Prozess gegen Egisto Ott: »Ich bin ein Spion«

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Er soll Daten an Moskau verkauft haben. Jetzt wurde Egisto Ott verurteilt: vier Jahre Haft. Er wird gegen das Urteil vorgehen.

21. Mai 2026, 13:27 Uhr

 Der ehemalige Chefinspektor Egisto Ott am Mittwoch vor Gericht in Wien
Der ehemalige Chefinspektor Egisto Ott am Mittwoch vor Gericht in Wien © Joe Klamar/​AFP/​Getty Images

Eigentlich hatte Egisto Ott Großes angekündigt. »Schweinereien« aufzudecken, Missstände, die die Republik erschüttern. »Lassen Sie sich überraschen«, hatte der ehemalige Chefinspektor des (inzwischen aufgelösten) Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) noch beim Prozessauftakt Anfang des Jahres gesagt.

Aber die große Enthüllung, die Smoking Gun, die alle Vorwürfe als Verschwörung gegen ihn aufgeklärt hätte, kam nie. Auch nicht gestern, als Egisto Ott noch einmal die Möglichkeit bekam, ein letztes Mal vorzutreten, in die Mitte des Großen Schwurgerichtssaals des Wiener Straflandesgerichts, um sein Wort an die Geschworenen zu richten. Er schlug die Gelegenheit aus. Und wurde schließlich zu vier Jahren und einem Monat unbedingter Haft verurteilt, fast die Höchststrafe. Der Zweitangeklagte, der Datenforensiker Anton H., kam mit 15 Monaten bedingter Haft deutlich besser davon.

Es ist das erste – noch nicht rechtskräftige – Urteil im größten Spionageprozess der jüngeren österreichischen Geschichte: Egisto Ott, langjähriger Beamter im BVT, wurde in den zentralen Punkten schuldig gesprochen, vor allem in den schwerwiegendsten wie Amtsmissbrauch und Spionage. Bei der Verlesung zeigte Egisto Ott, schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, im Schoß gefaltete Hände, keine Regung. Er habe das Urteil »ruhig und gelassen« aufgenommen, sagte seine Anwältin später. Gegenüber den wenigen Journalisten, die an diesem langen Prozesstag bis zum frühen Abend durchgehalten hatten, war er zu keinem Kommentar bereit.

Im Prozess ging es auch um eine Kanufahrt

Es war ein Mammutprozess, der seit Jänner lief und bei dem es oft schwer war, den Überblick zu bewahren, angesichts der Fülle an Delikten, die die Staatsanwaltschaft zusammengetragen hatte. Im Kern ging es um die Frage, ob Ott Informationen und Datenträger über den flüchtigen Wirecard-Manager Jan Marsalek an russische Geheimdienste weitergegeben hat.

Da ging es einerseits um Abfragen zu russischen Dissidenten und Kremlgegnern, die er damit in Gefahr brachte. Andererseits um die Diensthandys dreier hochrangiger Beamter aus dem Innenministerium, die bei einer Kanufahrt in einem Seitenarm der Donau ins Wasser gefallen waren – und später in der Moskauer Zentrale des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB gelandet sind. Und auch ein speziell verschlüsselter Sina-Laptop, wie ihn westliche Geheimdienste verwenden.

Dieser Prozess war ein Kraftakt, nicht zuletzt für die acht Geschworenen, die sich am Mittwoch für fast neun Stunden zurückgezogen hatten, um ein Urteil zu fällen. Allein die Verlesung des Urteils am Abend zog sich mehr als eine Stunde hin. So lange, dass am Ende sogar der Sprecherin der Geschworenen die Stimme versagte. Sie musste an ihren Sitznachbarn übergeben, der für sie weitermachte.

Es war eine bizarre Szene, wie sich die Geschworenen an diesem langen Prozesstag durch all die meist fremdsprachigen Namen, Datenbanken und Abfragen quälen mussten, die Ott ausspioniert haben soll – im Auftrag der Russen. Dadurch wurde noch einmal deutlich, gegen welche Fülle an Vorwürfen sich Ott verantworten musste. Dieser Umfang, diese »Vielzahl« an Delikten über einen »langen Tatzeitraum« hinweg habe dazu beigetragen, dass Ott fast zur Höchststrafe von fünf Jahren Haft verurteilt worden wäre, erklärte der Richter später. Vier Monate Untersuchungshaft waren Ott außerdem schon wegen der langen Verfahrensdauer abgezogen worden.

»Frustriert und pleite« soll Ott gewesen sein

Der Prozess war aber auch ein Kraftakt für die Ermittler. Es ist der vorläufige Schlussstrich unter einer Causa, in der seit dem Jahr 2017 gegraben, untersucht und Beweise zusammengetragen wurden. Bis zuletzt hat Ott alle Vorwürfe zurückgewiesen und behauptet, er werde als »Staatsfeind Nummer eins« verfolgt. Keinen Millimeter wich er im Laufe des Prozesses von seiner Linie ab, unschuldig und lediglich das Opfer einer Verschwörung zu sein, um von den »Missständen im BVT« abzulenken. Mehr noch: Zuletzt trat er sogar in einer Doku über die Spionagestadt Wien auf, mit den Worten: »I am a spy. I was a spy. And I will be a spy until I die. But I am an Austrian spy.« (Auf Deutsch: Ich bin ein Spion. Ich war ein Spion. Und ich werde ein Spion sein, bis ich sterbe. Aber ich bin österreichischer Spion.)

Die Staatsanwaltschaft sah das nicht so. Er soll »frustriert und pleite« gewesen sein. Frustriert, weil er sich im von der ÖVP dominierten Innenministerium karrieretechnisch ausgebootet gefühlt habe. Das habe ihn »anfällig« gemacht, gegen Bezahlung für die Russen tätig zu werden, sagte die Staatsanwaltschaft. Stimmt alles nicht, sagte Ott am ersten Prozesstag: »Ich war weder frustriert noch pleite noch von Hass erfüllt.« Zwar räumte er ein, die Abfragen getätigt zu haben, allerdings im Rahmen einer streng geheimen Operation für einen befreundeten westlichen Nachrichtendienst namens »Doktor«. Details blieb er schuldig, weil er von seiner Verschwiegenheit nicht entbunden worden sei.

Den Geschworenen reichte das nicht.

Es reichte ihnen nicht, dass seine Aussage nur von einer Person gestützt wurde, die aber nicht im Zeugenstand erschien, weil sie wohl selbst zu tief in der Causa drinsteckt – und sich in Dubai vor dem Zugriff der Behörden entzieht: Martin Weiß, sein ehemaliger Chef und Abteilungsleiter im BVT unter anderem zuständig für Spionageabwehr. Er hatte per Mail eine »eidesstattliche Erklärung« geschickt, dass es die Operation »Doktor« tatsächlich gegeben habe. Die Staatsanwaltschaft sieht gerade Weiß als zentrale Figur der »Wiener Zelle«, als Bindeglied zu Jan Marsalek und dem russischen Geheimdienst.

Es reichte den Geschworenen auch nicht, dass die Anwältin in ihrem Schlussplädoyer sagte, es gäbe noch zu viele Lücken, zu viele Spekulationen und Vermutungen. Dass man im Zweifel »für den Angeklagten« entscheiden müsse. Nach dem Urteilsspruch sagte sie: »Diese Strafhöhe ist nicht nachvollziehbar.« Und: »Wir werden das Urteil vollumfänglich bekämpfen«, mit einer Berufung gegen das Strafmaß und einer Nichtigkeitsbeschwerde.

In diesem Prozess ging es aber auch um etwas Größeres: den österreichischen Sicherheitsapparat. Um die Zustände im BVT, der im Jahr 2021 aufgelöst wurde. Bei mancher Befragung im Gerichtssaal konnte man die Feindschaft zwischen dem Angeklagten und den Zeugen regelrecht spüren, die Kabale, die Intrigen und Fehden innerhalb einer Behörde, deren eigentlicher Zweck es war, den österreichischen Staat zu schützen.

Jan Marsalek war einer der großen Abwesenden

Und es ging natürlich um zwei Figuren, die immer wieder in den Verhandlungen prominent auftauchten, wenn auch nur in zahllosen Chatnachrichten, weil sie für die österreichische Justiz nicht mehr greifbar sind: Martin Weiß, der ehemalige Abteilungsleiter im BVT, der nach Dubai geflohen ist. Und Jan Marsalek, der ehemalige Wirecard-Manager, mutmaßlicher Milliardenbetrüger und russischer Spion, der inzwischen in Moskau vermutet wird.

Es ist ein Urteil, das ein Zeichen setzt. Gerade in Österreich, einem Land, das noch immer im Ruf steht, ein Tummelplatz für internationale Spionage zu sein – gerade aus Russland. Die Regierung will nun den Spionageparagrafen verschärfen, unlängst wurden zudem drei russische Botschaftsmitarbeiter ausgewiesen. Aber eine restlose Aufklärung, wie tief der russische Arm in den österreichischen Sicherheitsapparat hineinreichte – oder es noch immer tut –, ist dieses Urteil nicht.

Und auch wenn Ott mit vier Jahren Haft fast die Höchststrafe ausfasste, fällt die Strafe im internationalen Vergleich doch gering aus. In anderen Ländern werden vergleichbare Delikte mit mehreren Jahrzehnten Gefängnis geahndet. Die US-amerikanische Whistleblowerin Chelsea Manning wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt, weil sie Dokumente aus dem Sicherheitsapparat an die Plattform WikiLeaks weitergegeben hatte. Später wurde sie begnadigt.

Offen bleibt, ob es nun ruhiger um Egisto Ott wird, diese selbst für österreichische Verhältnisse skurrile Figur, der von sich sagte, im »Waterboarding« ausgebildet worden zu sein, als »halber Italiener« besonders zu emotionalen Ausfällen zu neigen, und zuletzt in einem Interview behauptete, ein Zeuge, der ihn belastete, sei von den Ermittlern unter Drogen gesetzt worden. Zuletzt hat Ott sogar angekündigt, journalistisch tätig werden zu wollen. In einem Podcast hat er vor mehreren Wochen fast zwei Stunden lang seine Version der Spionagegeschichte erzählt. Und er schreibe an einem Buch. Über die schwarzen Netzwerke der Republik – die »Oberösterreich-Connection«.

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