Raum in Venedig zerstört: Bunte Kunst? Ist in Italien nicht mehr gefragt

vor 2 Tage 3

Es ist schon vorgekommen, dass man in den schönen Giardini von Venedig durch den Hauptpavillon der Kunstbiennale lief, wo die Kuratoren große Mengen von sehr schlechter Kunst aufgestapelt hatten, und in den Nebenräumen waren auch nur Arbeiten zu sehen, die man mit viel Wohlwollen als „interessant“ bezeichnen konnte. In diesen Fällen gab es einen doppelten Trost – zwei Räume, auf die man sich immer freuen konnte und die allein die lange Anreise rechtfertigten: Auf der einen Seite Carlo Scarpas Skulpturengarten von 1952, das Meisterwerk einer mediterran erwärmten Moderne, mit dem sich nach dem faschistischen Theaterdonner der späten Mussolini-Jahre ein offeneres, leichteres Italien in Szene setzte – und auf der anderen Seite, seit 2009, einen Raum von Tobias Rehberger, der in erster Linie eine Kunstinstallation war, aber auch als Cafeteria genutzt werden konnte und für den der in Frankfurt lebende Künstler damals zu Recht den Goldenen Löwen als bester Künstler der Biennale verliehen bekam. Dieser Raum ist jetzt verschwunden: abgerissen und heimlich entsorgt. Was ist da passiert?

Der Rehberger-Raum prägte die Kunst der Nullerjahre

Rehbergers Werk war das Wildeste, was man auf der Biennale betreten konnte: Der Künstler hatte Wände und Mobiliar mit schwarzweißen Mustern, Streifen und Punkten überzogen, wie man sie von „Dazzle Paintings“ kennt, mit denen Kriegsschiffe bemalt wurden, um sie optisch aufzulösen und so weniger angreifbar zu machen – ganz so, wie auch die Streifen durcheinanderlaufender Zebras die Augen des angreifenden Löwen so verwirren, dass er Hirnsausen bekommt.

Das römische Architekturbüro Labics, das schon bessere Momente hatte, renovierte den Hauptpavillon der Biennale in den Giardini von Venedig. Lebensfreude war kein prägendes Gestaltungsmotiv.Das römische Architekturbüro Labics, das schon bessere Momente hatte, renovierte den Hauptpavillon der Biennale in den Giardini von Venedig. Lebensfreude war kein prägendes Gestaltungsmotiv.EPA

Dazzle ist eigentlich also eine Technik, um Oberflächen per Trompe l’oeil-Effekt zum Verschwinden zu bringen. Rehberger krempelte diese Technik für Außenflächen ins Innere eines Raums und kombinierte sie mit Spiegeln und signalfarbenen Objekten, die schwarzweißen Streifen faltete er als Perspektivlinien an den Wänden entlang, so dass man bald nicht mehr wusste, was realer und was fiktiver Raum war. Dieses begehbare Trompe l’oeil wurde als Cafeteria genutzt; man durfte sich mit seinem Tramezzino in die flimmernde Welt setzen und dort erleben, was guter Kunst allgemein zuschreiben wird: dass sie die Wahrnehmung schärft, die Grenzen von Realität und Fiktion freudig einreißt und neue Perspektiven erlebbar macht. Rehbergers eigentlich temporäre Cafeteria wurde so populär, dass sie sich mit den Jahren etwas abnutzte.

Ein anderes kulturelles Klima

Eine Grundrenovierung war bereits finanziert, sagt der Künstler. Der Raum hätte sie verdient – schon, weil er zu den wenigen Kunstinstallationen gehört, die beweisen, dass die Kunst der Nullerjahre eine eigene Ästhetik hervorgebracht hat, die bis heute jüngere Künstlergenerationen mit der Mischung von radikaler Grafik und Neon- und Signalfarben, aber auch mit der Idee der sozialen, interaktiven Nutzung von Installationen prägt. Doch in Italien zieht ein anderes kulturelles Klima auf, das mit derartigen Experimenten eher nichts anfangen kann: „Die Biennale“, titelt die Architekturzeitschrift „Domus“, habe Rehbergers  „preisgekrönte Bar gecancelt“. Die Biennale gibt als Grund an, dass die Abnutzung den Effekt des Werks zunehmend eingeschränkt habe und eine Sanierung zu aufwendig gewesen wäre. Rehberger erklärt dazu im Gespräch mit der F.A.Z., er habe  schon vor Jahren angeboten, die Cafeteria mit Sponsorengeldern ohne Kosten für die Biennale zu sanieren, habe aber nie eine Antwort erhalten; die Information, dass das Werk entfernt werde, sei keine drei Wochen vor dem Abriss gekommen. So bleibt der Eindruck, die Biennale habe das beliebte Werk, das wie der Scarpa zum festen Bestandteil des Hauptpavillons geworden war, entweder aus Ignoranz der Renovierung geopfert oder es aus anderen Gründen loswerden wollen. Zu bunt, zu wild für die neue Staatsästhetik der Meloni-Ära?

Bei der Renovierung des Hauptpavillons wurde Rehbergers Dazzle-Welt jedenfalls einfach entfernt und durch einen bemerkenswert öden, schwarzbraunen Langtresen ersetzt, der vielleicht „wertig“ oder „reduziert japanisch“ wirken soll, aber tatsächlich aussieht wie ein Clubraum für depressive Pferdezüchter. Vor der Cafeteria hält ein hässliches schwarzes Gerippe ein schwarzes Vordach. Die Biennale zieht sich ein schwarzes Hemd über, die Baukunst will nicht mehr, als Schatten zu spenden. Das Ganze sieht aus wie ein böser Apparat, in den man vorn ahnungslose Kunstfreunde hineintut und hinten Trauerklöße herausbekommt. Die Neugestaltung wirkt unfreiwillig wie ein Bild für ein dunkleres Zeitalter, das in Italiens Kulturpolitik gerade anbricht: Nicht nur die Gondeln tragen Trauer.

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