Wer öffentliche Verkehrsmittel nutzt, sieht kaum noch jemanden ohne Kopfhörer in der Bahn sitzen. Die meisten wollen damit in überfüllten Räumen ein letztes bisschen Privatheit retten. Niki hingegen trägt seine Kopfhörer fast immer überm zusätzlichen Hörschutz; die Welt ist ihm zu laut. Jedes Dröhnen, jedes Kreischen, jeder Krach kann den hochsensiblen jungen Mann treffen wie ein Faustschlag und ebenso effektiv zu Boden gehen lassen. Also trägt er seine Ohrstöpsel auch zum Job als Klavierstimmer. Ob eine Note stimmt oder eine Saite noch weiter gespannt werden muss, nehmen seine geschärften Ohren auch durch die Schaumstoffschichten im Gehörgang wahr. Sein Chef Harry, Freund seines verstorbenen Vaters, der ihn wie einen eigenen Sohn in die Familie und sein kleines Unternehmen aufgenommen hat, ist dafür sehr dankbar, denn er ist nicht mehr der Jüngste – und damit gehen die Probleme los.
Harry Horowitz, den der achtundachtzigjährige Dustin Hoffman mit dem entspannten Charme des Altmeisters gibt, fährt seit Jahrzehnten durch seine New Yorker Stadtviertel. Er kennt bei der Arbeit jedes Klavier persönlich. Die Instrumente, die regelmäßig von ihren Besitzern gespielt werden – und die, die in großen Villen nur zur Dekoration herumstehen. Stimmen muss man sie trotzdem jedes Jahr. Nur schläft Harry in letzter Zeit gern mal auf einem der großen, plüschigen Sofas ein, während Niki den Job zu Ende bringt. Überhaupt hört Harry immer weniger, meint aber, das meiste „mit Gefühl“ beim Klavierstimmen ausgleichen zu können. Als er eines Tages seine Hörgeräte im Safe eingeschlossen und die Kombination vergessen hat, verspricht Niki, sie dort wieder herauszuholen.

Mit Youtube-Videos bringt er sich selbst das Safe-Knacken bei und stellt fest, dass sein sensibles Gehör hier von großem Vorteil ist. Als er den Trick eines Abends in einer Villa für eine Gangsterbande wiederholt, hat er plötzlich einen lukrativen Nebenjob. Und den braucht er, denn Harry liegt mittlerweile im Krankenhaus, und die Arztrechnungen übersteigen schnell alles, was der alte Klavierstimmer mit ehrlicher Arbeit im Laufe der Jahre angespart hat. Niki macht also bei immer größeren Raubzügen mit, die Gangster werden gierig, und schnell eskaliert die Situation.
Regisseur Roher hat einen Oscar für seinen Dokumentarfilm erhalten
Für Regisseur Daniel Roher ist diese Art Film etwas Neues. Roher hat sich bislang mit Dokumentarfilmen einen Namen gemacht. In der Musikdoku „Once Were Brothers“ (2019) folgte er Robbie Robertson and The Band, im politischen Dokumentarfilm „Nawalny“ (2022) begleitete er den russischen Oppositionsführer nach dessen Vergiftung und erhielt dafür den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Für sein Spielfilmdebüt „The Piano Tuner“ übernimmt Roher nun einige dokumentarische Erzählideen ins Fiktionale. Mit viel Tempo inszeniert er die Handlung und will Dinge lieber zeigen, als sie zu erklären. Gleich zu Beginn ziehen schnelle Schnitte die Arbeitstage von Harry und Niki zu einer Collage zusammen, die deutlich macht, mit welch irrwitzigen Aufträgen die verwöhnten reichen Klavierbesitzer die beiden „Handwerker“ mitunter beauftragen wollen („Können Sie für einen Zehner mehr meine Toilette wieder in Gang bringen?“). Geld bringt nicht automatisch Kunstsinn mit sich. Den gleichen Schnitttrick wiederholt Roher, wenn Niki ins Gangstergeschäft einsteigt: Tresorschlösser drehen sich und blenden in die Ziffernblätter glänzender Luxusuhren über, von denen eine später am Handgelenk von Nikis neuer Freundin landet.
Fürs Skript hat sich Roher Hilfe von Drehbuchautor Robert Ramsey geholt, der schon für die Coen-Brüder die Romantikkomödie „Ein (un)möglicher Härtefall“ (2003) schrieb, in der George Clooney als Scheidungsanwalt für Catherine Zeta-Jones als betrogene Ehefrau Süßholz raspelt. Die Liebesgeschichte zwischen Niki und der Kompositionsstudentin Ruthie nimmt in „The Piano Tuner“ großen Raum ein. Leo Woodall, der als Liebhaber in „The White Lotus“ seinen Durchbruch hatte und zuletzt in „Nürnberg“ an der Seite von Rami Malek das Gewissen im Göring-Prozess gab, und Havana Rose Liu mögen noch nicht auf dem Level von Clooney und Zeta-Jones angekommen sein, sie spielen aber beide mit höchstem emotionalen Einsatz. Alle kleinen Unebenheiten des Drehbuchs können sie allerdings nicht ausgleichen. Manche Haken, die die Handlung schlägt, wirken arg konstruiert. Ein Streit etwa, den der Protagonist kurz vor der größten Prüfung mit seiner Freundin beginnt, zieht zur Motivation psychologische Gründe heran, die man zuvor gern noch etwas tiefer ausgeleuchtet gesehen hätte. (Ein Manko, das an ähnlicher Stelle schon in „Der Teufel trägt Prada 2“ auffiel, wo die Protagonistin sich ebenfalls aus nichtigsten Gründen mit dem Freund überwirft; anscheinend leidet das Genre der Liebeskomödie gerade an emotionaler Verflachung, was nicht verwundert, wo Smartphones und Social Media Emotionen innerhalb von Sekunden hochpeitschen können.)
Die Heist-Szenen aber, in denen Niki versucht, das Geld zu erarbeiten, das ihm und seiner Ersatzfamilie die Armut ersparen könnte, sind exzellent. Und wenn Dustin Hoffman als Klavierstimmer Harry seinem Ziehsohn Niki mit leuchtenden Augen von Jazzlegenden erzählt, denen er das Instrument für ihre Kunst maßgeschneidert gestimmt hat, ist man sowieso bereit, über die kleinen Mankos hinwegzusehen. Kunst braucht Hebammen. Wenn man Glück hat, haben sie Nikis feine Sinne.

vor 2 Stunden
1









English (US) ·