Klara Lidéns „Kunstwerke“: Slapstick im Finanzdistrikt

vor 1 Stunde 1

Ein brauchbarer Ratschlag für den Einstieg in die künstlerische Karriere lautet nach wie vor: Schau dir an, was um die Sechzigerjahre herum so alles angestellt wurde in Übersee und auf dem europäischen Kontinent. Abgerissene Plakate von der Straße wurden plötzlich als Bildkunst, als „Decollagen“ entdeckt, so bei Mimmo Rotella. Ein Künstler lief durch Manhattan, notierte seine Laufwege auf kopierten Stadtplänen und deklarierte das als Kunst wie On Kawara. Künstler mischten sich in Warschau oder Łódź unter die Menge, stolperten und strauchelten ohne äußeren Einfluss, irritierten damit das Laufpublikum in den Performances der polnischen Gruppe Akademia Ruchu. Ein Künstler verfrachtete sein Atelier mitsamt Inventar in eine Galerie in New York, um das Studio als Ort von Freiheit und Schaffensdrang für sich sprechen zu lassen (Lucas Samaras).

Die Ausstellungsbesucher wurden in enge Korridore geschickt, um sich selbst zu erfahren (Bruce Nauman). Es waren nicht nur Pop-, Minimal und Conceptual Art, die nach dem Abstrakten Expressionismus und der École de Paris einen anderen Ton setzten. Nouveau Réalisme und Objet trouvé, Fluxus, Happening und Performance wirbelten den Werkbegriff noch einmal gehörig auf. Wer einen Reader wie das dickleibige „Art since 1900“ zur Hand nimmt, kann eine Auswahl an Kunstgriffen, Attitüden, Eingebungen mustern, mit denen die Kunst seinerzeit noch einmal entgrenzt wurde.

Kunst kommt von Kunst

Was damals cutting edge war, lässt sich immer noch verwerten. Man kann etwas machen aus all diesen Ideen, die manchmal auch nur Einfälle genannt werden brauchen, wenn man sie umkodiert, eine eigene Story erzählt mit den Sachen aus der Fundgrube des vorigen Jahrhunderts. Museumsleute, Kuratoren, auch Kritiker mögen es übrigens, in aktueller Kunst geschichtliche Referenzen und stilistische Register wiederzuerkennen (die Zeitschrift „Texte zur Kunst“ hat einmal ein ganzes Heft dem Phänomen „Referenzialismus“ gewidmet).

Kunst kommt von Kunst: Wenn man es klug anstellt, kann daraus eine veritable Mid-Career-Show entstehen – so der Eindruck in der Ausstellung von Klara Lidén in den Berliner Kunst-Werken, einem Überblick über die vergangenen zwanzig Jahre ihres Schaffens. Und siehe da: Es funktioniert, ist sogar kurzweilig.

 Bei Klara Lidén wird eine Baustellenpassage zur monumentalen Skulptur.Transitzone: Bei Klara Lidén wird eine Baustellenpassage zur monumentalen Skulptur.Frank Sperling

Da stellen sich im Souterrain zwei begehbare, temporäre Baustellenpassagen quer in den Saal, wie sie draußen vor herabfliegenden Ziegelsteinen schützen – als Riegel okkupieren sie den Raum gleich monumentaler Skulptur. Flankiert werden sie von Müllbehältern aus unterschiedlichen Städten. Das Prinzip des Objet trouvé erfüllt im White Cube seinen Zweck, denn tatsächlich begutachtet man die funktionalen Behältnisse jetzt nach ihrem Aussehen. In einem Video läuft Lidén durch den Financial District von Manhattan und gerät dabei immer wieder ins Stolpern. Als sie ihren Wohnort Stockholm verließ, stellte sie das komplette Inventar ihrer Wohnung kompakt in einer Ausstellung zusammen, wie auch jetzt in Berlin. Schließlich trifft man in der umfangreichen Schau auf die „Poster Paintings“ der ehemaligen Architekturstudentin: Plakate entfernt sie seit 2007 aus dem öffentlichen Raum, klebt sie übereinander und bedeckt sie mit weißem Papier, collagiert Décollagen.

Unweigerlich triggert all diese stoisch analoge Kunst die Erinnerung an besagte Sechziger, aber warum wirkt das nicht einfach als schaler Aufguss? Weil es so präzise, klar, souverän eingerichtet und zudem auch selbstironisch auftritt (Titel der Schau in den Kunst-Werken: „Kunstwerke“) – weil die Alltagsdinge mit sich selbst identisch bleiben und eben doch auch in Kunst verwandeln. Und weil Lidén einen Sinn für Situationskomik und Witz hat, wenn sie sich als Balletteuse versucht und ins Warm-up der Kompanie des Eremitagetheaters St. Petersburg einschleust. Oder in der U-Bahn eine Tanzeinlage zwischen Stunt und Slapstick hinlegt.

Im Kuratorenjargon heißt das dann, sie „testet die Regeln der öffentlichen Infrastruktur“, erobere Umgebungen, „die von Kontrolle und Ausschluss geprägt sind“, werfe „grundlegende Fragen nach Eigentum, Zugang, Nutzung und Teilhabe“ auf. Das klingt nach Diskurs, ebenso lässt es sich aber als Lust an der künstlerischen Freiheit in der Stadt beschreiben. Diese Freiheit und ihre Lust teilen sich in der Berliner Ausstellung mit: Das Draußen holt sie herein, führt es vor, um drinnen eine heimische, aber auch leicht absurde Welt entstehen zu lassen.

Klara Lidén: „Kunstwerke“. KW Berlin; bis 10. Mai. Katalog in Vorbereitung.

Gesamten Artikel lesen