Angefangen haben soll es auf einer Tischtennisplatte, im Jahr 2002. Gernot Bronsert und Sebastian Szary alias Modeselektor und Sascha Ring alias Apparat stöpseln ihre Laptops zusammen, um auf der Platte erstmals gemeinsam Musik zu machen. Eine Hochzeit zu Berlins Electro-Supergroup Moderat sozusagen, denn mit den technoiden, bassigen Kellerbeats des Techno-Duos und dem arthousigen Ambientsound von Rings Soloprojekt samt seiner charakteristischen Goldkelchen-Stimme haben sich perfektionistische Sound-Frickler gefunden.
Bei der Verkupplung des Trios halfen die Techno-Legenden Thomas Fehlmann, Gudrun Gut und ihre Community. Überhaupt hatten Moderat von Anfang an viel unterstützenden Wind im Rücken. Zur ersten EP „Auf Kosten der Gesundheit“ (2003) und zum Debütalbum spornte Ellen Allien die Drei an und veröffentlichte beides auf ihrem Label BPitch Control. Heute sind Moderat einer der erfolgreichsten deutschen Exporte aus der elektronischen Musik mit ihren zwischen Break-Beats, Techno, Dub und Downbeat changierenden Rhythmus- und Melodiegerüsten. Ein Neo-Kraftwerk?
Eine Art cinematischer Sound
Eins auf jeden Fall, das in immersiver Ganzheitlichkeit denkt. Klar ist es heute gang und gäbe, dass Musiker live auf, beziehungsweise hinter der Bühne, mit großen Projektionen arbeiten. Doch was bei nicht Wenigen gerne auch wie ein kalkuliertes Ablenkungsmanöver von halbgaren Bühnenperformances wirken mag, das hat bei Moderat volle Daseinsberechtigung, mehr noch: das Visuelle, das Filmische, ist als Idee fest eingeschrieben in die Musik des Berliner Trios. Auf der Tour zum letzten Album „More D4ta“ saugten die Bilder auf der Riesenleinwand das Publikum regelrecht ein: eine Sonnenfinsternis, ein schwarzes Loch, animierte Graphic Novels.
Seit „Stunde null“ definiere sich Moderat über „eine Art cinematic Sound“, erklärte Sebastian Szary vor ein paar Jahren in einem Interview mit dem Online-Magazin laut.de. „Stell dir vor, du sitzt in einem Kino und es läuft ein Film – den es natürlich noch nicht gibt – und du tauchst in die Leinwand ein.“ Das kann man sich bei Moderat gut vorstellen, zumal besagte Stunde null, zumindest in der Albumzeitrechnung, gleich mit einem Song geschlagen hat, der bis heute einer ihrer populärsten ist: „A New Error“, der Opener des ersten, schlicht „Moderat“ getauften Albums von 2009.
Kann man hier von einem Songtext sprechen?
Es ist der Song, mit dem Moderat international durch die Decke gegangen sind. Dass Ring hier nicht singt, birgt eine gewisse Ironie. Zugleich verwundert das nicht, denn ohne die pointierten Ohrwurm-Lyrics, die etwa den anderen Superhit „Bad Kingdom“ so groß machen, kann sich „A New Error“ mit den von Ring mitgesteuerten Wobbelbässen und der extrabreiten, hallenden Kick-Drum direkt in die Synapsen schrauben und die kopfkinematografische Assoziationsmaschine anwerfen. Das funktioniert ganz basal, denn wer den Song kennt und sich auf der Webseite genius.com den „Songtext“ anschaut, wird die treibende Nummer gleich im Kopf haben: „Dubity deebity, dubity deebity, dubity deebity - Flough“.
Auch die Verbindung vom Song zum Kino ist kurz – das Musikvideo zu „ A New Error“, in dem Hände eine hypnotische Choreographie vollführen und sich berühren oder über teigähnliche Fäden verbunden sind, darf sinnbildlich gelesen werden. Die nationale und internationale Kinokarriere, die der Song bisher hingelegt hat, spricht dafür, dass er im Besonderen auch die Synapsen von Filmschaffenden zu stimulieren scheint.
Soundtrack für einen Film über Leipziger Wendejahre
Am naheliegendsten ist da noch „Als wir träumten“ (2015), Andreas Dresens Verfilmung des gleichnamigen Debütromans von Clemens Meyer. Der Film folgt einer Gruppe von Jugendlichen in Leipzig durch die undurchsichtigen Wendejahre. Ganz den heute mythisch aufgeladenen Techno-Gründungsvibes entsprechend, dass sich nach dem Mauerfall der Soundtrack und das Lebensgefühl einer Generation mit scheppernden Soundsystemen und Plattenspielern in leerstehende (Industrie-)Gebäuden entlud, improvisieren sich die Jungs im Film einen Club zusammen. Ein paar Kisten Bier, ein bisschen zusammengeschusterte Technik, und fertig ist das „Eastside“. Bei einer wilden Techno-Party läuft „A New Error“, was in der düsteren Keller-Beton-Atmosphäre musikalisch perfekt passt; auch der Songtitel hat im Kontext des Films, an dessen Ende es kaum Gewinner gibt, etwas Sprechendes.
Interessant ist, dass „A New Error“ gleich in zwei Filmen auftaucht, die sich mit progressiven Identitäten auseinandersetzen. Den kürzeren und auch nebensächlicheren von beiden Auftritten hat der Song in Andrea Pallaoros Drama „Monica“ (2022). In dem Film, der beim Filmfestival in Venedig Premiere hatte, allerdings in den deutschen Kinos noch nicht zu sehen war, spielt die transgeschlechtliche Schauspielerin Trace Lysette eine Transfrau, die nach 20 Jahren erstmals wieder in ihr Elternhaus in den Mittleren Westen der USA zurückkehrt, um sich um ihre schwerkranke Mutter zu kümmern. Den Song hört die Heldin auf einer einsamen Autofahrt aus dem Autoradio.
Ein modernes Melodram
Demgegenüber brennt Xavier Dolan in „Laurence Anyways“ quasi ein eigenes Musikvideo für „A New Error“ auf die Leinwand. Der Film erzählt die Liebesgeschichte eines Paares, dessen männlicher Part sich entschließt, als Frau zu leben. Der Moderat-Song übernimmt die Erzählung des modernen Melodrams temporär, als das Paar in einem Moment des Glücks unter blauem Himmel durch eine Schneelandschaft läuft, während bunte Kleider vom Himmel regnen: Blusen, Mäntel, Wollpullover und Schals. Wie wenige versteht es Dolan, populäre Musik in seine Filme als emotionale Resonanzverstärker zu integrieren und damit ganzen Sequenzen eine musikalische Sprache zu geben.
Dass das pulsierende Ohrwurm-„Dubity dubity“ auch als Werbeträger in Hollywood Anklang findet, zeigt der Teaser zu Cathy Yans „Birds Of Prey: The Emancipation Of Harley Quinn” (2020), in dem Margot Robbie die Ex-Geliebte des Batman-Antagonisten Joker spielt. Zwanzig Sekunden auf den Beat geschnitten, eine Armbrust, ein Baseball-Schläger, verschiedene Figuren aus dem Film, bevor Robbie mit Drink in der Hand herumwackelt und lacht.
Der cinematische Sound von „A New Error“ hat im Kino einige Spuren hinterlassen, weitere werden sicher folgen. Der Song lässt, um Szarys Aussage aufzugreifen, in den Köpfen Filme entstehen, und er geht unter die Haut. Passend dazu auch die Bilder, die den Song auf der „More D4ta“-Tour begleitet haben: Hände und Arme, weiß auf schwarz wie bei einem Röntgenbild, dann Ansichten von Adern. Mit satten Bässen und eingängigen Melodien dreht das Trio alle Knochen und Muskeln auf links und wieder zurück.
A New Error
Dubity dubity
Dubity dubity
Dubity dubity
Dubity dubity
Dubity dubity
Dubity dubity
Dubity dubity
Dubity dubity
Dubity dubity
Dubity dubity
Dubity dubity
Flough...
Dubity deebity, dubity deebity
Dubity deebity, dubity deebity
Doobity dubity, doobity dubity
Doobity dubity, doobity dubity
Doobity dibity, doobity dibity
Doobity dibity, doobity dibity
Flough...