SPD, Grüne und Linke verlassen X: Der falsche Schritt zur falschen Zeit

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Es muss ihnen ein ernstes Anliegen sein, wenn sich SPD, Grüne und Linke, eine Regierungspartei also und zwei Oppositionskräfte, zu einer gemeinsamen Aktion verabreden: „Wir verlassen X“ hieß diese am Montag. Mit Pomp und Paukenschlag erfolgte der öffentliche Rückzug von der Plattform.

Immer wieder posteten Spitzenpolitikerinnen und -politiker die identischen Worte. Als hätten sie keine eigenen gefunden, als müssten sie sich im Kollektiv verstecken. Von „Chaos“ und „Desinformation“ auf X war die Rede. Politische Debatten würden vom Austausch leben. Die Botschaft: Der sei auf X nicht mehr zu bekommen.

Das stimmt allerdings nicht. Ja, dieser Austausch wird mehr als früher überlagert von Störgeräuschen. Aber er ist da, und er ist relevant. Genauso wie X nach wie vor fürs Nachrichtengeschäft von Relevanz ist.

Durch die Aktion entsteht unweigerlich der Eindruck, dass diejenigen, die sich daran beteiligen, von anderen Weltbildern, von konträren Ansichten lieber nicht so sehr gestört werden wollen. Was für ein Fehler!

Denn wenn nicht einmal Spitzenpolitikerinnen und -politiker mehr aushalten, dass auf X auch Bots unterwegs sind, dass Propaganda betrieben wird, dass nicht debattiert wird wie im Leistungskurs Gemeinschaftskunde: Wer bleibt dann noch übrig, um schwierige Debatten zu führen? Um, darum geht es am Ende, die Demokratie zu verteidigen?

Die kleine Wohlfühl-Blase auf Bluesky

Diejenigen, die beim Exit mitmachen, wollen sich lieber in ihrer eigenen kleinen Wohlfühl-Blase auf Bluesky einrichten. Da werden sie – nur ein Beispiel – kaum auf Menschen treffen, die zornig sind angesichts der Probleme, die durch Migration ins Land gekommen sind. Dabei sollten sie denen aufmerksam zuhören.

Das Zurückziehen in die eigene Filterblase ist ein Grundübel der politischen Debattenkultur. Wer dem anderen Lager nicht zuhört, der kann auch nichts dazulernen. Wer die eigene Weltsicht nicht hinterfragt, der kann keine Fehler korrigieren. Wer die Gegenseite nicht mehr zu überzeugen versucht, der kämpft nur noch für sich selbst.

Auch bei Grünen, Linken und SPD haben das einige verstanden, denn längst nicht alle machen bei der Aktion mit. Ricarda Lang etwa, frühere Grünen-Vorsitzende, postete am Montag auf X etwas über Bundeskanzler Merz. „Sie sind noch hier?“, erkundigte sich spöttisch Thorsten Alsleben, Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Selbstbezeichnung bei X: „umstritten“, inklusive Anführungszeichen.

„So schnell werdet ihr mich nicht los“, antwortete Lang, und setzte einen Kuss-Smiley dahinter. Genau das ist die richtige Einstellung. Links wie rechts.

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