Sonneborn in Heidelberg: Kein Mann für diesen Staat

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Auf den Plakaten steht: „Sonneborn ist in der Stadt“. Selbst wenn es die eigene ist, könnte man sagen: ja und? Soll er doch. Aber die vielen Heidelberger, die den geräumigen Karlstorbahnhof füllen, wollen sich das Vergnügen, von dem Gründungs-, Lang- und womöglich auch Lebenszeitvorsitzenden der Satirepartei (Betonung auf Satire) Die Partei nach Strich und Faden beleidigt zu werden, offenbar nicht entgehen lassen. Schon bei erster Gelegenheit weist er sie, sein Handy aufladend – „Man muss sich den Strom nehmen, wo man ihn kriegt.“ – zurecht: „Hören Sie auf zu lachen und zu klatschen. Ich will diese Stadt möglichst schnell wieder verlassen.“ Er bleibt dann aber – das anschließende Büchersignieren zieht sich – bis nach 23 Uhr bei diesem, wie er es abschließend nennt, „billigen Testpublikum“, immer auf der Durchreise in „wichtigere Städte“.

Man kennt diesen Hang zur Publikumsbeschimpfung bei den beim Satiremagazin „Titanic“ großgewordenen Autoren. Martin Sonneborn, der von 2000 bis 2005 dessen außerordentlich kampagnenfähiger Chefredakteur war und heute einer der Herausgeber ist, legt seine one man show wie einen Dia-Abend an und lässt in provokativer Nonchalance immer wieder durchblicken, dass er weiß, im Grunde auf verlorenem Posten zu agieren. Das sichert ihm Bein-, ja, überhaupt Freiheit. Die Partei habe noch keine einzige Wahl gewonnen, gibt der fraktionslose EU-Parlamentsabgeordnete zu, der seine Brüsseler und Straßburger Präsenz dem Fehlen einer Fünfprozenthürde verdankt und seit der vergangenen Wahl die im Provozieren der Öffentlichkeit gleichfalls über Erfahrung verfügende Schweizer Schriftstellerin Sibylle Berg neben sich sitzen hat. Dass sie beide an das Wahre, Schöne, Gute nicht geradezu glauben, es sich aber wünschen, jedoch erst nach der Abschaffung des Kapitalismus’ gekommen sehen, merkt man ihnen nicht unbedingt an.

Den Altvorderen reichte der ätzende Spott

Für die „Titanic“-Gründer von der Neuen Frankfurter Schule wäre es ein Unding gewesen, „in die Politik zu gehen“; ihnen reichte der ätzende Spott über buchstäblich alles und jedes, mit dem sie ihrem genuin aufklärerischen Geschäft nachgingen. Dass Sonneborn diesen Schritt mit einem Programm riskierte, das gleichermaßen für wie gegen alles und jeden ist, brachte ihn von Anfang in eine so unabhängige wie unberechenbare Position, deren Komfortabilität noch durch das Fehlen mühsamer Fraktionsarbeit gesteigert wurde. In Brüssel schmiedet er seine Allianzen nicht mit Gesinnungsgenossen – die gibt es dort gar nicht –, sondern eher mit zweifelhaften Existenzen aus Großbritannien oder mit einem polnischen, 78 Jahre alten Monarchieanhänger, mit Hinterbänklern, denen er sich selbst natürlich auch zurechnet. Gleichwohl sind die 1,9 Prozent vom vergangenen Mal ein Ergebnis, mit dem die SPD eines Tages vielleicht auch schon zufrieden sein wird.

Der Heidelberger Abend läuft wie geschmiert und weist eine hohe Pointendichte auf. Nummernrevueartig lässt Sonneborn die vielen, durchweg unterhalb der Gürtellinie operierenden, zweckfrei blödelnden oder drastisch zuspitzenden Partei-Wahlplakate über den Bildschirm gehen, wobei die Lachbereitschaft des Publikums mit der Gehässigkeit des Demonstrierten ohne weiteres Schritt hält. Auf einschlägigen Kurz-Videos ist zu sehen, wie er seiner Intimfeindin, Kommissionspräsidentin von der Leyen, seine Unverschämtheiten ins reglose oder kalt lächelnde Gesicht sagt. Verblüffend, wie viele Aufnahmen er von den Nickerchen gesammelt hat, die der langjährige, horst-schlämmer-hafte CDU-Abgeordnete Elmar Brok („Herr Sonneborn, Sie sind faul, faul, faul!“) gerade bei wichtigen Terminen hielt.

Für Verbrüderung nicht zu haben

Für Verbrüderung ist Sonneborn trotzdem nicht zu haben. Mit ungerührter Unverfrorenheit, die eigentlich sprachlos machen müsste, bezieht er die Leute in seine Schmähsucht mit ein, variiert die Floskel „Wenn Sie Kinder haben“ mit einem uncharmanten „Wenn Sie Enkel haben“ und spricht sie ein ums andere Mal als „Typen wie Sie“ an.

Dass die sich das gefallen lassen (aber was sollte man dagegen auch sagen?), ist genauso erstaunlich wie der doch etwas biedere Ernst, mit dem die von Sonneborn mit gefährlich lauernder Generosität schließlich zugelassenen Fragen gestellt werden, natürlich nur unter der Bedingung, und da ist Heidelberg auf einmal doch wieder eine Studentenstadt, dass man ihn mit „Herr Magister“ anredet. Während manche wissen wollen, ob er wirklich schon mit 63 in Rente gehe – das wäre dann in drei Jahren –, behandelt er sie mit gespielter Rücksicht und tut dabei so, als befände man sich (noch oder schon) in einem Arbeiter- und Bauernstaat: „Sie müssen ja morgen früh auf die Felder.“ Mit dem Mann ist einfach kein Staat zu machen.

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