Es ging heiß zu bei den Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch. Eine hitzige Aufführung von Felix Mendelssohn Bartholdys berühmtem Es-Dur-Oktett stach besonders hervor. In diesem schweißtreibenden Tempo so effektvoll präzise zu agieren wie im Zusammenspiel des Geigers Vadim Gluzman mit dem Bratschisten Nils Mönkemeyer, ist nur einer der vielen Höhepunkte des viertägigen Festivals im Namen des vor 120 Jahren geborenen Komponisten Dmitri Schostakowitsch gewesen.
Im Brennpunkt aber stand Musik des nur sechs Jahre jüngeren polnisch-jüdischen Weißrussen Lew Moissejewitsch Abeliowitsch. Eine feurige Entdeckung inmitten eines Programms, das sich dramaturgisch dicht um den Namensgeber rankt. Der nämlich komponierte 1960 in diesem Kurort in der Sächsischen Schweiz sein 8. Streichquartett c-Moll op. 110, mit dem die Schostakowitsch-Tage ein halbes Jahrhundert danach ins Leben gerufen worden sind.

Im heißen Juni 2026 gab es also den 17. Jahrgang dieses einzigartigen, längst international etablierten Musikfestes, diesmal eröffnet mit besagtem Quartett in der besonders brennenden Version für Streichorchester und Pauken von Abram Stasewitsch. Wieso aber Mendelssohn beim Schostakowitsch-Fest? Weil der ebenso wie Gustav Mahler im Abschlusskonzert den klingenden Bezug zu Tacheles, dem Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen, herstellte. Womit auch Lew Abeliowitsch wieder ins Spiel kommt. Seit Jahren schon widmet sich der in Bonn lebende Pianist Rostislav Krimer diesem fast vergessenen Meister, den zeitlebens eine enge Freundschaft sowie ein vergleichbar tragisches Schicksal mit dem Weggefährten Mieczysław Weinberg verband.
Beide studierten am Warschauer Konservatorium und mussten nach dem deutschen Einmarsch Polen verlassen, sind zunächst ins weißrussische Minsk geflohen, wo sie nur einen Tag nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion ihre Diplome erhielten und erneut die Flucht ergreifen mussten. Bei Nikolaj Mjaskowski konnte Abeliowitsch seine Studien fortsetzen und geriet dadurch ins künstlerische Umfeld von Schostakowitsch.
Wie evident diese Nähe war, vermochte Rostislav Krimer nicht nur in Worten zu erklären – „Abeliowitsch kannte ich bereits als Kind, weil er mit meinem Vater befreundet war, aber seiner Musik widme ich mich wegen ihrer großen Qualität!“ –, sondern auch am Klavier zu belegen. Gleich drei Kompositionen, entstanden zwischen 1955 und 1974, wurden als europäische Erstaufführungen in Gohrisch gegeben. Ein träumerisch tastendes Adagio, in getragener Zurückhaltung von Krimer und Mönkemeyer interpretiert, dürfte in biographischer Sicht einen Lebensweg deuten, der in ähnlicher Weise vom nationalsozialistischen wie vom stalinistischen Antisemitismus mitgeprägt worden ist.
Gidon Kremer beim Konzert mit seiner Kremerata Baltica in GohrischOliver KilligElegische Kontraste dazu setzte Schostakowitschs erst vor acht Jahren in Gohrisch uraufgeführtes Impromptu aus dem Jahr 1931, das wiederum von zwei weiteren Abeliowitsch-Werken gerahmt worden ist. Seine Klaviersonate von 1974 ließ sich als inneres Monologisieren über die bewegte Biographie des Komponisten deuten, als offenherziger Reflex eines traumatisierten Lebensweges, der sich aller Bedrängnis zum Trotz Würde und Stolz zu bewahren verstand. Zwei Jahrzehnte zuvor schuf Abeliowitsch sein Trio für Violine, Cello und Klavier, in dem die antijüdischen Kampagnen der späten Stalin-Ära schmerzlich zum Tragen kommen. Eine emotional leidvolle Klangsprache, gewürzt mit aufbegehrendem Esprit, verzweifelt aufgrund unvergessener Kriegserinnerungen sowie neuerlicher Nöte und Ängste.
Krimer, der das allzu oft unterstellte Epigonentum Weinbergs in Bezug auf Schostakowitsch ebenso zurückweist wie Anleihen Abeliowitschs bei Weinberg, engagiert sich für die Musik des 1985 verstorbenen Komponisten sowohl auf Konzertpodien als auch mit seiner Arbeit an einer Gesamtausgabe bei Edition Peters. Die in Gohrisch erklungenen Werke lieferten weit mehr als nur eine Rechtfertigung für dieses Engagement, sie haben neugierig gemacht auf eine intensivere Beschäftigung mit diesem fast Vergessenen, dessen Musik an das Grauen des 20. Jahrhunderts erinnert, das heute wiederum Befürchtungen hervorruft, die längst überwunden geglaubt waren.

Entsprechend hitzig gerieten daher auch manche Diskussionen in den Konzertpausen, etwa nach dem kriegskritischen „Z-Defilee“ von Michail Pletnjow, das Gidon Kremer und die Kremerata Baltica als unmissverständliche Zugabe – mit Anklängen an die aktuelle russische Nationalhymne und die „Invasionsepisode“ aus Schostakowitschs siebter Symphonie – aufgeführt haben. Vor kontroversen Reaktionen war, wegen der starken Präsenz russischer Künstler und russischer Musik, selbst die bekenntnishafte Dramaturgie der Schostakowitsch-Tage nicht gefeit, obgleich etwa Schostakowitschs Liedzyklus „Aus jiddischer Volkspoesie“ für eine überaus deutliche Sprache stand.
Klare Worte fand auch die diesjährige Schostakowitsch-Preisträgerin Elisabeth Leonskaja, die diese Ehrung zwischen den gemeinsam mit dem Quatuor Danel vorgetragenen Klavierquintetten von Schumann und Schostakowitsch entgegennahm, sie aber am liebsten an das belgische Quartett weitergereicht hätte. „Ein großer Tag für mich? Wieso, jeder Tag ist ein großer Tag.“
Gemeinsam mit ihrem Mann Oleg Kagan ist die achtzigjährige Pianistin dem Namensgeber Schostakowitsch mehrfach persönlich begegnet: „Damals war ich ganz jung und naiv, aber eine strebende Zeitgenossin, die in diesem künstlerischen Umfeld ein starkes Gefühl für die Menschheit und die Menschlichkeit erfahren habe.“ Nahegehenden Ausdruck konnte die Grande Dame diesen Emotionen in Schostakowitschs 2. Klaviersonate h-Moll aus dem Jahr 1943 verleihen, einem tragisch determinierten Hoffen auf Frieden, das von der Unrast des Komponisten kündet, der die Leningrader Belagerung durch die deutsche Wehrmacht nie vergessen konnte – und weder die nach 1945 noch die sogar nach Stalins Tod 1953 fortgesetzte Drangsal verstehen mochte.
So war es wenig verwunderlich, dass zu den diesjährigen Schostakowitsch-Tagen nicht nur über Temperaturen und Klima debattiert wurde, auch nicht nur über musikalische Klangbilder und interpretatorische Feinheiten, sondern ebenso über die Frage, wie sich Schostakowitsch wohl heute fühlen würde, da er vom Kriegsherren Putin missbraucht und von unterschiedlichen Lagern konträr gedeutet wird.

vor 1 Stunde
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