Als die Literaturkritikerin Christine Westermann zum Thema Spaß das Buch „Wir Freitagsmänner“ empfiehlt, ist ihre jüngere Kollegin Mona Ameziane nicht überzeugt. Es gefalle ihr nicht, dass ein Mann der Frau, die ihn entschieden abgewiesen habe, siebzehnmal auf die Mailbox quatscht. Westermann findet das hingegen sympathisch. Dafür kann sie nicht viel mit Amezianes Empfehlung anfangen. „Ich habe mich gefragt, ob Spaß eine Frage des Alters ist“, sagt sie. Dabei lachen die beiden im Laufe ihres Gesprächs so viel, dass sie diese Frage selbst beantworten.
„Zwei Seiten“ heißt der Podcast von Christine Westermann und Mona Ameziane. Beide sind Journalistinnen und Autorinnen, die mit einem Altersunterschied von etwa 45 Jahren aus unterschiedlichen Generationen stammen. Während Westermann mit 77 Jahren weiterhin Buchtipps im WDR veröffentlicht, wurde Ameziane insbesondere durch ihre Literatursendung „Stories“ im Jugendsender 1Live bekannt.
Ein Begriff, zwei Bücher, viele Perspektiven
In dem alle zwei Wochen erscheinenden Podcast suchen sich die beiden immer einen Begriff aus und empfehlen passend zu ihm jeweils ein Buch, das die andere rezensiert. Die beiden dürfen die Bücher zuvor nicht kennen und müssen sie bis zu Ende lesen. Zu Beginn der Folge diskutieren sie die Facetten ihres ausgewählten Begriffs. Was ist beispielsweise Hingabe? Was ist Kraft, was ist Mode, was sind Chancen? Manchmal, und wenn sich die beiden in persönlichen Anekdoten verlieren, vergeht mehr als eine halbe Stunde, bevor die eigentliche Literaturbesprechung beginnt. Gleichwohl eröffnen auch die persönlichen Gespräche zuweilen neue Perspektiven auf die Auswahl der Bücher. Die Sensibilität für die Vielfältigkeit der Sprache verrät die Autorinnen; die klugen Nachfragen die Journalistinnen.
In ihre Rezensionen lassen die beiden Frauen ihre Eindrücke von persönlichen Begegnungen mit den jeweiligen Autoren einfließen, sie sprechen über die Bedeutung von Übersetzungen oder streifen Debatten in der Literaturszene. Dabei ist der Podcast vor allem darauf ausgelegt, die Hörer zum Mitlesen anzuregen: Jedes vorgestellte Buch muss verfügbar sein.
Dass die Idee eines gemeinsamen Buchclubs mit Christine Westermann erfolgreich ist, überrascht kaum. Die Journalistin wurde durch die Moderation der „Aktuellen Stunde“ und die Fernsehsendung „Zimmer frei!“ weithin bekannt. Seit Beginn der Nullerjahre gibt sie Buchtipps in Fernsehen und Hörfunk, war zwischenzeitig Mitglied des „Literarischen Quartetts“ im ZDF. Die ZEIT bezeichnete sie als „Buchtippgeberin der Nation“. Obgleich viele Hörer also wegen Westermann einschalten dürften, erweist sich Ameziane als eine ebenbürtige Gesprächspartnerin.
Um eine Perspektive reicher
Die Literatur wird zum Vehikel für einen Austausch, der beide Frauen häufig Neues erfahren lässt und der sie verändert. Als Westermann „Die Wut, die bleibt“ von Mareike Fallwickl bespricht, ein Buch, das sie ohne Ameziane wahrscheinlich nicht gelesen hätte, spricht sie von der „Wut, die sich von Frauengeneration zu Frauengeneration weitervererbt“. Während ihre Generation jedoch über die Ungerechtigkeiten hinweggelächelt habe, würden Frauen in Amezianes Alter reagieren. „Sei überzeugt“, sagt Westermann zu der jüngeren Kollegin, „dass ich viel eher an deiner Seite bin, als ich es vor diesem Buch war.“
Trotzdem trauen sich die beiden zu streiten. Westermann empfindet „Schwindel“ von Hengameh Yaghoobifarah, ein Buch über queeres Begehren, als flach. Ameziane kann das nicht verstehen und vermutet, dass Westermann aufgrund ihres Alters keinen Zugang finden würde. In der Kommentarspalte von Spotify äußern Hörer ihren Unmut über diese Argumentation: Ameziane könne mit Kritik nicht umgehen und gebrauche Westermanns Alter als Vorwand.
Trotzdem versuchen die beiden Frauen, einander zu verstehen. Ihr Podcast zeigt, dass Meinungsverschiedenheiten weder dem Dialog noch einer Freundschaft im Wege stehen müssen. Beide Frauen betonen immer wieder, dass sie die Perspektive der anderen als bereichernd empfinden. Und beide geben sich redlich Mühe mit den jeweils für sie ausgesuchten Büchern, auch weil sie wissen, dass die Gesprächspartnerin das Buch gern mochte.
Das Ergebnis sind immer wieder Gesten der Verständigung, etwa wenn Ameziane auf die „Situationsgebundenheit“ des Wortes „Zigeuner“ hinweist, das jüngere Leser heutzutage irritieren könnte, aber trotzdem sagt, dass ihr „Bell und Harry“ von Jane Gardem gefallen habe. Derweil gibt Westermann zu, dass sie „Schwindel“ von Hengameh Yaghoobifarah auch als bereichernd empfand: „Ich kann jetzt eine Menge Worte mehr“, sagt sie und nennt Begriffe wie „Cis“ oder „Ghosting“, die sie nachgeschlagen habe. „Ich frage mich, ob ich sie benutze.“

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