Serie „Original aus Wien“, Folge 27: Der Papierene

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Am 15. März 1938 stand Adolf Hitler auf dem Balkon der Wiener Hofburg und verkündete „den Eintritt meiner Heimat Österreich in das Deutsche Reich“. Einige Wochen später, am 3. April, fand das sogenannte Anschluss-Fußballspiel zwischen der deutschen und der österreichischen Nationalelf statt, in dem ein scheuer, schmaler Spieler im Mittelpunkt stand, einer der besten Kicker jener Zeit: Matthias Sindelar. Sindelar, Kapitän der Österreicher, drang darauf, dass seine Mannschaft in den rot-weiß-roten Landesfarben spielte, was viele als Akt des Widerstands sahen. Und als er das 1:0 erzielte, jubelte Sindelar demonstrativ vor der Ehrentribüne der Nazis. Ein Heldenmythos? Nicht ganz. Sindelar kaufte noch 1938 ein arisiertes Café, gegen den Willen des jüdischen Besitzers.

Matthias Sindelar wurde am 10. Februar 1903 in Kozlau in Mähren geboren, der Vater war Maurer, die Mutter kümmerte sich um die vier Kinder. Als Matthias drei Jahre alt war, zog die Familie ins Arbeiterviertel Favoriten nach Wien, wo der Bub bald mit dem Fetzenlaberl kickte, einem aus Stoffresten genähten Ball. Er begann eine Schlosserlehre und spielte beim ASV Hertha, später wechselte er zu den Wiener Amateuren, dem Vorläufer der Austria. Für die Nationalelf, die damals wegen ihrer hohen Siege „das Wunderteam“ genannt wurde, schoss Sindelar 27 Tore in 43 Spielen. Der Schriftsteller Friedrich Torberg dichtete: „Er spielte Fußball wie kein Zweiter, er stak voll Witz und Fantasie. Er spielte lässig, leicht und heiter, er spielte stets, er kämpfte nie.“ Wegen seiner schmächtigen Statur nannten sie ihn den „Papierenen“.

Dann kamen die Nazis. Sindelar wehrte sich im Anschlussspiel und wollte danach nicht in der großdeutschen Nationalmannschaft spielen – offiziell mit dem Hinweis auf sein fortgeschrittenes Alter von 35 Jahren. Andere vermuteten politische Gründe. Der Fußballautor Dietrich Schulze-Marmeling zitiert in seinem Buch „Der gezähmte Fußball“ den Reichstrainer Sepp Herberger: „Sindelar konnte sich mit dem Nazi-Regime nicht identifizieren.“ Andererseits stellte Sindelar im Juni 1938 einen Kaufantrag für das Café Annahof in Favoriten, das dem Juden Leopold Drill gehörte. Sindelar bezahlte angeblich bloß 20 000 Reichsmark, obwohl das Café fast 50 000 wert gewesen sein soll. Drill wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert und dort 1943 ermordet.

Matthias Sindelar war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Er starb, zusammen mit seiner jüdischen Freundin Camilla Castagnola, am 23. Jänner 1939 in deren Wohnung. Als Todesursache wurde Rauchgasvergiftung angegeben, angeblich war der Abzug des Ofens defekt. War es ein Unglück? Suizid? Oder gar Mord? Bis heute ranken sich darum Gerüchte. Die Polizeiakten dazu verschwanden im Krieg. Zu Sindelars Beerdigung auf dem Zentralfriedhof kamen 15 000 Trauergäste, und in Favoriten gibt es heute eine Sindelargasse.

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