Sexualisierte Deepfakes: „Manipulierte Bilder von mir zeigten Vergewaltigungsszenen“

vor 1 Tag 1

Theresia Crone ist 23 Jahre alt, Jurastudentin und politische Aktivistin. Ende 2023 wurde sie Opfer sexualisierter Deepfakes. Im Netz tauchte ein Profil mit ihrem Namen, ihrem Gesicht und manipulierten Nacktbildern auf. Crone erstattete Anzeige und versuchte gemeinsam mit Polizei, Anwalt und der Organisation Hate Aid, die Inhalte löschen zu lassen. Der Täter wurde später per Strafbefehl zu einer Geldstrafe verurteilt.

Frau Crone, wie haben Sie überhaupt mitbekommen, dass manipulierte sexualisierte Bilder von Ihnen im Umlauf sind?

Im Dezember 2023 bekam ich immer wieder merkwürdige Nachrichten, die ich zunächst nicht einordnen konnte. Menschen deuteten Gespräche an oder taten so, als würden sie mich kennen. Am 5. Dezember schrieb mir dann jemand auf Linkedin unter falschem Namen. Er chatte seit Wochen mit mir und frage sich inzwischen, ob ich das wirklich sei. Er sagte es nicht ausdrücklich, aber es klang nach sehr intimen Chats, in denen eine Art Beziehung angedeutet wurde und es um sexuelle Phantasien ging. Damals ging es um ein Profil auf Discord, also keine öffentliche Plattform. Ich hatte keine Beweise, und die Person wollte mir aus Sorge, selbst hineingezogen zu werden, auch keine Screenshots schicken.

In den Weihnachtstagen, ich war wegen der Prüfungsphase zu Hause, schrieb mir jemand auf Instagram: „Hallo, ich glaube, hier gibt es ein Fakeprofil von dir.“ Er schickte mir einen Link. Es war ein Profil auf einer großen Social-Media-Plattform. Da stand mein Name, da war mein Gesicht, dazu viele private Details, manche stimmten, manche nicht. Zu sehen waren gefälschte Nacktbilder und stark sexualisierte Beiträge. Einige Bilder zeigten gewaltvolle Szenen, die ich als Vergewaltigungsszenen beschreiben würde.

Sie wollen den Namen der Plattform nicht nennen. Warum?

Man hat das bei Collien Fernandes gesehen. Nach der „Spiegel“-Recherche gab es plötzlich viele Suchanfragen bei Google von Menschen, die versucht haben, die Nacktbilder zu finden. Das Internet vergisst nicht. Es gibt Archive und genug Wege, Bilder wieder aufzutreiben. Es ist fast unmöglich, alles zu löschen. Deshalb nenne ich die Plattform nicht, damit sich Profile und Bilder nicht rekonstruieren lassen.

Was haben Sie dann getan?

Meine Priorität war, die Inhalte aus dem Netz zu bekommen. Ich habe ständig mit der Angst gelebt, dass jemand meinen Namen googelt und dann diese Bilder findet, ein Professor, Freunde, spätere Arbeitgeber. Wenn man einmal so gesehen wurde, in einer sexualisierten oder gewaltvollen Situation, auch wenn sie nicht real ist, lässt sich das nicht einfach zurückdrehen.

Sie sagten es schon, Bilder vollständig aus dem Netz zu bekommen, ist schwierig. Wie sind Sie vorgegangen?

Ich habe Hate Aid kontaktiert und einen Anwalt eingeschaltet. Die Polizei wandte sich an die Plattform, ich selbst auch, Hate Aid ebenfalls. Nach vielen Wochen war das erste Profil gelöscht.

Das ist eine lange Zeit, in der Sie wissen, dass diese Bilder weiterhin online sind. Wie haben Sie das erlebt?

Es fühlte sich endlos an, und es war extrem belastend. Das Absurde war, dass mir von vielen Seiten signalisiert wurde, das sei ein großer Erfolg. Beratungsstellen sagten mir, wie schwierig das Löschen sei. Natürlich ist es gut, wenn ein Profil verschwindet. Aber es fühlte sich nicht wie Erfolg an, eher wie Schadensbegrenzung. Denn nicht die Gewalt endete, sondern nur die Auffindbarkeit an dieser einen Stelle.

War Ihnen sofort klar, dass es manipulierte Aufnahmen sind?

Nein. Mein erster Reflex war, zu überlegen, wann ich in diesen Situationen gewesen sein soll. Ich wusste, dass das nie passiert ist. Aber mein Gehirn ist nicht darauf trainiert, mein Gesicht auf einem echten Foto von einem manipulierten zu unterscheiden. Ich weiß bis heute nicht mit absoluter Sicherheit, ob es Deepfakes waren oder jemand sehr gut mit Photoshop gearbeitet hat. Die Konsequenz ist dieselbe. Ich weiß nicht, ob ich diese Bilder jemals wieder aus dem Kopf bekomme. Ich wollte sie nie sehen, aber ich wurde dazu gezwungen. Später haben Leute sie mir sogar geschickt, um mich zu provozieren, auch nachdem sie von der ersten Plattform gelöscht waren.

Was haben Sie getan, als Sie die Bilder zum ersten Mal gesehen haben?

Ich erinnere mich nicht an alles, diese Tage waren traumatisierend. Ich weiß noch, dass ich mein Handy aufs Bett geworfen habe und erst einmal nicht begreifen konnte, was da gerade passiert. Dann habe ich Freunde gebeten, mir beim Dokumentieren zu helfen, weil ich gemerkt habe, dass es mir nicht guttut, die Bilder immer wieder anzusehen. Danach habe ich überlegt, wie ich mich wehren kann, wo ich Hilfe bekomme, und dann habe ich einen Plan gemacht.

Das war nicht das erste Mal, dass Sie sexualisierte Gewalt bei der Polizei gemeldet haben. Welche Erfahrung hatten Sie bis dahin gemacht?

Ich hatte schlechte Erfahrungen gemacht. Mit 17 stellte ich zum ersten Mal Strafanzeige, weil ich „Fridays for Future“-Demonstrationen in Schwerin organisiert habe. Ich bekam einen Anruf, in dem jemand sagte, er wolle mich vergewaltigen. Das hielt ich für politisch motiviert. Bei der Polizei hieß es, ich sei zu jung, um politisch engagiert zu sein. Und der Anruf sei unterdrückt gewesen, man könne nichts machen.

Ich erklärte der Kriminalkommissarin, dass eine Staatsanwaltschaft eine Abfrage beim Telefonanbieter veranlassen kann. Trotzdem wurde das Verfahren eingestellt. Soweit ich weiß, gab es keine weiteren Ermittlungen. Daraus habe ich gelernt, Dinge nur dann anzuzeigen, wenn es wirklich nicht anders geht.

Ja. Hier war die Schwelle überschritten. Aber ich wollte es diesmal anders machen. Als Jurastudentin wusste ich mehr als mit 17. Vor allem aber habe ich entschieden, ich mache das nicht mehr allein. Das würde ich auch anderen Betroffenen raten.

Wie lief es diesmal mit der Polizei?

Ich meldete mich direkt beim zuständigen Fachkommissariat für Cyberkriminalität. Beim ersten Anruf hatte ich den Eindruck, eher abgewimmelt zu werden. Man sagte mir, ich solle lieber online Anzeige erstatten oder zu einer Dienststelle gehen. Ich hatte mich bewusst dagegen entschieden, weil ich die Geschichte nicht immer wieder erzählen wollte. Ich musste darauf bestehen, dass die Anzeige direkt aufgenommen wird.

Hatten Sie den Eindruck, dass der Beamte für solche Fälle sensibilisiert ist?

Ich hatte nicht das Gefühl, dass man als Betroffene auch als Opfer sexualisierter Gewalt wahrgenommen wird. Man wird, wenn überhaupt, zur Zeugin. Man soll sachlich sein, gut dokumentieren, juristisch sauber argumentieren und am besten schon alles selbst herausgefunden haben. Bloß nicht emotional auftreten. Es entsteht der Eindruck, man sei in einer Bringschuld. Und dass erwartet wird, man dokumentiere alles rechtssicher und ermittle im Zweifel den Täter gleich mit.

Was raten Sie Betroffenen, wenn sie solche Inhalte von sich finden? Wie sollte man dokumentieren, bevor man zur Polizei geht?

Man sollte von allen Inhalten Screenshots erstellen lassen, besonders von dem, was man bei Plattformen meldet, damit es gelöscht wird. Sonst lässt sich später schwer rekonstruieren, was genau online war. Wichtig sind rechtssichere Screenshots, auf denen Datum, Uhrzeit und Kontext zu sehen sind. Ich finde, Betroffene sollten das möglichst nicht selbst machen. Diese Dokumentation ist eine wiederholte Konfrontation mit der Gewalt. Besser ist es, Freunde oder Familie zu bitten und sich an Anwälte, Beratungsstellen oder Organisationen zu wenden, die unterstützen.

„Nachdem der Täter ermittelt war, hörte ich anderthalb Jahre lang nichts“, sagt Theresia Crone.„Nachdem der Täter ermittelt war, hörte ich anderthalb Jahre lang nichts“, sagt Theresia Crone.dpa

Wie wurde der Täter ermittelt? Kannten Sie ihn?

Das muss man der Polizei zugutehalten. Die Identität des heute verurteilten Täters wurde nach drei Wochen ermittelt, vergleichsweise schnell. Soweit ich es mitbekommen habe, fand die Polizei, vermutlich in Kooperation mit der Plattform, die E-Mail-Adresse, mit der der Account angelegt wurde. Sie lief zwar auf meinen Namen, aber über die Telefonnummer zur Einrichtung dieser E-Mail-Adresse konnte der Täter identifiziert werden. Ich kannte ihn nicht und bin ihm meines Wissens nie begegnet. Er ist ungefähr in meinem Alter, engagiert sich in einer demokratischen Partei und arbeitet an einer Universität.

Wie ging es mit dem Verfahren weiter?

Nachdem der Täter ermittelt war, hörte ich anderthalb Jahre lang nichts. Ich fragte immer wieder nach. Einmal hieß es, der Fall liege nun bei einer anderen Staatsanwaltschaft. Im Mai 2025 teilte mir die zuständige Staatsanwaltschaft mit, dass es eine Hausdurchsuchung gegeben habe und der Täter geständig sei. Danach wieder nichts, bis im Januar dieses Jahres ein Journalist bei der Staatsanwaltschaft zu meinem Fall nachfragte. Ihm wurde gesagt, man verstehe meine Kritik an der Dauer nicht, weil der Täter seit vielen Monaten rechtskräftig per Strafbefehl verurteilt gewesen sei.

Sie erfuhren also nicht einmal durch die Polizei von der Verurteilung?

Genau. Weil es einen Strafbefehl gab, wurde ich darüber nicht informiert. Ich konnte dadurch weder vor Gericht aussagen noch als Nebenklägerin auftreten. Ich konnte auch kein Schmerzensgeld im Strafverfahren geltend machen.

Der Strafbefehl lautete auf 100 Tagessätze, also eine Geldstrafe. Ab mehr als 90 Tagessätzen gilt man zudem als vorbestraft.

Ist das aus Ihrer Sicht angemessen?

Ich finde es schwer, einzelne Urteile pauschal zu bewerten. Aber ich habe den Eindruck, dass Strafen in Deutschland für digitale Gewalt, besonders für sexualisierte Gewalt, oft zu niedrig sind. Wichtiger als das Strafmaß ist für mich, dass die Justiz nicht ausreichend anerkennt, was solche Taten im Leben der Betroffenen anrichten. Und allein der Umstand, dass ich nicht aussagen konnte und nicht einmal über das Urteil informiert wurde, zeigt ein strukturelles Problem. Das Thema ist zu groß, um nur über eine Zahl zu diskutieren. Sinnvoll wäre es zum Beispiel, über Social-Media-Verbote zu sprechen, um andere Frauen vor Tätern zu schützen, bei denen bewiesen ist, dass sie Frauen wiederholt erniedrigt und ihnen Gewalt angetan haben.

Bei „Miosga“ sagten Sie, Ihr Fall sei der einzige öffentlich bekannte in Deutschland, in dem es im Zusammenhang mit sexualisierten Deepfakes zu einer Verurteilung gekommen ist.

Nach der Ausstrahlung hat sich eine weitere Betroffene bei mir gemeldet. Sie steht nicht in der Öffentlichkeit und berichtete, dass ihr Täter zu 60 Tagessätzen verurteilt worden sei, also ohne als vorbestraft zu gelten. Wie bei mir ist sie nicht über die Verurteilung informiert worden. Sie hat erst fünf Monate später davon erfahren, als ihrer Anwältin die Akte übersandt wurde. Bemerkenswert fand sie außerdem, dass die Verurteilung ausgerechnet auf einen Paragraphen gestützt wurde, von dem in der juristischen Literatur häufig gesagt wird, er lasse sich auf Deepfakes eigentlich nicht anwenden.

Welcher Paragraph ist das?

Paragraph 201a Strafgesetzbuch, die Strafvorschrift zur Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs und von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen. Strafbar ist demnach, bestimmte Aufnahmen unbefugt herzustellen oder zu verbreiten, etwa aus besonders geschützten Räumen oder von hilflosen Personen. Ebenfalls erfasst ist, solche Aufnahmen zugänglich zu machen, wenn sie geeignet sind, dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden.

Warum, glauben Sie, waren Sie im Fokus dieses Mannes, wenn Sie ihn nicht einmal kannten?

Viele Posts thematisierten, dass ich Klimaaktivistin bin. Daraus konnte ich auch entnehmen, dass andere junge, politisch engagierte Frauen im Fokus des Täters standen. Ich denke, er hat mich wegen meines politischen Engagements ausgewählt. Dabei hatte ich damals nur regionale Sichtbarkeit, keine große Reichweite und saß auch nicht in Talkshows. Ich war eine einundzwanzigjährige Studentin, die gelegentlich Klimademonstrationen organisiert hat.

Später saßen Sie bei Caren Miosga auf einer viel größeren Bühne. Hatten Sie vorher Sicherheitsbedenken?

Ja. Jedes Mal, bevor ich mich öffentlich äußere, frage ich mich, welche Konsequenzen das haben kann. Nicht nur im Sinne von Kritik, die gehört zum demokratischen Diskurs. Ich meine konkrete Sicherheitsfragen. Als die Anfrage für „Miosga“ kam, sprach ich zunächst mit mehreren Sicherheitsexperten, archivierte Accounts und traf Vorkehrungen. Auch wenn ich zu Veranstaltungen gehe, bei denen vorher angekündigt wird, dass ich da bin, muss ich wissen, wo die nächste Polizeidienststelle ist oder wie das Sicherheitskonzept der Veranstalter aussieht. Ich finde das schrecklich. Aber ich muss mir diese Fragen stellen, sonst kann ich mich nicht mehr öffentlich engagieren.

Was geschah nach der Sendung?

Nach der Ausstrahlung passierte genau das. Es gab einen riesigen Shitstorm, falsche Tatsachenbehauptungen über mich, ich wurde Terroristin genannt, und misogyne Beschimpfungen auf X bekamen Hunderte Likes. Das war einerseits erwartbar. Andererseits bleibt es systemische Gewalt, teils in Form organisierter Kampagnen mit einem Ziel. Frauen, junge progressive Stimmen oder auch migrantisierte Personen sollen aus dem Diskurs gedrängt werden.

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