Seit Wochen steht Hannah Häffners neuer Roman „Die Riesinnen“ auf der Bestsellerliste, immer unter den ersten zehn Plätzen. Nur wenige Bücher verkaufen sich so gut, dass ihre Autoren und Autorinnen davon leben können. Hannah Häffner, 1985 in Heidelberg geboren, hat das geschafft. Momentan sei sie eine „Vollzeit-Autorin“, so hat sie es Ende März beim Gespräch in Stuttgart erzählt, und das „ein Privileg“ genannt.
In „Die Riesinnen“ begleitet man Liese, Cora und Eva Riessberger – Großmutter, Mutter, Tochter – bei ihrem Aufwachsen und Älterwerden in einem fiktiven Dorf im Schwarzwald. Weil sie etwas größer sind als alle anderen, passen die Frauen nie so recht in das kleine Örtchen, trotzdem verlassen sie es bis auf wenige Ausnahmen nicht. Es ist ein empathischer Roman, der universelle Fragen nach Heimat und Zugehörigkeit verhandelt. Und er ist der neue Titel des Projekts „Gemeinsam lesen“, das die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gemeinsam mit der Buchhandelskette Thalia Anfang dieses Jahres begonnen hat. Im digitalen Book Circle von Thalia können Sie sich mit anderen Leserinnen und Lesern über „Die Riesinnen“ austauschen.
F.A.Z.Aber es ist nicht das erstes Werk von Hannah Häffner. Davor kamen drei Kriminalromane: Der erste, „Nordseenacht“ von 2020, handelt von einem Mädchen, das in den späten 1980er Jahren auf einer Ferienfreizeit im fiktiven Küstenort Hulthave verschwindet. Die Ermittlungen bleiben ergebnislos. Als fünfundzwanzig Jahre später das Meer eine bewusstlose Frau ans Ufer schwemmt und die sich an nichts erinnern kann, beginnen der mittlerweile pensionierte Kommissar und die damalige Kinderbetreuerin sich erneut an die Arbeit zu machen.
Eine Schicksalsgemeinschaft von Frauen
Auch Häffners zweiter Roman „Nebelküste“ (2021) spielt an der Nordsee. Nachdem Frankas Ehemann ihr seine Affäre beichtet, flieht sie in das verlassene geglaubte Haus ihrer verstorbenen Großmutter. Dort trifft sie aber auf Iris, die beteuert, mit der Großmutter befreundet gewesen zu sein. Kurze Zeit später ziehen die beiden eine junge Frau aus den Wellen, verhindern so deren Suizid. Franka fällt es schwer, den beiden anderen Frauen zu vertrauen. Je länger die Schicksalsgemeinschaft zusammenwohnt, desto bedrohter fühlt sie sich. Die Gefahr ist allerdings schwer zu greifen: Hat Franka einfach vergessen, die Tür abzuschließen? Oder warum liegen im Flur plötzlich drei Steine, die wie eine Drohung auf die drei Hausbewohnerinnen wirken? Die Zwischenfälle häufen sich, bis die Polizei eines Tages eine Leiche in der Umgebung findet.
„Dunkle See“, der dritte Kriminalroman von 2023, erinnert an Hannah Häffners Erstlingswerk. Im fiktiven Ostseedorf Siehl verschwindet die Teenagerin Izzie kurz vor dem Abitur. Erst zwanzig Jahre später findet die Polizei ihre Leiche und nimmt den damaligen Ex-Partner Georg fest. Während Izzies Kindheitsfreundin Paula zweifelt, dass er der Täter ist und auf eigene Faust zu ermitteln beginnt, ist die Dorfgemeinschaft von Georgs Schuld überzeugt. Und als der dann die Untersuchungshaft straffrei verlässt, überlegen die Einwohner, wie sie Vergeltung üben können.
Gefühlswelt Verbrechen
Vermisste Kinder, ausgegrabene Leichen: Hannah Häffners Geschichten lesen sich trotzdem nicht als typische Krimis. Ihre Spannung entfaltet sich nur langsam über die jeweils 350 Seiten. Was ist damals geschehen? Wer ist der Mörder oder die Mörderin? An solchen Fragen hangeln sich die Handlungen genregemäß entlang. Doch darum, Kriminalfälle einfach nur zu lösen, scheint es Häffner nicht zu gehen. Vielmehr taucht die Autorin in die Gefühlswelt ihrer Protagonisten ein, seziert, was Verbrechen in Menschen auslösen können, die sie erleben.
So begleitet man in „Nordseenacht“ unter anderem die Betreuerin Sascha, die sich für das Verschwinden des Mädchens verantwortlich fühlt und an dieser lebenslangen Schuld fast zerbricht. In „Nebelküste“ schaut man Franka dabei zu, wie neue Informationen das Bild ihrer Großmutter bröckeln lassen; wie sie damit umgeht, dass eine heißgeliebte Person sich im Nachhinein als jemand anderes entpuppt. „Dunkle See“ indes rückt ein ganzes Dorf in den Fokus – der kollektive Wunsch nach Rache, wenn die Ermittlungsbehörden vermeintlich gescheitert sind.
Atmosphärische Verortung
Häffner nimmt sich Zeit, um Emotionen und Situationen genaustens auszuleuchten und beweist dabei einen Sinn für Details. So huscht in „Nordseenacht“ ein Junge „in rot geringelten Stümpfen“ eine Treppe nach oben oder an einer anderen Stelle fallen dem Kommissar die Sommersprossen einer Kollegin auf: „Es waren unheimlich viele, klein und dunkel schwärmten sie aus, über ihr ganzes Gesicht.“ Alle drei Bücher sind voller solcher Beschreibungen, sie helfen den Leserinnen und Lesern dabei, sich atmosphärisch zu verorten. Klar und deutlich sieht man vor Augen, wie die Kinderschar in „Nordseenacht“ über den Zeltplatz tollt oder antike Glasflaschen aus „dem Nachlass eines Wiener Apothekers“ im Regal im Haus in „Nebelküste“ stehen.
Leider verliert sich Hannah Häffner zuweilen aber dann auch in Nebenschauplätzen, versperren die vielen Details den Blick fürs große Ganze – die Plots. Bis auf eine zutiefst überraschende Wendung in „Dunkle See“ bleiben raffinierte Handlungsstränge selten, vieles meint man in ähnlicher Form bereits woanders gelesen zu haben, Charakterzeichnungen wie die des Außenseiters Torsten oder des Kommissars Wedeland in „Nordseenacht“ sind klischiert. Für Krimifans, für die jeder Nervenkitzel vertraut und daher jedes neue Buch ähnlich aufgebaut sein muss, mag das funktionieren. Für die (mutmaßt die Autorin dieser Zeilen) sind die Werke aber wahrscheinlich nicht gruselig genug.
Luft zum Atmen und zum Rätseln
Auch die Geschichte, die Hannah Häffner in ihrem literarischen Debüt „Die Riesinnen“ erzählt, gehört zu einem Genre, das in letzter Zeit inflationär geworden zu sein scheint: der Generationenroman. Doch anders als in ihren ersten drei Werken verliert sich Hannah Häffner hier nicht mehr im Detail. Statt jeden Gedanken aus zu buchstabieren oder zu wiederholen, schimmern Gefühle zwischen den Zeilen hindurch. Lässt die Erzählerin ihrem Publikum Luft zum Atmen, zum Rätseln, darüber, was ihre Figuren antreibt.
Ohne ihre ersten drei Bücher, so hat es Hannah Häffner beim Gespräch im Stuttgart im März selbst erzählt, hätte sie niemals den Punkt erreicht, an dem sie jetzt, mit den „Riesinnen“, angekommen sei. „Aber ich war damals noch auf der Suche nach Stoffen, bei denen ich mich wohlfühle“, sagte sie. Nun sei sie bei den Geschichten angelangt, die sie wirklich erzählen möchte.

vor 3 Stunden
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