Die globale Geburtenrate sinkt seit Jahrzehnten. In wohlhabenden Ländern nahmen Geburten ab Ende der 1990er-Jahre jedoch zu – bis 2007. Seit 2008 geht es flott bergab. Was ist damals passiert? Eine Weltfinanzkrise, lautet ein gängiger Erklärungsansatz. Doch die ist vorbei; von 2010 bis 2019 wuchs die Wirtschaft, während die Geburtenraten weiter sanken. Besonders ausgeprägt ist der Rückgang bei Teenagern, die selten mit Ausblick auf die Wirtschaftslage Kinder planen. Eine neue Studie weist auf eine andere Mitursache: die Verbreitung des iPhones.
Smartphones gehen mit weniger Sozialkontakten, mehr Pornokonsum, weniger Geschlechtsverkehr und mehr Zugang zu Information über Verhütung einher. Der Effekt des Smartphones auf die Geburtenrate ist mehr als bloße Korrelation, sagen die Wirtschaftswissenschaftler Caitlin Myers und Ezekiel Hooper vom Middlebury College in Vermont, wenn auch nicht die ganze Geschichte.
Sie definieren den Beginn des Zeitalters moderner Smartphones mit der Markteinführung des iPhones im Jahr 2007. Durch aufwändige Auswertungen der Jahre 2007 bis 2011 gelangen sie zu dem Schluss, dass die Verbreitung des iPhones, je nach Berechnungsmethode, ein Drittel bis knapp über die Hälfte des Rückgangs der Geburtenrate in den USA erklärt.
iPhones jahrelang nur in Teilen der USA nützlich
Die Beschränkung auf den Zeitraum bis 2011 liegt daran, dass das iPhone eine Alleinstellung hatte und bis 2011 nur in Teilen der USA nutzbar war. Android-Smartphones gab es damals wenige, und wenn, dann zunächst nur im fast deckungsgleichen Netzabdeckungsgebiet. Das erlaubt den Vergleich der Entwicklung in Gebieten mit und ohne Smartphones, heruntergebrochen auf die über 3.000 Countys der USA. "Gemischte" Countys, also solche mit teilweiser Smartphone-Nutzbarkeit, bleiben im Vergleich außen vor.
Steve Jobs stellte das iPhone Anfang 2007 vor. Ende Juni 2007 gelangte es in den Verkauf. Exklusiver iPhone-Partner war der Mobilfunknetzbetreiber AT&T. Für andere US-Netze waren iPhones gesperrt, und selbst die selten durchgeführten Jailbreaks halfen kaum, denn die landesweiten Mitbewerber Sprint und Verizon nutzten den Funkstandard CDMA. iPhones unterstützen CDMA erst ab dem iPhone 4S Ende 2011. Nur im GSM-Netz der T-Mobile USA hätten entsperrte iPhones der Jahrgänge 2007 bis 2010 eingesetzt werden können. Doch erreichte T-Mobiles Mobilfunknetz kaum Countys, die nicht auch von AT&T erschlossen waren.
2024 lag die Geburtenrate bei US-Teenagern (15-19 Jahre) 70 Prozent unter jener des Jahres 2007. Bei 20- bis 24-Jährigen waren es -47 Prozent. Bei älteren Müttern ist der Rückgang geringer, ab 35 Jahren gibt es sogar mehr Babys. Sie fallen allerdings weniger ins Gewicht, weil Mütter in diesem Alter vergleichsweise selten sind. Insgesamt beträgt der Rückgang 22 Prozent. Was immer diesen enormen Fall erklären solle, müsse groß, datiert und weit verbreitet sein, quer durch die sozialen Gruppen, betonen Myers und Hooper. Das iPhone erfüllt diese Voraussetzungen.
Alternative Smartphones im heutigen Sinne gab es wenige: Für das Weihnachtsgeschäft 2008 nahm T-Mobile erstmals ein Android-Gerät ins Portfolio auf, das G1 (HTC Dream). Erst ein weiteres Jahr später folgten Spring (HTC Hero) und Verizon (Motorola Droid). Daher kann das iPhone für den Studienzeitraum als Synonym für das Smartphone herhalten.
Vergleich von Regionen mit und ohne iPhone-Netz
So können die Studienautoren die Geburtenraten für verschiedene Bevölkerungsgruppen in Countys mit mehr als 90 Prozent potenzieller iPhone-Abdeckung mit jener in Countys mit weniger als zehn Prozent vergleichen. Dabei zeigt sich, dass Countys mit hoher iPhone-Nutzbarkeit im relevanten Zeitraum 2008 bis 2011 deutlich niedrigere Geburtenraten aufweisen: -12,2 Prozentpunkte bei Teenagern, -4,6 Prozentpunkte bei Frauen in ihren 20ern, und -5,1 Prozentpunkte in ihren 30ern. Doch diese Auswertung wäre zu kurz gegriffen, unterscheiden sich die Countys doch in vielfacher anderer Weise. Beispielsweise hatten urbane Gebiete viel eher AT&T-Versorgung als rurale. Auch Wohlstand, Weltanschauung und Hautfarbe sind ungleich verteilt.
Um diese Unterschiede herauszurechnen, bedienen sich die Autoren zweier Herangehensweisen: Eine entropieausgeglichene Poisson-Ereignisstudie auf der einen Seite, ein synthetischer Differenz-von-Differenzen-Ansatz (SDID) auf der anderen, wobei sie letzteren in diesem Fall für aussagekräftiger halten. Im Ergebnis führen sie ein Drittel (Poisson) bis 52 Prozent (SDID) des Geburtenrückgangs auf die Smartphone-Verbreitung zurück.
Das Ergebnis besteht auch den Test statistischer Robustheit sowie Placebo-Vergleiche. Keine nennenswerte Rolle spielt die Zahl früherer Geburten oder der Ehestand. Der Smartphone-Effekt ist bei weißen und hispanischen Frauen ähnlich – nur bei Schwarzen findet die Studie keine Auswirkung. Das könne an der deutlich geringer ausgeprägten iPhone-Nutzung sowie schon vor 2007 beobachteten Trends bei Schwarzen liegen, mutmaßen die Autoren; eine endgültige Erklärung dafür haben sie nicht gefunden.
So wirkt das Smartphone
Nicht Gegenstand der US-Studie ist der exakte Wirkweise des iPhones, die zu weniger Geburten führt. Dazu verweisen die Autoren auf mehrere vorangegangene Studien, beispielsweise abträgliche Auswirkungen von Facebook-Nutzung auf die geistige Gesundheit. Die in Gesellschaft anderer Menschen verbrachte Zeit (ohne Arbeit und Schule) ist demnach drastisch gefallen, während viel mehr Zeit alleine verbraucht wird – und wer alleine bleibt, erhält selten Besuch vom Storch.
Damit einher geht ein Rückgang von Geschlechtsverkehr bei gleichzeitiger Zunahme von Verhütung. Das Smartphone hilft bei der Aufklärung, verschafft aber auch leichteren Zugang zu Pornographie. Pornokonsum verdrängt Geschlechtsverkehr, und tatsächlich haben Amerikaner im Studienzeitraum ihren Pornokonsum intensiv erhöht – einerseits haben sie das in einer großen, repräsentativen Studie selbst angegeben, andererseits zeigen Google-Suchtrends, dass sich der relative Anteil von Suchen nach "porn" im relevanten Zeitraum mehr als verdoppelt hat.
Gruppeneffekt
Der zeugungsvermindernde Effekt des iPhones träte allerdings nicht bei einzelnen iPhone-Nutzern als solchen auf: "Ob das eigene Mobiltelefon etwas bewirkt, hängt wahrscheinlich davon ab, ob die Altersgenossen welche haben; ein Handy in einer Freundesgruppe voller Handyloser ist eine andere Intervention als ein Handy in einer Gruppe, in der jeder eines hat."
"Wir behaupten nicht, dass das iPhone der einzige Auslöser für den Rückgang (der Geburtenrate) nach 2007 ist, ... aber im erfassten Zeitraum 2008-2011 zeigen unsere Schätzungen, dass die Einführung moderner Smartphones eine große Rolle beim Rückgang von US-Geburten gespielt hat", fassen Myers und Hooper zusammen. Die Beweise für die (zugrundeliegenden) Mechanismen legten nahe, dass Beziehungen sowie die Zeit für und Bereitschaft zu Intimität beeinflusst werden. An den Kosten von Elternschaften liege der Rückgang der Geburtenrate indes es nicht.
In das gleiche Horn stößt eine auf Teenager fokussierte Studie von Nathan Hudson und Hernan Moscoso Boedo von der Universität Cincinnati. Diese beiden betonen den Effekt fallender Smartphonepreise. Ihre Studie zeigt den Zusammenhang eher leistbarer Smartphones mit der fallenden Geburtenrate nicht nur für die USA, sondern auch für England und Wales. Da die Entwicklung auf beiden Seiten des Atlantik praktisch deckungsgleich ist, dürfte sie nicht an den jeweiligen Gesundheitssystemen liegen, die sehr unterschiedlich ausgestaltet sind.
(ds)








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