpistole der Welt bauen will

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Ich wollte so ein richtig cooles Ding haben«, erinnert sich Sebastian Walter, 41. Für eine Schlauchboottour mit Freunden suchte er nach einer Wasserpistole. Zehn Jahre ist das her. Sebastian verdiente zu der Zeit gutes Geld. Er arbeitete als selbstständiger Produktentwickler, unter anderem in der Auto-Industrie. »Ich war bereit, richtig viel auszugeben. Aber ich fand nur billiges Zeug, das meiste davon schlechter verarbeitet als das, was ich aus meiner Kindheit kannte.«

Dann entwickle ich eben meine eigene Wasserpistole, dachte sich Sebastian. Heute leitet er die Firma Spyra, deren Wasserpistolen sich in Europa, den USA, Japan und Australien verkaufen. Das Gespräch mit DEIN SPIEGEL findet in den Münchner Büroräumen statt. Die Unternehmensgruppe Simba Dickie, die auch Bobby Cars und Märklin-Modelleisenbahnen herstellt, ist an der Firma beteiligt. Im Frühjahr dieses Jahres erschien die vierte Weiterentwicklung der Pistole. Es läuft ziemlich gut – dafür, dass am Anfang niemand daran geglaubt hat.

»Die Zweifel waren überall«, sagt Sebastian. Freunde und Familienmitglieder hielten die Idee für Quatsch. Doch drei Leute sagten: Wir sind dabei. Sie gründeten die Firma Spyra. Ihr Ziel: Ihr Produkt sollte nicht – wie bei Wasserpistolen üblich – einen durchgehenden Strahl verschießen. Das Wasser sollte in der Pistole so unter Druck gesetzt werden, dass es wie ein Geschoss aus der Mündung ballert. Tschk, tschk, tschk statt pfffffffft.

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In seiner WG begann Sebastian mit dem Bau des Prototyps. Als er am Frühstückstisch den Lötkolben auspackte, so erzählt er es, sagte ein Mitbewohner: »Mach das mal woanders.« Sebastian und seine Mitstreiter klopften bei der Hochschule München an. Die stellte ihnen einen Raum zur Verfügung. »Den haben wir mehrmals unter Wasser gesetzt. Wenn Elektronik auf Wasser trifft, kann viel schiefgehen und explodieren.«

Die ersten Prototypen hätten fürchterlich ausgesehen. »Aber irgendwann würde das alles superkrass. Das habe ich immer wieder gepredigt«, sagt Sebastian, »mir selbst, dem Team – und den Investoren.« So nennt man größere Geldgeber, auf die Spyra zu diesem Zeitpunkt angewiesen war. Der Prototyp kostete rund 2000 Euro. »Aber für die Produktion in der Fabrik brauchst du halt eine Million.«

Eine Mitgründerin startete eine Kampagne auf der Plattform Kickstarter. »So haben wir eine halbe Million Euro von Leuten eingesammelt, die nie ein fertiges Produkt von uns gesehen hatten, aber trotzdem meinten: Das will ich haben.« Das restliche Geld erhielten sie von anderen Geldgebern.

Parallel zu der Kampagne ging Sebastian auf eine Reise, die er die »Shenzhen-Safari« nennt. Shenzhen ist eine chinesische Region, in der es Tausende Fabriken gibt. Bevor Sebastian dorthin fuhr, hatte er deutsche Drohnen- und Zahnbürstenhersteller um Empfehlungen gebeten. Er klapperte die Fabriken ab und wurde fündig.

 Spyra muss sich an viele Vorschriften halten, etwa für die Entsorgung der Akkus.

Der Papierkram: Spyra muss sich an viele Vorschriften halten, etwa für die Entsorgung der Akkus.

Foto: Lena Mucha / DEIN SPIEGEL

Vom Bau des Prototyps bis zur Auslieferung der ersten Produkte dauerte es zwei Jahre. Grund dafür: die Vorschriften. »In Kalifornien, aber wirklich nur dort, braucht es etwa einen Hinweis, dass eine bestimmte Chemikalie nicht in der Herstellung verwendet wurde«, sagt Sebastian. Er klingt etwas genervt, wenn er davon berichtet, aber so sind nun mal die Regeln.

Was ihn allerdings wirklich aufregt: dass seine Wasserpistolen von anderen Firmen kopiert werden. Spyra hatte deswegen schon einen Rechtsstreit mit dem chinesischen Unternehmen Xiaomi. Dazu darf Sebastian nichts sagen. Aber allgemein ist es so: »Wenn wir ein neues Produkt veröffentlichen, können wir davon ausgehen, dass fünf Monate später die ersten Kopien auf dem Markt sind. Deswegen bringe ich eine neue Wasserpistole im Frühling raus, damit wir den Sommer für uns allein haben.« Zwar hat Spyra Patente angemeldet. Doch asiatische Unternehmen würden sich nicht daran halten.

 links die Schusseinheit, rechts der Wassertank, dazwischen viel Elektronik.

Das Innenleben: links die Schusseinheit, rechts der Wassertank, dazwischen viel Elektronik.

Foto: Lena Mucha / DEIN SPIEGEL

Das neueste Modell von Spyra kostet 160 Euro. Es richtet sich an Erwachsene, die gern viel Geld für Spielzeug ausgeben. »Kidults« nennt man diese Menschen. Das Wort setzt sich aus den englischen Wörtern »kid« und »adult« (Erwachsener) zusammen. Doch auch für Kinder hat Spyra eine Pistole im Programm. »Das Wasser kommt aber weniger druckvoll heraus, weil wir wissen, dass sich Kinder beim Spielen auch mal ins Gesicht schießen«, sagt Sebastian. Für den Sommer 2027 arbeitet das Team gerade an einer verbesserten Kinder-Version. Die Spyra Go+ soll beim Schießen und Laden bunt leuchten.

Foto: Vinayak Jagtap / iStockphoto / Getty Images

Während des indischen Frühlingsfestes Holi ist es üblich, mit einer »Pichkari«, einer Wasserspritze, andere nass zu machen. Tempelstatuen aus dem 12. Jahrhundert deuten an, dass dieser Brauch wohl schon sehr alt ist. Erste Wasserpistolen kamen im 19. Jahrhundert auf. Belegt ist etwa eine Wasserschlacht an einem US-College aus dem Jahr 1858. Die frühen Wasserpistolen waren allerdings aus Blech. Schnell waren sie verrostet. Erst mit der Erfindung des Kunststoffs konnte die Wasserpistole ihren Siegeszug antreten. Dafür sorgte unter anderem der Raumfahrtingenieur Lonnie Johnson. Er tüftelte einst an einer Wasserkühlpumpe herum. Plötzlich schoss ein Strahl heraus. Die »Super Soaker«, eines der meistverkauften Spielzeuge überhaupt, war erfunden. In den Neunzigerjahren begeisterte sie Kinder auf der ganzen Welt.

Foto: Dimensions / E+ / Getty Images

Manche Eltern sagen, ihr Kind solle nicht mit Wasserpistolen spielen, weil sie so kriegerisch wirkten. Kann Sebastian das verstehen? »Ich finde den Gedanken nicht abwegig«, sagt er. »Aber die Produkte, die wir anbieten, sind harmlos und verspielt. Uns geht es nur um eines – die Freude am Sommer.« Trotzdem: Die Kriege in der Ukraine und in Iran beschäftigen die Welt. Das Wort Pistole hat einen anderen Klang bekommen. »Wir sprechen mittlerweile lieber von Wasser-Blastern«, sagt Sebastian.

Noch in den Achtzigerjahren gab es Wasserpistolen, die echten Waffen sehr ähnlich sahen. Eine US-Behörde bestimmte daher: »Die Mündung von Wasserpistolen muss orange sein, ­damit es nicht zu Verwechslungen kommt«, sagt Kilian Klepper. Er ist bei Spyra für die Technik zuständig. In der Werkstatt druckt er gerade die orangefarbene Vorderseite für einen Prototyp der Spyra Go+ aus.

Die Prototypen kommen aus dem 3D-Drucker. Hier entsteht eine Mündung.

Die Prototypen kommen aus dem 3D-Drucker. Hier entsteht eine Mündung.

Foto: Lena Mucha / DEIN SPIEGEL
Die Arbeit an den Platinen ist so kleinteilig, dass Kilian fürs Löten ein Mikroskop benutzt.

Die Arbeit an den Platinen ist so kleinteilig, dass Kilian fürs Löten ein Mikroskop benutzt.

Foto: Lena Mucha / DEIN SPIEGEL

Nebenan sieht man auf Kilians Bildschirm den Bauplan einer Platine. Die steuert die Elektronik. »Ich überlege, ob wir einen dieser Mikrocontrol­ler durch einen kleineren ersetzen soll­ten. So können wir in der Herstellung drei Cent sparen. Wenn wir viele Tausende produzieren, rechnet sich das«, sagt Kilian.

Man wundert sich, wie viel Elek­tronik in so einer Pistole steckt. Ein Teil wird mit Ferrit ummantelt. »Das verhindert elektromagnetische Störungen. Die Platine deiner Wasserpistole soll ja zum Beispiel nicht das Cabrio-Dach deines Nachbarn öffnen«, erklärt Kilian. Mit seinem Fachwissen könnte er vermutlich auch in vielen anderen Hightech-Unternehmen ar­beiten. Warum gerade Wasserpistolen? »Ich bin einfach nie richtig erwachsen geworden«, sagt er und lacht.

Foto: DEIN SPIEGEL

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