RefCams in der Bundesliga: Warum tragen Schiedsrichter jetzt Bodycams?

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»Du bist nicht dazu da, das Spiel spannend zu machen«, sagt ein aufgebrachter Joshua Kimmich während er auf einem Spielfeld auf eine Kamera zugeht, sein Gesicht ist nah. »Das ist nicht dein Job«, fügt er hinzu. Die Worte des Bayern-Spielers waren an Schiedsrichter Sören Storks gerichtet. Er pfiff die Partie des FC Bayern München gegen VfB Stuttgart, bei der die Bayern sich vorzeitig die Meisterschaft sicherten.

»Kimmich und Co. in der Schiri-Cam«, titelte der Bayerische Rundfunk den Clip auf TikTok . Das Kurzvideo wurde bisher mehr als 947.000 Mal aufgerufen und hat damit ein Vielfaches der Reichweite von anderen Beiträgen des Kanals. In dem 57-sekündigen Clip sieht man Ausschnitte des Bundesligaspiels aus der Perspektive von Schiedsrichter Storks, denn dieser trug bei dem Spiel eine sogenannte RefCam, ein neues Element in der Sportberichterstattung.

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Die RefCam soll Fans einen neuen Einblick bieten, was sich auf dem Rasen abspielt. »Diese Perspektive ist spannender als das Spiel selbst«, kommentierte ein Nutzer das Video, mehr als 14.700 Nutzer haben den Kommentar gelikt. Andere fragten in der Kommentarspalte, ob es sich bei den Aufnahmen um künstliche Intelligenz handelt.

Der SPIEGEL hat bei der DFB Schiri GmbH und der DFL nachgefragt, welchen Nutzen RefCams haben und bei welchen Spielen sie eingesetzt werden. Die beiden Organisationen haben den Fragenkatalog des SPIEGEL abgestimmt beantwortet.

Was ist die RefCam?

Die RefCam ist eine kleine Spezialkamera, die am Headset des Schiedsrichters befestigt wird und das gesamte Spiel aus kurzer Distanz aufzeichnet. »Die RefCam vermittelt eine einzigartige Perspektive direkt vom Spielfeld aus und zeigt eine besondere Nähe sowie die Dynamik des Spiels aus dem Blickwinkel des Schiedsrichters bzw. der Schiedsrichterin«, schreiben DFB und DFL. »Die Zuschauer betrachten das Spiel gewissermaßen mit den Augen der Referees.«

Sie wird etwa auf Augenhöhe des Schiedsrichters angebracht, was den Effekt verstärkt, das Spiel aus Perspektive des Unparteiischen zu sehen. Sie wirkt ein wenig wie ein drittes Auge neben dem Gesicht des Unparteiischen.

 Schiedsrichter Sören Storks trägt eine RefCam

Neues Element in der Sportberichterstattung: Schiedsrichter Sören Storks trägt eine RefCam

Foto: kolbert-press / Martin Agüera / IMAGO

Die RefCam kam beispielsweise beim DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen FC Bayern München und RB Leipzig Mitte Februar zum Einsatz. Der DFB veröffentlichte auf YouTube ein fast sechsminütiges Video  aus Zusammenschnitten des Spiels, Titel des Videos: »POV: Du diskutierst mit Bayern- und Leipzig-Spielern«. Der »POV«, der Point of View also, ist der von Schiedsrichter Daniel Siebert. Man sieht ihn mit den Spielern diskutieren, Streiterei schlichten, erhitzte Gemüter beruhigen, Gelbe Karten verteilen und Spielentscheidungen treffen. Das Video hat drei Monate später mehr als eine halbe Million Aufrufe.

Was ist das Ziel der RefCam?

Laut DFB und DFL soll die Spezialkamera in erster Linie dabei helfen, »das schwierige Amt der Unparteiischen mit allen seinen Herausforderungen verständlicher und transparenter zu machen.« Durch die Kameraperspektive sollen Fans bessere Einblicke bekommen, wie Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter ihre Entscheidungen treffen. Aus den im Netz veröffentlichten Clips sollen Zuschauerinnen und Zuschauer zudem »einen Eindruck von der Kommunikation des Schiedsrichters oder der Schiedsrichterin mit den Spielern und Spielerinnen sowie innerhalb des Schiri-Teams« bekommen.

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Ob gewünscht oder nicht, bietet die RefCam auch einen gewissen Unterhaltungsfaktor. Sie liefert einen seltenen Einblick in die Beziehungen zwischen den Schiedsrichtern und Spielern. Die »Sportbild« veröffentlichte etwa im März einen Zusammenschnitt vom Bundesligaspiel VfB Stuttgart gegen RB Leipzig auf Instagram . In diesem Clip ist zu erkennen, wie RB-Leipzig-Spieler David Raum die Leistung von Schiedsrichter Deniz Aytekin kritisiert, sich dann aber versöhnlich zeigt und die beiden sich alles Gute wünschen.

Seit wann gibt es die RefCam?

»Die ersten vereinzelten Einsätze gab es in der Saison 2024/2025 mit einer Sondergenehmigung der Regelhüter vom International Football Association Board (IFAB)«, schreiben die DFL und der DFB in ihrer koordinierten Antwort. Ihr Bundesliga-Debüt feierte die RefCam bereits vor zwei Jahren beim Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem VfL Wolfsburg. Damals trug Schiedsrichter Daniel Schlager die Kamera bereits zum zweiten Mal. Er hatte die Schiedsrichter-Kamera im Dezember 2023 bereits bei einem Drittligaspiel getestet. Mit den Aufnahmen aus dem Bundesligaspiel hat die DFL 2024 auch eine Doku »Referees Mic'd up – Bundesliga« produziert.

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Auf den damaligen Einsatz der RefCam hätte es viel positive Resonanz gegeben, berichtet Sportmanager und Schiedsrichter Nicolas Winter 2024 im Schiedsrichter-Podcast »9METER15« . Gemeinsam mit seinem Schiedsrichter-Kollegen Patrick Kessel und dem Videotechnik-Experten Thomas Riedel haben sie die RefCam entwickelt. Ursprünglich war der Gedanke gewesen, die RefCam als internes Trainingstool zu verwenden.

Wie er im Podcast erklärte, sei sein Hauptziel, Verständnis zu generieren. »Ich würde gerne meine Perspektive der ganzen Welt zur Verfügung stellen«, erklärt er im Podcast. Er wolle, dass Außenstehende sehen, wie schwierig und anspruchsvoll der Job des Schiedsrichters ist. Zudem hoffe er darauf, dass die in den sozialen Medien verbreiteten Clips auch Nachwuchs anlocken könnten.

Wann wird die RefCam eingesetzt?

»Seit dieser Saison wird die RefCam deutlich häufiger eingesetzt, in dieser Spielzeit wird das in insgesamt rund 30 Spielen der Fall (gewesen) sein«, heißt es in dem Antwortschreiben von DFL und DFB. Demnach soll die RefCam vor allem in »Topspielen der Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga (Männer), der Frauen-Bundesliga und des DFB-Pokals (Frauen und Männer)« zum Einsatz kommen.

»Welche genau das sind, wählt der jeweilige Wettbewerbsveranstalter aus (also die DFL bzw. der DFB)«, heißt es weiter. Dabei soll es sich primär sogenannte »Leuchtturmspiele, also um Spiele von besonderer Strahlkraft, Attraktivität und Bedeutung« handeln, präzisiert Alex Feuerherdt, Leiter Kommunikation und Medienarbeit der DFB Schiri GmbH.

Wer darf die Aufnahmen sehen?

Die RefCam wird als zusätzliche Fernsehkamera angesehen. Laut DFB und DFL könne der Regisseur der Produktionsfirma während eines Fußballspiels für TV-Bilder auf die RefCam ebenso zugreifen wie auf andere Kameras. »Welche RefCam-Szenen er während des Spiels den Zuschauern zeigt (bislang ohne Ton), entscheidet er selbst entlang vereinbarter Guidelines sowie von Vorgaben bzw. Empfehlungen seitens des IFAB«, schreiben DFB und DFL.

Nach dem Spiel werden die Aufnahmen von Wettbewerbsveranstaltern und der DFB Schiri GmbH ausgewertet. In Abstimmung werden dann Highlight-Clips des Spiels zusammengestellt, die dann von den Inhabern der Lizenzrechte – wie TV-Sender – für ihre Social-Media-Kanäle genutzt werden können. Außerdem hat auch die DFB Schiri GmbH Zugriff. Intern sollen die Aufnahmen zudem für Schulungszwecke verwendet werden.

Wer hat die Rechte für die Aufnahmen und welche datenschutzrechtlichen Vorgaben gelten beim Einsatz von Schiri-Kameras?

Die Rechte für die Aufnahmen liegen bei den jeweiligen Wettbewerbsveranstaltern. Da die RefCam eine weitere Fernsehkamera darstellt, sind die Aufnahmen Teil der Medienrechte und werden analog zu den anderen Aufnahmen verwertet und veröffentlicht. DFB und DFL verweisen auf Art. 6 Abs. 1 S. 1 lit. b der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

Der Einsatz von RefCams sei vor Nutzung »ausführlich datenschutzrechtlich geprüft« worden. »Dabei wurden insbesondere die Ton- bzw. Sprachaufnahmen des Schiedsrichters und ggf. der Spieler als besonders sensibel bewertet«, schreiben DFB und DFL. »Hier wird bei der Veröffentlichung ein besonderes Augenmerk hinsichtlich der Kritikalität gelegt, um die Persönlichkeitsrechte der Spieler und Schiedsrichter angemessen zu schützen.«

Wie wird verhindert, dass sensible Szenen in den sozialen Medien landen?

Die Inhaber der Lizenzrechte können nur auf die Zusammenstellung der ausgewählten Highlight-Clips zugreifen. »Bei dieser Zusammenstellung wird in einem sorgfältigen Abstimmungsprozess darauf geachtet, dass keine sensiblen Szenen freigegeben werden«, schreiben DFB und DFL.

Sollen RefCams regulär im Fußball eingesetzt werden?

Wie häufig man Schiedrichter in Zukunft mit RefCams herumlaufen sieht, wollen die Wettbewerbsveranstalter und die DFB Schiri GmbH im Vorfeld der Saison 2026/2027 abstimmen. Ob RefCams bei der WM eingesetzt werden sollen, ist unklar. Die Fifa ließ eine entsprechende SPIEGEL-Anfrage unbeantwortet.

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