Zalando: Konzern verschätzt sich bei Abwicklung des Standorts Erfurt

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 »In Schockstarre«
 »In Schockstarre«

Protestierende Zalando-Mitarbeitende in Erfurt: »In Schockstarre«

Foto: Thomas Victor / DER SPIEGEL

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Als der Modekonzern Zalando Anfang des Monats seine jüngsten Quartalszahlen verkündet, sieht alles ziemlich rosig aus: Umsatz und Gewinn sind gestiegen, obwohl die Branche eigentlich kriselt. Die Übernahme des Rivalen About You bringe zehn Millionen Euro Synergien. Zalando-Gründer und Co-Chef Robert Gentz redet beim Pressegespräch über »wichtige Meilensteine«, die erreicht worden seien, über die erfolgreiche Strategie, über »substanziellen Fortschritt«.

Als später eine Frage zum neuen, hochmodernen Logistikzentrum in Gießen kommt und zum Unterschied, den dieses Werk zum veralteten Standort Erfurt mache, bricht die Zalando-Moderatorin die Runde abrupt ab. Solche Fragen sollten bitte später direkt geklärt werden.

Ist da jemandem unwohl?

Der Standort Erfurt ist zum Politikum geworden. Ausgerechnet das Stammwerk, mit dem Zalando 2012 als Start-up zu wachsen begann. Jetzt, als einer der größten Modekonzerne Europas, beschäftigt das Berliner Unternehmen dort 2700 Mitarbeitende. Noch. Denn der Konzern will den Standort bis Ende September schließen. Doch das gelingt längst nicht so reibungslos wie gedacht.

Die Zeitpläne, die sich Zalando intern für den Abschied aus Erfurt gesetzt hat, sind längst gerissen. Und das womöglich auch, weil sich der Konzern weniger generös verhält, als er vorgab.

Zalando wollte Tempo machen, der Betriebsrat bremst. Bis Ende März hatte das Management mit den Arbeitnehmervertretern einen Interessenausgleich verhandeln wollen, zeigen Dokumente aus der Unternehmenszentrale. Ohne den Betriebsrat geht es nicht. Er kann solche Betriebsschließungen zwar nicht verhindern, darf aber beratend Vorschläge für den Standort machen. Erst dann würde der Sozialplan verhandelt, in dem es etwa darum geht, wie Mitarbeiter entschädigt werden könnten oder ob es eine Transfergesellschaft gibt. Dieser Plan sollte demnach Ende April stehen. Erst dann kann die Kündigungswelle rollen. Doch bisher haben beide Seiten noch gar nichts verhandelt.

Das Modeunternehmen will agiler werden, sein neuestes Logistikzentrum in Gießen, das im Sommer eröffnet werden soll, wird hochautomatisiert laufen. In Erfurts Fördertechnik hat Zalando dagegen schon lange nicht mehr investiert. 77 Cent koste jeder Artikel im Warenausgang den Konzern dort in Thüringen, an anderen, neueren Standorten nur 30 bis 65 Cent, kalkuliert Zalando intern. Wolle Zalando das alte Werk auf den neuesten Stand bringen, seien rund 130 Millionen Euro nötig. Es »wäre aufwendig, kostenintensiv«.

Nun rennt dem Konzern die Zeit davon. Das Erfurter Werk im September schließen zu können, muss sich der Konzern wohl abschminken. Auch wenn man intern an der Ziellinie noch festhält. Die ersten rund 500 Mitarbeitenden hätten dafür bereits Ende vergangenen Monats gekündigt werden müssen, heißt es.

»Ich habe vier Stunden durchgeheult«

Eine davon ist Silke. Sie arbeitet seit neun Jahren bei Zalando in Erfurt, fast von Anfang an. Ihren Nachnamen möchte die 54-Jährige nicht öffentlich machen, ihren Frust schon. Fünf Monate Kündigungsfrist hat Silke, erzählt sie. Bis Oktober sei sie also mindestens angestellt. Zalando sei eigentlich ein guter Arbeitgeber: Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, nette Vorgesetzte. Doch dann habe sie am 8. Januar kurz vor der Nachtschicht beim Kaffee zu Hause gesessen und im Radio sprachen sie von der Schließung des Erfurter Werks. »Ich habe vier Stunden durchgeheult.« 13 Jahre habe sie noch bis zum Ruhestand, zu jung für die Rente, zu alt für einen neuen Job, sagt sie.

Aus heutiger Sicht sieht das, was Zalando in Erfurt vollführt, wie ein Überfallkommando aus. Wie eine Hauruckaktion, um schnell Tatsachen schaffen zu können. Eine, die ziemlich schiefging.

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