Irgendwas ist da mit Andreas Fischer und Troisdorf, der Kleinstadt im Rhein-Sieg-Kreis zwischen Köln und Bonn. Nach „Die Königin von Troisdorf: Wie der Endsieg ausblieb“ (2022) hat der Autor und Filmemacher Fischer jetzt auch seine zweite Erzählung mit diesem recht unglamourösen Stadtnamen betitelt: „Böll kam nicht bis Troisdorf“ heißt sie. Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll kommt darin allerdings nicht vor. Das liegt daran, dass er die Kontaktversuche des jungen Andreas ins Leere laufen lässt.
Andreas Fischer: „Böll kam nicht bis Troisdorf“Eschen 4 VerlagDer 1961 geborene Fischer schreibt literarisch aufbereitet („autofiktional“) über seine Zeit als junger Erwachsener in Westdeutschland: wie er im miefigen Troisdorf nach Halt und Orientierung sucht und den Weg in ein alternatives Künstlerleben findet – zunächst in Köln und dann in Berlin. Es geht um diese Lebensphase, in der man noch sehr leicht zu beeindrucken ist, und um die Illusion, dass Künstler zwingend die empathischeren Menschen sein müssten. Sie sind es nicht.
Wir schreiben die frühen Achtzigerjahre. Der damals zwanzigjährige Andreas trägt lange Haare, Parka und Flickenjeans und geht gerne ins alternative Café „Teeparadies“ in Bonn. Außerdem möchte er Schriftsteller werden – und niemals wie die eigenen, im „Dritten Reich“ sozialisierten Eltern.
Dann zieht ein mäßig populärer Schriftsteller in die Stadt: Frieder Salzgraf ist ein „guter Bekannter“ Bölls, zumindest nach eigenen Angaben, und sogar ehemaliges Mitglied der legendären Nachkriegs-Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“. Zwischen Andreas und dem deutlich älteren Autor entsteht ein ernsthaftes Lehrer-Schüler-Verhältnis.
Es stellt sich allerdings heraus, dass Salzgraf es hemmungslos ausnutzt, dass der Jüngere seine Anerkennung sucht. Hinter der gemütlichen Fassade steckt ein kaputter, hartherziger Egomane, der Dinge schreit wie „Wer nicht für mich ist, ist wider mich“ und Andreas in erster Linie als Chauffeur benutzt. Sogar körperlich übergriffig wird er. „Narzisstischer Missbrauch“ würde man das heute vielleicht nennen, aber Fischer schafft es auch ohne Modeworte, die damit einhergehende Scham und Verunsicherung darzustellen: „Ich habe die Zeilen nach über vierzig Jahren wortwörtlich im Kopf, ich sehe sie vor meinen Augen: ausschluss aus dem kurs mangels qualifikation + stop + salzgraf.“ Diesen Salzgraf soll es tatsächlich gegeben haben. Das Erzählte sei weitestgehend wahr, den Namen habe er wegen der belastenden Szenen aber verfremdet, so Fischer.
Der Protagonist lässt sich bei aller Schwere seines Erlebnisses allerdings den Humor nicht nehmen. Eine Abwehr gegen Salzgrafs Vereinnahmungsversuche? Die pedantisch-nostalgischen Alltagsschilderungen sind dabei auch für sich genommen spannend: Man ist fast ein wenig dankbar, in der heutigen, algorithmusgeplagten Zeit leben zu dürfen, wenn man erfährt, wie aufwendig es seinerzeit gewesen ist, auch nur ein simples Rezept für „Russischen Hackfleischtopf“ ausfindig machen zu können.
Andreas Fischer: „Böll kam nicht bis Troisdorf“. Erzählung. Eschen 4 Verlag, Berlin 2026. 158 S., geb., 17,50 €.

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