Das neue LACMA in L.A.: Ein wuchtiger Neubau – mit wenig Platz für Kunst

vor 2 Tage 1

Größer als vorher, beinahe monumental, jedoch mit weniger Platz für Kunst: Es gibt nicht viele Museen, die sich so wuchtig zu schrumpfen wüssten wie das Los Angeles County Museum of Art (LACMA). Nach zwanzig Jahren Planungs- und Bauzeit sind die David Geffen Galleries, die den Wilshire Boulevard im Stadtteil Miracle Mile überspannen, nun eröffnet worden. 724 Millionen Dollar hat der Neubau gekostet, die Mittel stammen von Spendern, zuvörderst von Namensgeber Geffen, und der öffentlichen Hand.

Die Reduktion um 1500 Exponate im Vergleich zum Vorgängerbau haben Museumsdirektor Michael Govan und sein Schweizer Architekt Peter Zumthor ersonnen. Nichts anderes als eine Neudefinition des modernen Museums wage man hier, verkündete Govan bei der Eröffnungsfeier der Geffen Galleries. Über den breit gelagerten Bau wird in Los Angeles und darüber hinaus seit zwei Jahrzehnten gestritten. Die einen lästern über die Form des Gebäudes, das sie wahlweise an eine Amöbe, einen Nierentisch oder ein Flughafenterminal erinnert. Andere schwärmen vom kurvig-flachen Entwurf Zumthors, der wegen seines Eigensinns und seiner Kompromisslosigkeit von vielen Architekten wie ein Guru verehrt wird.

Ergriffen von den idealistischen Zwecken

Für dessen Entwurf musste erst einmal Platz geschaffen werden. Er breitet sich aus, wo sich zuvor die in die Jahre gekommenen Gebäude von William Pereira um Springbrunnen herum gruppierten. Flankiert wird der Neubau vom Broad Contemporary Art Museum, dem Resnick Pavillon – beide entworfen von Renzo Piano – und vom Japanischen Pavillon von Bruce Goff. Auch Chris Burdens berühmte Installation „Urban Light“ aus alten Laternenpfählen blieb erhalten, wirkt nun allerdings ziemlich verloren angesichts des aufgeständerten Kolosses hinter ihr.

Von solchen Verlusten ist am Tag der Eröffnung keine Rede. Bevor Govan zum Höhepunkt der Feierlichkeiten mit einer überdimensionierten roten Schere ein violettes Band mit dem aufgedruckten Namen des Museums zerschneidet, fallen viele hehre Worte. Es ist von den Werten die Rede, die das neue Gebäude verkörpern solle – Diversität zum Beispiel, und den Abbau von Schwellen.

Geradezu ergriffen von den idealistischen Zwecken, die sie dem Bau zuschreiben, zeigen sich auch die anwesenden Lokalpolitiker, immer den Wähler und Steuerzahler im Blick, vor dem sie die Investition der öffentlichen Hand rechtfertigen müssen. Vor dem „Land Acknowledgement“ und einer Segenszeremonie durch zwei indigene Künstlerinnen sagt Holly Mitchell vom L.A. County Board of Supervisors, die Ausstellung stehe für die Diversität der Stadt. Nicht, dass viele Werke in der Stadt entstanden wären oder sich thematisch auf L.A. bezögen – Mitchell zielt vielmehr auf das kulturelle Erbe lateinamerikanischer, asiatischer oder indigener Kulturen. Spaltungen in der Stadt wolle man überwinden, versichert sie.

Mitchell wäre keine Politikerin, wenn sie den metaphorischen Gehalt des architektonischen Brückenschlags des Gebäudes über dem Wilshire Boulevard nicht betonen würde. Dass keine der Nachbarschaften um Miracle Mile und Fairfax arm sind, sondern erst ein paar Ecken weiter südlich Viertel mit Armut und vielen sozialen Problemen zu finden sind, hält auch andere Redner nicht davon ab, von einer Brücke zwischen verschiedenen Welten in Los Angeles zu sprechen. Und vielleicht wird dieses schön-abstrakte Bild bald tatsächlich mit Leben gefüllt, immerhin könnte trotz immer wieder verschobener Pläne eines Tages eine LACMA-Dependance in der ärmeren Nachbarschaft South Central eröffnen.

Ausstellungsräume mit poststrukturalistischem Ansatz

Die Beauftragung des extrem wählerischen Zumthor, der mit deutlich kleiner dimensionierten Meisterwerken wie der Felsentherme in Vals in Graubünden und dem Kolumba Museum in Köln bekannt geworden ist und zuvor noch nie in den USA gebaut hatte, sorgte in Los Angeles von vornherein für reichlich Skepsis; dass es keinen Wettbewerb gegeben hatte, machte die Sache nicht besser.

In der kalifornischen Morgensonne weist der Zweiundachtzigjährige selbst auf den Mangel an Perfektion an seinem Betonkoloss hin, der hier fleckig und dort geflickt sei: Man werde an allen Ecken und Enden sehen, „dass Menschen das hier gebaut haben“ – tausend Hände, meint der Architekt, der an diesem Tag dunkelblaue Baseballkappe und helles T-Shirt unter offenem Hemd trägt. Eher zehntausend, wird ihn Govan später stolz korrigieren. Man habe mit dem Museumsbau auch die lokale Wirtschaft angekurbelt; Handwerksbetriebe, kreative Gewerke und die Betonlieferanten hätten von dem Bau profitiert.

 das neue LACMAWuchtig am Wilshire Boulevard: das neue LACMAReuters

Gerade am vorherrschenden Material Beton schieden sich in den vergangenen Jahren die Geister. Brauchte die Stadt wirklich noch mehr versiegelte Flächen und wuchtige graue Blöcke, fragten etliche Zweifler und verwiesen auf die nach ihren Berechnungen schlechte Ökobilanz des LACMA. Andere dagegen zeigen sich durchaus begeistert, Michael Kimmelman etwa, Architekturkritiker der „New York Times“, nennt Zumthors Werk nicht nur einen „Triumph der Betonbaukunst“, sondern bekannte, geradezu ergriffen zu sein.

Zumthor, darin ganz Schweizer, klingt weniger pathetisch. Alle Fehler und Unebenheiten, die man an dem Bau entdecken werde, seien beabsichtigt, versichert er in seiner Rede; der Bau sei eben von Menschen gemacht. Ob ihn feindselige Schlagzeilen wie „Selbstmord durch Architektur“ („L.A. Review of Books“) oder „Benommen und verwirrt im neuen LACMA“ („Wall Street Journal“) irritiert haben, muss Spekulation bleiben; nach der Vorgeschichte wird er mit harter Kritik gerechnet haben. In einem Interview hatte er gesagt, er habe „ein Gebäude, das nie auf Sie herabschaut“ errichten wollen.

Im Inneren zeigt sich schnell, dass der Direktor und sein Architekt in der Konzeption der Ausstellungsräume einem poststrukturalistischen Ansatz folgen, wie er zum Beispiel auch die Erweiterung des MoMA in New York prägt: weg von starren Schauen in klassischer didaktischer Absicht hin zu solchen, die Querverbindungen zwischen Kulturen und Epochen sichtbar machen und auf den Anspruch verzichten, zur Bildung ihrer Besucher beizutragen.

Eine Chance, zur Ruhe zu kommen?

Dem Anspruch, ein enzyklopädisches Museum zu sein, ist das LACMA mit dem Einzug in die Geffen Galleries treu geblieben, doch werden die Werke nicht mehr nach Abteilungen und Epochen geordnet präsentiert. Das Leben und die um die über Ozeane und Meere der Welt hinweg vielfältig miteinander verflochtene Kulturproduktion sollen die Ausstellung strukturieren, so erläutert es Govan. Und: Es gebe keine Hierarchie in der Ausstellung, umschreibt der Direktor sein Konzept.

Der Kritiker des „Wall Street Journal“ hat ein eingängiges Bild für das Gefühl der Desorientierung gefunden, das ihn angesichts des Mangels an Gliederung überkam: Er fühle sich wie ein Besucher eines Ortes, in dem der Bürgermeister alle Straßenschilder habe entfernen lassen. „Einen Wollfaden mitzunehmen, könnte ratsam sein“, schrieb Oliver Wainwright vom „Guardian“.

Wie sich bei einem Rundgang zeigt, ist die Idee von der Präsentation neuer Zusammenhänge so zurückhaltend verwirklicht, dass oft nicht erkennbar ist, welche Werke in welche Verbindungen miteinander gesetzt werden und warum. Die Besucher laufen von Objekt zu Objekt, ohne dass ihnen einen Reihenfolge empfohlen würde; auch die knappen Wandtexte helfen wenig bei der Orientierung.

Das ist Absicht, und lässt man sich darauf ein, ist es durchaus faszinierend, dass alle Exponate auf einer einzigen Etage präsentiert und somit buchstäblich auf eine Stufe gestellt werden. Der Besucher soll sich treiben lassen, mäandern wie ein Fluss – „Wander“ heißt der programmatische Begleitband zur Eröffnung schlicht, ins Deutsche übersetzt lautet die Aufforderung: Streife umher! Der Rundgang, der keiner sein will, kennt weder Anfang noch Ende. Man stößt auf schottische Möbel, deutsche Jugendstil-Plakate und Ölgemälde von Kardinälen. Auch Büsten von Papst Alexander VIII. und Lucius Junius Brutus werden präsentiert, sie stehen nebeneinander auf einem Tisch, bei passendem Lichteinfall werden sie zu Silhouetten vor einer Hügellandschaft mit Palmen.

Der Bezug zur städtischen Umgebung gehört zu diesem Ansatz dazu. Im Gebäude sind Besucher nie weit entfernt vom umlaufenden Fensterband. Von hier sieht man Los Angeles in sehr unterschiedlichen Perspektiven, oft durch einen metallversetzten Vorhang von Reiko Sudō. Auf diese Weise wird man immer wieder abgelenkt von den Exponaten, seien es griechische Vasen, abstrakte Zeichnungen oder Fotos aus dem Prä-Internet-Zeitalter.

Mancher Besucher hält sich beim Pfadfinden im LACMA gleich ganz an die Fensterfronten, in der Hoffnung, wirklich alles sehen zu können, ohne sich zu verlaufen. Damit verbunden ist allerdings die Gefahr, die kleinen Ausstellungsräume in der Mitte zu übersehen, die dann doch an klassische Museen erinnern – und eben für eine Ordnung, manche würden sagen, eine Hierarchie, sorgen. In diesen Räumen gibt es eine Chance, zur Ruhe zu kommen mit den Werken, aus dem Besucherstrom hinauszutreten. Da ist zum Beispiel ein kleiner Raum, der sich ganz den wunderbaren Wasser- und Ozeanstudien japanischer Künstler wie Yamaato Kakurei und Katsushika Hokusai widmet. Ein anderer Raum zeigt nur ein einzelnes antikes chinesisches Gewand, im Halbdunkel. Und eine weitere Box verhandelt die deutschen Reaktionen auf die Moderne.

Die Neuerfindung hat gerade erst begonnen

In manchen dieser kleinen Räume können Besucher auf Lederbänken sitzen. Und genau dort wird schnell klar, dass die oftmals halbdunklen Räume eben keine Räume sind, sondern nur abgetrennte Bereiche ohne durchgehende Wände. Dort ist es laut, aus allen Richtungen sind Stimmen und Rufe zu hören, es entsteht ein hallendes Getöse, das sich bei den Vorbesichtigungen wohl noch nicht bemerkbar machte.

Transparenz, die Feier von bisher verborgenen Beziehungen, das Ende der Abgeschlossenheit eines Museums von der Außenwelt – all das lässt sich mit dem neuen LACMA in Verbindung bringen. Die immer wieder neuen Ansichten auf die Stadt und ihre Hügel können alle Zweifel zum Schweigen bringen, ob es sich um einen gelungenen Bau handelt. Am Ende lautet die entscheidende Frage, was es bedeutet, wenn der Besucher selbst aufgefordert ist, die Dinge zu ordnen, weil ihm die Kuratoren ihre Weltsicht nicht aufdrängen wollen. Wenn vor allem mitgebrachtes Wissen hilft, dann handelt es sich womöglich eher um ein elitäres als ein antielitäres Projekt.

Ein „Wohnzimmer für die Angelenos“ solle das neue LACMA werden, gibt Govan den Besuchern am Ende mit auf den Weg. Der Eintritt in dieses Wohnzimmer kostet allerdings am Wochenende, wenn die meisten Menschen Zeit haben, 25 Dollar Eintritt. Vielleicht wäre etwas mehr Ehrlichkeit und weniger idealistische Rhetorik angebracht gewesen, vielleicht hätte Govan sich dazu bekennen sollen, dass es ihm darum ging, ein Museum mit maximaler Präsenz zu errichten, dass auch die Ökobilanz eines solchen Neubaus nach Abriss nachrangig war.

Govan deutete das kürzlich selbst an, als er einräumte, wuchtige Projekte versetzten die Großmäzene eher in Spendierlaune. Was auf die „Wohnzimmer“-Rhetorik folgt, wird man sehen – es wäre nicht das erste Mal, dass Begegnungs-, Bildungs- und Förderangebote, gerade für Kinder, vor allem jenen zugutekommen, die ohnehin schon Vieles haben und sich weitere Ressourcen mühelos erschließen.

Dann wäre der Zumthor-Bau dort ganz bei sich, wo auch der Architekt am ersten Publikumstag zu finden ist gemeinsam mit ein paar Schweizern, die sich den Mitmenschen stolz als seine Angehörigen vorstellen: In einer Schlange vor der Filiale der Hochpreis-Kette Erewhon in einer deutlich zu kleinen, überlaufenen Nische mit großzügigem Caféraum davor. Dieser erinnert an eine Kantine im Mid-Century-Modern-Stil, nur mit skandinavisch aussehenden Holzmöbeln. Erewhon steht wie kaum eine andere Marke für den Lifestyle von Los Angeles: teuer, vermeintlich gesund, ein bisschen prätentios, instagrammable. Am schönen langen Holztisch stehen niedrige lehnenlose Schemel, die gut aussehen und vielleicht auch Hierarchien abbauen sollen, für alte Menschen aber eher vergrößern dürften. Aber die Neuerfindung des LACMA hat ja gerade erst begonnen.

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