Ich bin eine hoffnungslose Nostalgikerin. Ich schwelge in meiner eigenen Vergangenheit, liebe es, mir alte Fotos anzuschauen, und trauere den sorglosen Schul- und Unizeiten hinterher. Ich möchte jedes Jahr an denselben Urlaubsort fahren, alte Lieblingsbücher wiederlesen und Familientraditionen aufleben lassen. Ich schlafe immer noch mit meinem Teddybären aus Kindertagen und kann mich nicht von persönlichen Erinnerungen trennen. Der Trend aus den sozialen Medien, die Musik und den Style von 2016 zu feiern – und die persönliche Entwicklung seitdem –, war wie für mich gemacht: Ich verlor mich für Stunden in meinem persönlichen Fotoarchiv und erinnerte mich an die guten alten Zeiten, in denen ich Mitte zwanzig war.
Nur Sentimentalität und Stagnation?
Ich sehne mich aber auch nach Zeiten und Orten, die ich nie kennengelernt habe. Von Märchen und historischen Romanen inspiriert, verbrachte ich als Kind Stunden damit, mir vorzustellen, man hätte mich in eine ausgedachte und romantisierte Version der 1950er-Jahre, der 1900er-Jahre oder in noch frühere Zeiten zurückversetzt.
Ich verschlang die Romane von Enid Blyton und flehte meine Eltern an, mich von meiner Londoner Grundschule der Neunziger zu nehmen und in ein Internat im Cornwall der Nachkriegszeit zu schicken. Meine Bitten blieben unerhört, und so ging ich, weil ich unbedingt in eine Welt zurückkehren wollte, in der ich nie gelebt hatte, jeden Tag mit Faltenrock und weißer Bluse in meine uniformfreie staatliche Schule.
Obwohl uns dieses Gefühl der Nostalgie vertraut ist, hat es einen schlechten Ruf. Über nostalgische Menschen wird sich oft lustig gemacht, sie seien sozial und politisch konservativ, zu sentimental, unkritisch oder Gegner technologischer Veränderung. Nostalgie selbst wird für kulturelle Stagnation verantwortlich gemacht: endlose Wiederholungen im Fernsehen, Remakes, die neuen Stimmen den Platz wegnehmen, Fashionshows, die alte Trends wiederverwerten, bevor die überhaupt verschwunden sind. In der Politik dient sie oft als Erklärung für den Aufstieg des Populismus – von Donald Trumps Wahlsieg im Jahr 2016 bis zum „Brexit“, dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union.
Nostalgie und Optimismus
Nostalgie ist in dieser Erzählung nicht nur ein Gefühl, sondern ein soziales Problem, das Kulturen und Gemeinschaften zurückwirft und vom Fortschritt entfernt. Das passt nicht zu meiner eigenen Erfahrung. Ich bin nicht nur nostalgisch, sondern auch optimistisch, arbeite in einem kreativen Bereich und fühle mich dem politischen Fortschritt verpflichtet. Ich forsche und schreibe schon seit 2018 zur Wissenschaft und Geschichte der Nostalgie, und dieses Interesse ist zum Teil aus diesem Widerspruch, dieser Spannung heraus entstanden. Ist es möglich, Nostalgie mit einer positiven Einstellung, mit Kreativität, sozialer und politischer Transformation zu verbinden?
Nach sorgfältiger Überlegung würde ich sagen, ja, denn Nostalgie kann auch produktiv sein. Sie ist nicht nur eine Sehnsucht nach etwas, das verloren gegangen ist, sondern auch eine Sprache, in der Menschen ihre Unzufriedenheit mit der Gegenwart ausdrücken und sich – paradoxerweise – bessere Versionen der Zukunft vorstellen können. Sie kann sowohl progressiv als auch konservativ sein, produktiv anstatt nur lähmend.
Die Geschichte der Nostalgie
Zunächst aber lohnt es sich, sich mit der langen und merkwürdigen Geschichte der Nostalgie zu beschäftigen, einer Geschichte, in der das Gefühl, das wir jetzt als vertraut, ja sogar gemütlich ansehen, als etwas galt, vor dem man Angst haben musste. Der Begriff stammt von Johannes Hofer, einem Arzt aus dem späten siebzehnten Jahrhundert, der damit eine Form pathologischen Heimwehs beschrieb: eine Krankheit, von der man glaubte, sie trete auf, wenn eine Person zu weit weg von der Heimat reiste. Nostalgie leitet sich von den griechischen Wörtern nostos (Nach-Hause-Kommen) und algos (Schmerz) ab und benannte keine Stimmung, sondern ein Leiden, eine tiefe psychische und physische Wunde, die durch Entfernung, Vertreibung und Sehnsucht verursacht wurde.
Hofer beschrieb die Erkrankung als mysteriös und heimtückisch. Denjenigen, die daran litten, wurde nachgesagt, sie seien lethargisch und zögen sich zurück, geplagt von Schlafproblemen und tiefer Traurigkeit. Ihr Geist ließ nach, ihr Körper ebenso. Man glaubte, dass Nostalgie Herzrasen, Appetitverlust und sogar offene, nässende Wunden verursachte. In ihrer schwerwiegendsten Form konnte sie tödlich sein. Manche Opfer verweigerten jegliches Essen und hungerten sich langsam zu Tode, so als ob Nahrung ohne das wohlige Zuhause sinnlos sei.
Eine „Krankheit“ mit gesellschaftlichen Folgen
Berichte aus dem 19. Jahrhundert füllen diese Diagnosen auf bittere Weise mit Leben. In den 1830er-Jahren wurde einem Mann aus Paris mit dem Rauswurf aus seinem geliebten Haus gedroht. Angesichts der Aussicht, sein Zuhause zu verlieren, verließ er das Bett nicht mehr und weigerte sich zu essen, zu trinken oder Menschen zu sehen. Als der Abrisstermin näher rückte, verschlechtere sich sein Zustand. Er starb, wenige Stunden bevor das Gebäude abgerissen werden sollte. Er erlag, so sein Doktor, einer „tiefen Traurigkeit“ und einem „heftigen Fieber“. Die offizielle Diagnose? Nostalgie.
Fälle dieser Art galten keineswegs als Ausnahme. Nostalgie war im Europa und Amerika des 19. Jahrhunderts weit verbreitet, besonders in kolonialen Kontexten, wo man oft und häufig für immer weit von zu Hause entfernt war. Allein im amerikanischen Bürgerkrieg wurde über 5000 Soldaten die Krankheit diagnostiziert. Militärärzte befürchteten, dass das Heimweh die Moral zerstören, die Körper schwächen und die Männer kriegsuntauglich machen könnte.
Nostalgietrend Vinyl: Kevin Rodriguez, Betreiber der Listening Bar "Unkompress" legt in seiner Bar ausschließlich Vinyl- Schallplatten auf.dpaIn diesem Sinn war Nostalgie nicht nur ein privates Leiden, sondern ein Problem für den Staat. Für das Militär war Heimweh nicht nur eine individuelle Tragödie, sondern eine Bedrohung von Moral und Disziplin – eine private Emotion mit gesellschaftlichen Konsequenzen.
Das Ende der medizinischen Laufbahn der Nostalgie
Im Übergang zum 20. Jahrhundert spielte die Nostalgie in der medizinischen Vorstellung eine immer geringere Rolle. Fortschritte in der Psychiatrie und Psychologie machten die Idee von tödlichem Heimweh zunehmend unwahrscheinlicher. Nostalgie wurde allmählich getrennt von Heimweh betrachtet, verlor ihre physischen Symptome und ihren Status als körperliches Leiden. Sie wurde zunächst zu einer psychischen Störung und dann, abgeschwächt, zu einer emotionalen Neigung.
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war Nostalgie größtenteils zu dem wehmütigen, rückwärtsgewandten Gefühl geworden, das wir heute kennen. Doch die alte Diagnose hielt sich länger, als man vielleicht erwarten würde. Ein amerikanischer Soldat im Ersten Weltkrieg war im Jahr 1918 die letzte Person, bei der Nostalgie diagnostiziert wurde und die daran starb. Damit markierte er das Ende der medizinischen Laufbahn der Nostalgie.
Obwohl Nostalgie nicht länger als physische Krankheit behandelt wurde, löste sie bei den frühen Psychoanalytikern weiterhin Unbehagen aus. Sie betrachteten das Gefühl mit Skepsis und Ungeduld und sahen in ihm eine Verweigerung, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Auf der Analytikercouch sah Nostalgie nicht wie eine harmlose Träumerei aus, sondern wie das Symptom einer Neurose: ein Festhalten an der Vergangenheit, das auf Schwäche, Abhängigkeit und Angst hindeutete.
Die Angst vor der Nostalgie blieb bestehen
Diese Interpretation beruhte auch auf einem sozialen Vorurteil. Nostalgie war nach Ansicht der Analytiker in der Gesellschaft ungleich verteilt: In der rationalen, fortschrittlichen Mittelschicht galt sie als weniger verbreitet als in der „Unterschicht“ oder unter den „Traditionalisten“, denen unterstellt wurde, sich nicht an das moderne Leben anpassen zu können. Manche Analytiker gingen noch weiter und verglichen Nostalgie mit tierischen Instinkten – dem Impuls von Tauben, immer nach Hause zurückzukehren. Nostalgie galt keineswegs als reflektiert oder edel, sondern als rückständig, als ein Hingezogensein zu Kindheit und Abhängigkeit.
Diese Ängste gingen über das Individuum hinaus. So fürchteten die Analytiker, Nostalgie könnte ganze Nationen befallen. Heimweh könnte sich zu einer Verehrung des „Vaterlands“ auswachsen und so zu einer defensiven, nach innen gerichteten Politik führen.
Spätere Kritiker wiederholten diese Ängste. Für sie war Nostalgie weichgespülte Geschichte, die umgeschrieben wurde, um der Gegenwart zu dienen. Als Zuneigung oder Erinnerung getarnt, war sie das Symptom einer tiefer liegenden Malaise – „Geschichte ohne Schuld“, tröstlich, aber gefährlich. Der Historiker George K. Behlmer griff dieses Unwohlsein auf und bezeichnete die Nostalgie als eine Art „übertriebene Sentimentalität“, die es Menschen erlaubte, die Möglichkeit produktiver Veränderung abzulehnen. In dem sie idealisierte, was gewesen war, hielt die Nostalgie einen davon ab, für etwas einzutreten, was noch geschehen könnte. Der Soziologe Yiannis Gabriel war noch direkter und nannte die Nostalgie „das neueste Opium des Volkes“: eine beruhigende Droge, die das Bewusstsein für die Anforderungen und Widersprüche des modernen Lebens abstumpfte.
Rechtspopulismus und politische Nostalgie
Dieses Framing besteht bis heute. Populistische Bewegungen, die mit idealisierten, ausgrenzenden Vorstellungen der Vergangenheit werben – die britische Reform Party, die AfD oder das Rassemblement National in Frankreich –, werden oft als nostalgisch beschrieben. All diese Parteien versprechen ihren Wählern eine alternative Zukunft, die von einer vagen, ungenauen Idee einer Zeit geprägt ist, in der die jeweiligen Nationen „great“ waren, um einen Begriff von Donald Trump zu zitieren. Sie alle bedienen eine historische Niedergangserzählung, die Vorstellung, dass die westliche Welt in jeglicher Hinsicht – in Bezug auf Gesellschaft, Kultur, Gemeinschaft, „familiäre Werte“, Wirtschaft und Imperialismus – schlechter geworden ist.
Trumps Wahlkampfslogan aus dem Jahr 2016 ist das wohl berühmteste und eindeutigste Beispiel für diese Art von politischer Nostalgie, aber auch der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union wurde so aufgefasst. Kurz nach der Brexit-Abstimmung 2016 attestierten sowohl heimische als auch ausländische Kommentatoren dem Land eine „Empire-Nostalgie“ und machten, so eine Formulierung im „Guardian“, eine „nostalgische Sehnsucht nach den verlorenen Kolonien und dem damit einhergehenden Wohlstand und globalen Einfluss“ für den Brexit verantwortlich. Sogar Michel Barnier, der Chefunterhändler der EU, sagte, der Brexit sei auf Großbritanniens „Sehnsucht nach der Vergangenheit“ zurückzuführen.
Warum Nostalgie-Diagnosen allein nicht weiterhelfen
Die meisten, die die Brexit-Kampagne als nostalgisch kritisierten, waren der politischen Linken zuzuordnen. Und obwohl die Rhetorik von Pro-Brexit-Aktivisten und Politikern durchaus nostalgisch war – die ehemalige Premierministerin Theresa May bestand beispielsweise darauf, dass der Brexit eine Möglichkeit für das Land sei, um „seine Rolle als großartige, globale Handelsnation wiederzuentdecken“ –, ist es oft eher eine Diagnose als eine Analyse, die Bewegung des politischen Gegners als „nostalgisch“ zu bezeichnen.
Trumps Wahlkampfslogan aus dem Jahr 2016 ist das wohl berühmteste und eindeutigste Beispiel für diese Art von politischer Nostalgie. Doch Nostalgie ist überall und wird von allen, unabhängig von Alter, Geschlecht und politischer Einstellung, gefühlt.ReutersSolch eine Rhetorik, so der Historiker Robert Saunders, stellt politische Meinungsverschiedenheiten als pathologisch anstatt argumentativ dar. Tatsächlich gilt Nostalgie zwar nicht mehr als körperliche Krankheit, aber noch immer als Symptom eines gestörten politischen Denkens. Besonders wenn die so denkenden Personen sich auf der anderen Seite des politischen Spektrums befinden.
Rechtsextreme oder populistische Bewegungen der Nostalgie zu beschuldigen, ist unter anderem deshalb ein Problem, weil das Gefühl nicht von Natur aus rückständig ist – tatsächlich ist es von Natur aus gar nichts. Nostalgische Erzählungen können dazu dienen, Menschen auszuschließen, oder für rückschrittliche Zwecke genutzt werden, aber das ist in diesem Gefühl nicht intrinsisch angelegt. Wenn man Nostalgie als Synonym für Konservatismus oder kulturelle Stagnation verwendet, verwechselt man die psychologische Fähigkeit, flexiblere Perspektiven einzunehmen, mit einer festen ideologischen Position. Nostalgie gibt nicht vor, wie die Zukunft sein wird; sie formt die emotionalen Bedingungen, unter denen man sich unterschiedliche Zukünfte vorstellen kann.
Linke Nostalgie
Im Verlauf ihrer langen Geschichte findet man Nostalgie sowohl bei rechten als auch linken Aktivisten, Politikern, Schriftstellern und Arbeitern. Ihr ästhetischer Reiz zieht Menschen auf dem gesamten politischen Spektrum an, und sie ist ebenso häufig politisch mehrdeutig wie eindeutig konservativ oder liberal.
So ist die Geschichte des Kommunismus voller nostalgischer Rhetorik und Objekte. Lenin zog besonders gern Parallelen zwischen der Pariser Kommune von 1871 und der Sowjetunion. Jedes Jahr, das der Zustand, den die Russische Revolution von 1917 hervorgebracht hatte, länger währte als die Pariser Kommune, soll Lenin als „Kommune plus eins“ gezählt haben, und als er starb, wurde sein Körper in die Fahne der Kommune gewickelt. Als das erste dreiköpfige Astronautenteam der Sowjetunion 1964 ins All flog, nahmen sie neben Porträts von Marx und Lenin auch einen Fetzen ebenjener Fahne mit.
Ein universelles Gefühl
Nostalgie gehört noch immer zum Leben der politischen und kulturellen Linken. Heute taucht sie regelmäßig in Kampagnen auf, die den National Health Service (NHS) vor Unterfinanzierung und Vernachlässigung schützen wollen. Der NHS ist ein staatlich finanziertes Gesundheitssystem, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Großbritannien eingeführt wurde – ein sozialdemokratisches Projekt, das in der britischen Linken als Symbol für progressive Politik steht.
Den NHS gibt es nur in Großbritannien, aber eine Sehnsucht nach der sozialdemokratischen Nachkriegszeit ist überall in Europa verbreitet. Aktivisten prangern neben dem Aufstieg des Neoliberalismus und des Raubtierkapitalismus die langsame Erosion von Sozialleistungen und Arbeiterrechten an, sie beklagen den Verlust eines Landes, das angeblich auf einer exzellenten Gesundheitsversorgung für alle basiert. Das ist Nostalgie, wenn auch eine weniger bekannte – eine, die sich nach einer wahrgenommenen Stabilität und Gleichheit im Großbritannien der Nachkriegszeit sehnt und für das verloren geglaubte goldene Zeitalter des Wohlfahrtstaates eintritt.
Nostalgie ist – wie gesagt – nicht per se rechts oder links. Sie ist überall, wird von allen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder politischer Einstellung, gefühlt. Psychologen beschreiben sie als ein universelles Gefühl, das in den Alltag eingebettet ist – etwas, das sich in allen Menschen entwickelt hat, um gemeinsame Bedürfnisse zu bedienen. In modernen Gesellschaften ist sie beides, ein Hintergrundrauschen und eine geteilte Sprache, die prägt, wie Menschen sich erinnern, sich Dinge vorstellen, sich selbst verstehen. Sie ist sowohl kollektiv als auch persönlich und verbindet Individuen mit einer gemeinsamen Kultur oder Geschichte.
Wie Sehnsucht nach der Vergangenheit die Zukunft weisen kann
Es gibt außerdem wissenschaftliche Untersuchungen, die nahelegen, dass Nostalgie Kreativität nicht verringert, sondern fördert. Eine Studie von Wijnand van Tilburg, Constantine Sedikides und Tim Wildschut aus dem Jahr 2015 untersuchte das Verhältnis von Nostalgie, Inspiration und Kreativität. Die Wissenschaftler fragten ausgewählte Teilnehmer, sich an ein nostalgisches Ereignis oder eine nostalgische Erfahrung zu erinnern. Danach gaben die Teilnehmer an, „voller Inspiration“ zu sein und „mehr Zeit und Kraft in das Erreichen meiner Ziele stecken“ zu wollen.
Die Teilnehmer sollten außerdem innerhalb von dreißig Minuten eine Kurzgeschichte schreiben, in der entweder „eine Prinzessin, eine Katze und ein Rennwagen“ oder „ein rätselhaftes Geräusch an einem kalten Winterabend“ vorkommt. Die Geschichten wurden in Hinblick auf ihre Kreativität bewertet (wie genau, gaben die Wissenschaftler nicht an). Diejenigen, die sich an eine nostalgische Erfahrung zurückerinnern sollten, schrieben kreativere Geschichten als die Teilnehmer der Kontrollgruppe. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass Nostalgie nicht nur ein in der Vergangenheit verwurzeltes Gefühl ist, sondern eines, das Menschen den Weg zu einer hoffnungs- und phantasiereicheren Zukunft weisen kann.
Nostalgie ist therapeutisch
Nostalgie hilft aber nicht nur dabei, kreativ zu sein, sie ist auch therapeutisch. Im Gegensatz zu ihrer Vorgeschichte als Krankheit sind sich Psychologen heute einig, dass Nostalgie eine durchaus positive Emotion ist, die aus persönlich bedeutsamen, liebevollen oder wehmütigen Erinnerungen entsteht.
In Momenten, in denen man sich nostalgisch zurückerinnert, füllt sich das Bewusstsein mit Menschen, wie ein Psychologe es ausdrückte. Freunde, Liebespartner und Familienmitglieder fühlen sich zeitweise wieder gegenwärtig an, was Beziehungen, die Identität und Zugehörigkeit schaffen, stärkt. Menschen, die zu Nostalgie neigen, fühlen sich geliebter und beschützter, sie haben weniger Angst, formen starke Bindungen und haben bessere soziale Fähigkeiten.
Nostalgiewirtschaft in der Mode
Nostalgie ist nicht nur auf individueller Ebene wirkungsvoll, sie prägt ganze Industrien. Mindestens seit den Siebzigerjahren gibt es eine zyklische Bewegung in der Mode, die wieder und wieder in die Vergangenheit zurückkehrt, um dort nach Inspiration und Erneuerung zu suchen. Die sogenannten Secondhandsiebziger belebten die Formen der Dreißiger und Fünfziger neu und überarbeiteten sie für eine neue Zeit. In den frühen Nullern kam die Eleganz der Fünfziger wieder auf den Laufsteg. Im Jahr 2020 definierte das Onlinemagazin „Quartz“ „die Nostalgiewirtschaft“ als das, was die Mode am stärksten antreibt. Die Neunziger haben ein anhaltendes Revival erlebt, und heute werden sogar die Nullerjahre ästhetisch ausgebeutet. Es ist leicht, diesen ewigen Kreislauf als kreative Stagnation abzutun, aber Nostalgie hält Fortschritt nicht nur auf, sie kann auch dafür sorgen.
Eine Geschichte aus dem Frankfurter Allgemeine Quarterly, dem Zukunftsmagazin der F.A.Z.
Wenn Designer mit Nostalgie spielen, dann stellen sie keine Kostüme oder identische Kopien her – niemand ahmt den New Look von Dior Stich für Stich nach. Stattdessen nutzen sie Versatzstücke aus der Vergangenheit, um Gefühle hervorzurufen und die Kreativität anzuregen. Genau wie in der Politik steht Nostalgie in der Mode nicht für eine bestimmte Sache – vergangene Zeiten können für unterschiedliche Menschen eine unterschiedliche Bedeutung haben und mit unterschiedlichen Zielen eingesetzt werden.
Das Spiel mit bekannten Symbolen
Manche denken bei den Fünfzigerjahren an Stabilität und soziale Ordnung – an eine konservative Version familiärer Werte und Geschlechterrollen. Aber mit diesen Assoziationen kann man spielen, man kann sie überarbeiten oder karikieren. Nehmen wir beispielsweise die Schürzen aus der Frühjahrs- und Sommerkollektion 2026 von Miu Miu. Dieses Symbol der Fünfzigerjahre-Hausfrau unverändert aufleben zu lassen, könnte zur Tradwife-Ästhetik passen und aktuelle politische Bewegungen ansprechen. Doch Miuccia Prada nimmt dieses Symbol der Hausfrau und unterdrückten Frau denjenigen weg, die für eine Tradwife-Politik und Ästhetik werben, und reklamiert es stattdessen für sich, um Fragen nach weiblicher Arbeit nachzugehen, etwa der, ob diese außerhalb oder innerhalb des Zuhauses stattfindet.
Die Musikindustrie funktioniert ähnlich. Auch hier hat Nostalgie eine starke kreative und kommerzielle Wirkung. Als Adele ihr Album „30“ veröffentlichte, überredete sie Spotify, für ihr Album den Shuffle-Button zu deaktivieren, sodass die Stücke wie bei einer Schallplatte oder CD in der vorgegebenen Reihenfolge abgespielt wurden. „Das war die einzige Forderung, die ich in dieser sich ständig verändernden Industrie hatte“, schrieb sie auf Twitter und stellte klar: „Es gibt Gründe, warum wir so viel Sorgfalt in unsere Alben stecken und uns Gedanken über die Reihenfolge der Stücke machen.“ Um ihren Punkt zu unterstreichen, veröffentlichte sie „30“ auch auf Kassette – ein weitgehend überholtes, analoges Format, das in den Neunzigern beliebt war.
Die Erinnerung an andere Zeiten verbessert die Laune und beruhigt
Streamingdienste haben gelernt, diese Sehnsucht nach der Vergangenheit für sich zu nutzen. 2019 veröffentlichte Spotify auf seiner Unternehmenswebsite einen Text, in dem es darum ging, dass Nostalgie Musikkäufe anregen und für Aufmerksamkeit sorgen könne. Playlists mit Titeln wie „#ThrowbackThursday“ oder „Your Time Capsule“ versprachen Hörern eine Rückkehr in ihre Jugend: zwei Stunden „iconic throwback tracks“, die mit intimer algorithmischer Sorgfalt zusammengestellt worden waren.
Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. Millionen von Followern streamten diese Playlists mehrere Hundert Millionen mal. Spotifys eigene Marktforschung erklärte, woran das lag. Fast 70 Prozent der Befragten gaben an, dass Nostalgie ihre Laune verbesserte, drei Viertel sagten, dass sie Menschen durch gemeinsame Erinnerungen miteinander verband. Hörer beschrieben die Rückkehr zu Songs aus ihrer Vergangenheit als einen Rückzug vom Stress des heutigen Lebens – von ständiger Erreichbarkeit, pausenlosen Benachrichtigungen und einem still quälenden Posteingang. Es sei beruhigend, gaben sie an, sich an eine Zeit zu erinnern, in der sich diese Forderungen noch vermeidbar anfühlten.
Die Brücke zwischen individueller Erfahrung und gemeinschaftlichem Leben
Nostalgie kann also veränderbar, produktiv und kreativ sein. Psychologen tun sie nicht mehr als selbstbezogen oder konservativ ab. Stattdessen sehen sie in ihr inzwischen eine starke psychologische Ressource, die den Selbstwert stärken, den persönlichen Lebenssinn vergrößern und soziale Bindungen fördern kann. Sie steigert nachweislich das Wohlbefinden, mindert Einsamkeit und Stress und kann sogar zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden – um das Erinnerungsvermögen bei älteren Menschen zu stärken und die Symptome von Depressionen zu lindern.
Nostalgie sollte nicht als eine Behinderung von Fortschritt verstanden werden oder als ein vollständiger Rückzug von den Ansprüchen der Gegenwart. Sie funktioniert viel mehr als Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Erinnerung und Vorstellung, individueller Erfahrung und gemeinschaftlichem Leben. Sie lähmt keineswegs diejenigen, die sie fühlen, sondern ist oft eine emotionale und kognitive Ressource, durch die Veränderung möglich wird.
Indem Individuen und Gesellschaften sich dem zuwenden, was verloren gegangen ist, an das sich erinnert wird oder das in der eigenen Vorstellung existiert, ziehen sie sich nicht einfach zurück; sie orientieren sich neu, stellen ihr Sensorium für den eigenen Lebenssinn, für Kontinuität und Richtung neu ein. Nostalgie ist kein Feind des Fortschritts, sondern eine seiner Bedingungen – Menschen nutzen sie nicht nur, um die Vergangenheit zu verstehen, sondern auch, um sich andere, innovative Zukünfte vorzustellen und diese auch zu verfolgen.
Aus dem Englischen von Anna Vollmer
Agnes Arnold-Forster ist eine britische Schriftstellerin und Historikerin und lebt in London. Sie promovierte in Neuerer Geschichte am King’s College London und veröffentlichte unter anderem in der „Washington Post“, im „Guardian“, im „Times Literary Supplement“, bei „Refinery29“ und in der „Times“. Sie ist Autorin von „Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls“ (Reclam, 304 Seiten, 28 Euro).

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