Blinkende Neonlichter, Palmen und Achtzigerjahrehits im Autoradio – das zeichnete „Grand Theft Auto: Vice City“ aus. In „Grand Theft Auto VI“ (GTA VI) kehren Spieler zurück in die Stadt der Laster: Vice City ist zum zweiten Mal der Hauptort eines GTA-Spiels. Nach GTA: Vice City, das in den Achtzigerjahren spielte, spielt GTA VI dieses Mal in der Moderne. Fast ein Vierteljahrhundert liegt zwischen der Veröffentlichung der beiden Spiele.
Die Entwickler bei Rockstar Games hatten sich für GTA: Vice City großzügig bei der Story des Films „Scarface“ bedient. In dem Filmklassiker spielt Al Pacino den kubanischen Flüchtling Tony Montana, der 1980 nach Miami kommt und vom Gangster zum Drogenboss wird. Eine ähnliche Karriere durchläuft Tommy Vercetti, die Hauptfigur in GTA: Vice City, zudem wurden ganze Filmszenen aus Scarface, darunter auch die Schießerei im Anwesen am Ende des Films, adaptiert. Die Ästhetik der Serie „Miami Vice“ mit Don Johnson und Philip Michael Thomas als Ermittlerduo Crockett und Tubbs spielte außerdem eine große Rolle in dem Spiel.

Pastellfarben, Neonlichter, Narco-Chic, Sakkos mit kurzen Ärmeln, schnittige Sportwagen – die Einflüsse waren unverkennbar. Rockstar verlegte deshalb den Schauplatz des Spiels nach Miami beziehungsweise in die daran angelehnte Stadt Vice City.
Bereits im allerersten Teil von 1997, „Grand Theft Auto“, gab es drei Städte: Liberty City, San Andreas und Vice City. Wie alle Städte in der GTA-Reihe orientieren sich an realen Vorbildern. Die Namen prägen die Reihe bis heute, wenn sich auch ein Detail geändert hat.
Liberty City ist New York nachempfunden und der Hauptort in GTA IV. Es war aber auch Handlungsort des ersten GTA-Teils in 3D-Grafik: GTA III. Dieses Spiel veränderte nicht nur die Spielreihe, sondern die gesamte Branche mit seinem Open-World-Prinzip, und beeinflusste daraufhin viele kommende Spiele. San Andreas, das an San Francisco erinnern sollte, wuchs sich nach dem ersten GTA-Teil zu einem eigenen Bundesstaat aus. Das 2004 erschienene GTA: San Andreas spielte deshalb auch in drei Städten: Los Santos (Los Angeles), San Fierro (San Francisco) und Las Venturas (Las Vegas). Auch GTA V spielt in Los Santos und kopiert Los Angeles in vielen Details, wie Hollywood, dem weltbekannten Observatorium oder dem Santa Monica Pier.
Warum Florida und GTA so gut zusammenpassen
„Es gibt gute Gründe dafür, warum GTA immer wieder in diese Städte zurückkommt: Miami, New York, Los Angeles“, sagt der ehemalige GTA-Autor und Produzent Dan Houser in einem Interview mit dem Podcaster Lex Fridman. Die Städte vereine eine Mischung aus Glitzer, Glamour, Abgründen, einer hohen Migrantenquote sowie einer großen Schere zwischen Arm und Reich. „Miami ist eine der einzigartigsten Städte der Welt, vor allem wenn man die amerikanische Kultur persifliert“, sagt Houser. Miami habe eine „glänzende Oberfläche“ durch reiche Menschen, Yachten, Schönheitsoperationen, Sportwagen, und eine „dunkle Unterwelt“ mit Drogenkartellen und bitterarmen Leuten.
Überhaupt bietet der US-Bundesstaat Florida eine wilde Mischung aus diversen Einflüssen, die erzählerisch gut in die GTA-Welt passt. Florida ist geprägt von hispanischen Immigranten und erzkonservativen Republikanern und zudem ein Sehnsuchtsort für ältere Menschen, die wegen des warmen Klimas ihren Altersruhesitz hierher verlegen, sowie – durch die zahlreichen Vergnügungsparks – für Kinder. Hinzu kommt eine einzigartige Naturlandschaft und Tierwelt durch die Everglades mit Alligatoren und mit der Inselkette Florida Keys.
Anspielung auf „Florida Man“ in GTA VIRockstar GamesAus dem melting pot Florida kommen zudem die abenteuerlichsten Polizeimeldungen. Haben Sie schon mal von dem Internetphänomen „Florida Man“ gehört? Eine ganze Internetseite widmet sich den Schlagzeilen, die aus dem Bundesstaat kommen. Dort kann man nachlesen, dass ein „Mann verhaftet“ wurde, „weil er auf Opossum Notdurft verrichtete“. Bebildert werden die Artikel in der Regel mit den Fahndungsfotos der Verdächtigen. Möglich wird dies, weil Polizeiberichte durch Floridas „public records law“ mit allen Details veröffentlicht werden müssen. Das greift GTA VI auch direkt auf.
Im Trailer ist ein Mann mit lila gefärbten Haaren und allerhand Tattoos zu sehen. Die Schlagzeile ist auf Spanisch und lautet übersetzt „Mit Tinte geschriebenes Geständnis: Ein Tattoo am Hals, das ihn verriet, war der Schlüssel zur Verurteilung eines Mannes aus Leonida“. Es ist nur eine von vielen Anspielungen im ersten Trailer zu GTA VI auf reale Schauplätze und Ereignisse in Florida.
Miami: Kryptohauptstadt der Vereinigten Staaten
In GTA VI werden sich mit großer Wahrscheinlichkeit viele erzählerische Rückgriffe auf GTA: Vice City finden. Darüber hinaus dürften beide Spiele aber nicht mehr viel miteinander gemein haben. Die Spielwelt, die Ästhetik und auch der Soundtrack in GTA VI sollen eine ganz andere Sprache sprechen als in dem Spiel von 2002. Das Miami von heute ist nicht mehr vom Kokainschmuggel der Kartelle geprägt, sondern hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der wichtigsten Finanz- und Techmetropolen der USA entwickelt und gilt als Kryptohauptstadt der Vereinigten Staaten.
Rockstar Games setzt erstmals eine Hauptprotagonistin, Lucia, ein, die lateinamerikanische Wurzeln hat, und könnte dadurch eine ganz andere Perspektive der hispanischen Bevölkerung Floridas aufzeigen. In GTA: Vice City waren Haitianer und Kubaner, die sich untereinander bekämpften, nur einer von vielen Nebenkriegsschauplätzen.
Ein großartiger Trick in GTA: Vice City, der entscheidend zur Immersion beitrug, war der herausragende Soundtrack, zusammengestellt aus Hits der Siebziger- und Achtzigerjahre verschiedenster Genres. In sozialen Medien finden sich noch heute Einträge, in denen davon erzählt wird, dass Spieler in Vice City mit dem Auto herumgefahren sind, nur um die Lieder im Radio zu hören. Zudem konnten Spieler auch ihre eigene Playlist zusammenstellen.
Was die Musikauswahl in GTA VI angeht, sind bislang nur wenige Songs, wie Tom Pettys „Love Is a Long Road“ oder „Hot Together“ von den Pointer Sisters, bekannt. Vieles deutet aber darauf hin, dass lateinamerikanische Musik und Hip-Hop eine viel größere Rolle spielen dürften, nicht zuletzt, weil durch Künstler wie Bad Bunny aktuell kaum ein Weg an der Reggaeton-Musik vorbeiführt.
Das Vice City von 2002 war eine Miami-Phantasie aus zweiter Hand, destilliert aus den Lieblingsfilmen und -serien von Rockstar-Mitgründer Dan Houser. Die amerikanische Realität dieser Tage scheint die Fiktion von einst längst überholt zu haben. Miami und Florida erscheinen heutzutage mitunter so absurd, exzentrisch und widersprüchlich, dass die Rockstar-Entwickler aus einem schier unerschöpflichen Angebot an kulturellem Wahnsinn schöpfen können. Denn irgendwo in Florida fabriziert gerade wieder ein Mensch eine Schlagzeile, die genauso aus einer GTA-Mission stammen könnte.

vor 3 Stunden
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