Prosanova-Festival: Mikroplastik in der Menthol-Höhle

vor 2 Tage 3

Die Reise beginnt im Mundraum. Bei Jehona Kicaj zumindest, deren erfolgreicher Roman „ë“ auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis 2025 stand. Die deutsche Sprache fühlt sich wie ein Stein im Mund an, liest sie. Folgerichtig beginnt ihr Text beim Zahnarzt, wo die Protagonistin eine Knirschschiene erhält. Griffe in die Mundhöhle und die verdrehten Bewegungen der Tänzerin Mariella Núñez Karg begleiten ihre Lesung. Der Raum ist dunkel, die Tänzerin ist ganz in Weiß gekleidet. In einfrierenden Bewegungen drückt sie das Straucheln der Protagonistin aus. Die Sprachlosigkeit, die der Krieg bei den Menschen im Kosovo und in der Diaspora auslöste, kann durch den Tanz zumindest im Raum erahnt werden. Tanz und Text werden zu „küssenden Kunstformen“.

Damit ist der Ton gesetzt für das Prosanova-Festival 2026, ein Festival für junge Literatur in Hildesheim, dessen Motto „Zwischen Zungen“ lautet. Entsprechend liegt ein Fokus auf den körperlichen Klängen, auf der Sprache in ihrer fundamentalsten Form. Das beweisen die vielseitigen Beiträge des diesjährigen Festivals, das von intermedialen Performances, die Lesungen mit Sound, Gesang, Videoinstallationen oder Tanz kombinieren, dominiert wird. Literatur ist ein Ereignis, für das es sich zu kommen lohnt. Wichtiger als der Text ist hier, wie er vor Publikum klingt und wirkt.

Blondierte Wimpern, Bubble Tea und Bambi

Die Kulturfabrik Löseke, in der das Festival stattfindet, liegt zwischen Gleisbetten und ist nur über eine Brücke erreichbar. Das Gebäude gleicht einem besetzten Haus, die Räume sind nach Himmelskörpern benannt: Stellar, Luna oder Solarium. Es wirkt verwunschen und sphärisch.

Die diesjährige Ausgabe präsentiert eine kreative Mischung aus in der Tradition der Popliteratur stehenden Sound-Text-Hybriden, autofiktionalen Erinnerungsstücken und mehrsprachiger Lyrik. Teilweise werden Gedichte in Originalsprache vorgelesen und unübersetzt stehen gelassen. Mehrsprachigkeit ist selbstverständlich, einer postmigrantischen Gesellschaft entsprechend. Allgemein verorten sich die Textbeiträge zwischen zwei Polen: Pop und Affirmation in der postdigitalen Welt einerseits, autofiktionale Geschichten über Herkunft, Klasse und Geschlecht andererseits.

Eindrücklich gelingt das Olga Hohmann, deren Performance musikalisch begleitet wird und Tonleiter, Walgesang und weitere Geräusche, darunter ein schleimiges Räuspern, zusammenbringt. Gedankenstromgeleitet und assoziativ erzählt sie von der Logopädie und von Kindheitserinnerungen. Die Stimme ist Mittel und Gegenstand selbst. Einen Zungenbrecher wiederholt  sie immer wieder wie ein Mantra: „The lips, the teeth, the tip of the tongue. The lips, the teeth, the tip of the tongue.“ Dabei lispelt sie ein wenig.

Erschöpfung im Literaturbetrieb

Neben autofiktionalen Erinnerungsstücken reihen sich Sprachexperimente in die Reihe schräger Formate. Marius Goldhorn, Sophia Eisenhut und Robin Ogunmuyiwa lesen begleitet von grotesken Sounds. Sie gehen der Vorstellung einer totalen Zeitauflösung nach, die sich in der vollständigen Auflösung von Kohärenz im Text zeigt. Alles wird zu einem Vibe. Dabei ist es stockfinster. Assoziativ und im Gedankenstrom wabern die Textstücke der Autoren durch den Raum, alles wird aufgebrochen. Wenn es um Bubble Tea, blondierte Wimpern und Bambi geht, wirkt das beinahe trivial, kriegt aber noch die Kurve. Ogunmuyiwas Lesung gleicht einer Art Soft-Rap zu dem Ticken einer Uhr und Xylophonklängen. „100.000.000 Microplastics beginnen die Reise in meinem Mund. Eine dunkle Menthol Höhle“, liest er.

Auf dem Gelände der Kulturfabrik Löseke in Hildesheim herrscht reges treiben.Auf dem Gelände der Kulturfabrik Löseke in Hildesheim herrscht reges treiben.Prosanova Festival

Weit weniger glamourös wird es, wenn es um Konkurrenz geht. Helene Bukowski und Marina Schwabe sprechen im Format eines Schreibzimmergesprächs über Konkurrenz und Neid und über nervige Instagram-Auftritte von Kolleginnen. Sie fragen sich, wie Freundschaften zwischen Konkurrenten funktionieren können, und fragen andere Autoren nach Rat. Deren Antworten spielen sie als Sprachnachrichten. Die Autorinnen tragen dabei Pyjamas. Bukowski bereitet kleine Tüten mit Saatgut aus dem Garten vor, und Schwabe verteilt Butterbrote an die Zuhörer. Nah dran soll dieses Format sein. Vor allem nimmt man nichts zu ernst, am allerwenigsten den Betrieb, dem man sowieso ausgeliefert ist.

Das Panel „Literarisch Solidarisch“, das an eine gleichnamige Anthologie anknüpft, holt etwas weiter aus. Wer könne es sich überhaupt leisten, Kritik an bestehenden Strukturen zu üben, überlegen Hatice Açıkgöz, Mareice Kaiser, Lisa Tracy Michalik und Kadir Özdemir. „Gatekeeping“ sei ein Problem des gesamten Betriebs und konkret der Literaturkritik, finden sie. Positiv wäre, dass sich die festen Strukturen durch die sozialen Medien lockern würden. Auch die auf der re:publica aufgekommene Diskussion wird erwähnt, in der ein Honorarvergleich von Mareice Kaiser und Hanno Sauer eine Debatte über die großen Unterschiede von Vorschüssen für Bücher auslöste. Antworten auf die vielen aufgeworfenen Fragen finden sie leider wenige.

Ein junger Raum für Literatur wie das Prosanova Festival ist besonders und schützenswert. Es darf viel ausprobiert und experimentiert werden. Dass dabei die Grenzen der Experimentierfreude auch mal überschritten werden, zeigt ein Vorfall, als ein Auftretender Bier verteilt, eine Dose durch den Raum wirft und dabei versehentlich jemanden am Kopf trifft. Die künstlerische Leitung nehme den Vorfall sehr ernst, bedauere ihn und stehe in Kontakt mit der betroffenen Person, heißt es.  „Was während jenes Programmpunkts passiert ist, geschah keineswegs in Absprache mit den Organisatoren“, erklärt die Leitung. Aktuell werde der Fall noch aufgearbeitet.

Abgesehen davon, wird viel dafür getan, dass die Stimmung gut ist und Literatur zwischen Tanz, Gesang, Videoinstallationen und Beats lebendig wirkt. Die Ereignisse sollen besondere Momente sein, bei denen man am besten live dabei ist.

Das braucht nicht nur multimediale Formate. Wenige Lesungen fokussieren sich ausschließlich auf den Text. Fiona Sironic, die aus ihrem Roman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ vorliest, der ebenfalls auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2025 stand, ist eine Ausnahme. Eineinhalb Stunden liest sie einfach vor. Wenige andere Programmpunkte kommen ganz ohne Moderation und multimediale Elemente aus, dieser schon. Bei aller Lust am Ereignis und aller Offenheit gegenüber Formhybriden ist es gut, wenn der Text dabei nicht aus dem Blick gerät.

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