Roman „Verlorene Schäfchen“: Soll das Satire sein?

vor 1 Tag 1

Ein Wachteleier schlürfender Techmilliardär, ein Kleinstadtpaar in der Ehekrise und ein von Online-Fundamentalisten rekrutiertes Teenagermädchen: Diese Geschichte vereint so manches Absurde. „Verlorene Schäfchen“, der  Debütroman der erst dreißigjährigen Autorin Madeline Cash, hat einen kleinen Hype ausgelöst. Zu Recht?

Die Autorin ist hip, urban und gut aussehend, doch verlegt sie ihre Handlung in eine abgehängte US-Küstenkleinstadt, was schon einmal ein schönes Zeichen dafür ist, dass sich hier jemand nicht ausschließlich für sich selbst interessiert. Cash erzählt von der fiktiven Familie Flynn – Vater, Mutter und drei Töchtern, wohnend in einem idyllischen Einfamilienhaus. Hier läuft allerdings so ziemlich alles aus dem Ruder, was man sich nur vorstellen kann: Das Haus vermüllt und verrottet, Mutter Catherine experimentiert mit unkonventionellen Ehekonzepten. Und die drei Sprösslinge treiben es in ihren (prä)pubertären Eskapaden etwas zu weit dafür, dass man dies noch unter altersangemessener Rebellion verbuchen könnte. Sehr unterhaltsam sind die drei Töchter dabei aber definitiv: die älteste „schlauer, als gut für sie war“, die jüngste zu schlau, und die mittlere, nun ja, die leidet an ihrer Mittelmäßigkeit, was, wenn wir mal ehrlich sind, wohl die realistischste der hier beschriebenen Pubertätserfahrungen ist.

Multiple Sinnkrisen

Der Einzige, der zumindest noch ein Fünkchen Willen besitzt, den familiären Laden zusammenzuhalten, ist Vater Bud. Doch der haust schwerstdepressiv im Auto, seit seine Frau ihm – eher diktatorisch als demokratisch – verkündet hat, dass sie sich sexuell auch anderweitig ausleben möchte. (In erster Linie wäre da der schmierige Nachbar Allen, der Catherine seit einer erotischen Begegnung im Töpferkeller nicht mehr aus dem Kopf geht . . .) Wie es sich gehört, kommt zum Schluss aber natürlich doch alles ganz anders. Inmitten ihrer multiplen Sinnkrisen kommen die Familienmitglieder nämlich einer Verschwörung auf die Schliche.

 „Verlorene Schäfchen“. Roman.Madeline Cash: „Verlorene Schäfchen“. Roman.Penguin

Dass die Autorin einen sehr speziellen Humor hat, merkt man ziemlich schnell, und dann muss man sich entscheiden, ob man sich darauf einlassen möchte. Tut man das, bekommt man vielleicht nicht den nächsten Jahrhundertroman, aber sicherlich ein unterhaltsames und intelligente Fragen stellendes Leseerlebnis. Es gibt einen „auf alt gemachten“ englischen Pub namens „Olive or Twist“, eine Milchbar namens „Anne Frank’s Dairy“, die einen Teil ihrer Gewinne an eine Initiative gegen Antisemitismus spendet, und eine (leider) fiktive Fernsehshow namens „The Real Housewives of Bagdad“.

Die Autorin hat diese Art von liebevoll-spöttischer Erzählweise, mit der es sich aushalten lässt, die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen, die häufig unterschätzt wird, meist von Leuten, die selbst keinen Humor haben. Generell liest sich das Buch ein wenig so, als sei es bereits auf eine trockenhumorige Verfilmung à la Wes Anderson zugeschnitten, weshalb es nicht überrascht, dass die Filmrechte schon vergeben sein sollen.

Die Leute erfinden Märchen, weil sie die Banalität des Lebens sonst nicht aushalten

Allerdings kann man schon fragen, ob der Plot des abenteuerlichen Verschwörungsaufdeckens für die Entwicklung der Figuren nicht eher hinderlich ist und ob es sich die Autorin damit nicht etwas zu leicht gemacht hat.

Verschwörungsglaube ist ja immer auch eine Angst vor der Freiheit und der Versuch, eine sinnentstellte Welt zu kompensieren, oder wie es die älteste Tochter im Roman beschreibt: „Die Leute erfinden Märchen, weil sie die Banalität des Lebens sonst nicht aushalten.“ Ferner heißt es: „Mit dem Pulver in der Nase ging es hinab in das Kaninchenloch“, wenn sich eine Figur, „angeregt von tiermedizinischen Pharmazeutika“, in nächtelange Internetrecherchen zu generationenalten Seilschaften und Geheimgesellschaften hineinsteigert. Und sie beschreibt, wie oft ein solch fanatischer Sinnzusammenhang eigentlich nur der Abwehr seines genauen Gegenteils dient: „Tibet war Skeptikerin und hatte begonnen, das Wesen der Wahrheit selbst zu hinterfragen“, und dann das Unvermeidliche: „An dieser Stelle ihres Gedankenstreifzugs setzte der Nihilismus ein.“

Doch warum, um Himmels willen, ist der große Clou des Romans, dass sich eine Verschwörung, über die man sich anfangs noch lustig gemacht hat, letztlich als wahr herausstellt? Eine geheime Zeremonie, in der maskierte Vermögende Kinderblut trinken, um jung und schön zu bleiben; die älteste Tochter, die die entfremdete Familie durch ihre unfreiwillige Opfergabe an den verruchten Milliardär wieder zusammenführt, weil man nun wieder ganz genau weiß, wer gut ist (wir da unten) und wer böse (die da oben). Geht’s noch klischeehafter? Oder soll das Ganze eine Art von Satire sein, frei nach dem alten Motto „Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht hinter dir her sind“?

Nach einem Blick auf Cashs Werdegang fühlt man sich dann nämlich so, als käme man hier selbst gerade einer kleinen Verschwörung auf die Schliche. Anfang der 2020er hat sich die gebürtige Kalifornierin nämlich in New York Citys „antiwoker“ Kulturszene einen Namen gemacht. Statt Sprechverboten und Privilegiencheck fand man sich in diesen Zusammenhängen unfassbar rebellisch, wenn man das Wort „retard“ als Beleidigung nutzte, und schrieb vor allem sehr viel über sich selbst und über das Internetzeitalter.

Eine morbide Faszination für islamistischen Fundamentalismus

Achtet man darauf, sieht man, wie verschiedenste Motive aus dieser Subkultur in Cashs Roman eingeflossen sind. Da wäre eine morbide Faszination für islamistischen Fundamentalismus (der Szenepodcast „Red Scare“ verkaufte damals Merchandise mit IS-Logo – im Roman ist es die mittlere Tochter, die sich von einem Onlinejihadisten in einen gerade noch abwendbaren Bombenanschlag hineinreden lässt). Außerdem die Belustigung über die Hilflosigkeit moderner Sprachregulierungsversuche: „Meine Mutter war eine verrückte Christusfanatikerin . . .“ – „Lasst uns das Wort ‚verrückt‘ bitte nicht abwertend verwenden“, hakte Miss Winkle ein. – „Okay, klar. Also, meine Mutter war eine völlig durchgeknallte religiöse Spinnerin . . .“

Und dann wäre da noch die Figur des Priesters, „Father Andrew“, die vieles vereint: zum einen das Motiv des Katholizismus, der für hippe junge Frauen gerade wieder eine seltsame Nostalgie für eine verloren gegangene Unschuld verkörpert. Auch Father Andrew ist jemand, der sich in eine idealisierte Vorzeit zurücksehnt, allerdings eine, in der Sexualität Frauen noch „Handlungskompetenz verlieh, in der es weniger Verbote gab und dafür mehr Damen, die oben ohne am Strand rauchten“. Der sich aufregt über die „Schneeflocken-Kultur“ und der „keine*n Workshopleiter*in von zweifelhafter Moral und Pronomina“ benötigt, um ihm zu erklären, wie er seinen Job zu machen hat. Der einfach nur möchte, dass sich die Leute mal wieder abregen.

Plötzlich ganz schön korrumpiert

Und zum anderen taucht da ein „berühmter Mann“ auf, nachdem er sein virales Video über ein „Lob traditioneller Werte“ geschaut hat. Und dann wird der arme Priester engagiert als privater spiritueller Berater, weil der feine Herr mit der Vergänglichkeit hadert. Er findet sich wieder auf Partyfotos neben betäubten Mädchen und fühlt sich plötzlich ganz schön korrumpiert.

Das Aufbegehren gegen das linksliberale Establishment hat auch in der Realität Fanatiker wie Techmilliardär Peter Thiel oder den rechtsextremen „Philosophen“ Curtis Yarvin auf den Plan gerufen, die in der Szene mitmischten und damit durch finanzielle Unterstützung und hippe Start-ups und Verlage durchaus erfolgreich gewesen sind. Wenn es nicht stimmte, klänge wohl auch das alles ganz schön absurd.

Da es aber wahr ist und da auch die Autorin an diesen Kooperationen teilgenommen hat, lässt sich vermuten, dass hier auch reale Erfahrungen mit der „New Tech Right“ eingeflossen sind. Womöglich soll die Moral von Cashs Geschichte sein, dass Fanatismus sowie der im Buch ebenfalls oft thematisierte Schönheitsdrang aus der Unfähigkeit resultieren, sich hinzunehmen, wie man nun mal ist, und es wäre doch sehr nett, wenn das klappen würde – theoretisch.

Madeline Cash: Verlorene Schäfchen. Roman. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Penguin Verlag, München 2026. 320 S., geb., 24,– €.

Gesamten Artikel lesen