Palästinensische Aktivistin: Die bitteren Tränen der Fatima K.

vor 1 Woche 3

Ein Schulmädchen löst sich aus der Schar der Demonstranten, stürmt mit fliegenden Schritten auf eine junge Frau zu und wirft sich ihr in die Arme. Beide verschmelzen in inniger Umarmung. Die Frau schluchzt, überwältigt von ihren Gefühlen. Die Kamera schwenkt auf die Demonstranten, die ihre Rückkehr in den Schuldienst fordern. Dazu läuft eine rührselige Musik, die wie ein Messer ins Herz sticht.

Die bosnischstämmige Lehrerin Fatima Kurtic wurde im Oktober 2025 vom luxemburgischen Bildungsministerium nach Beschwerden über antisemitische Propaganda aus dem Schuldienst entlassen. Kurtic ist eine bekannte Aktivistin, der auf Instagram mehr als 150.000 Menschen folgen. Trotzdem beschäftigte ihre Entlassung zunächst nur die Lokalpresse. Erst im Sommer kam es zu einer großen Solidaritätsaktion, deren Bilder um die Welt gingen.

Blutgetränkte Propaganda

Das Video mit der Umarmungsszene, das dabei entstand, wurde von Al Jazeera und anderen arabischen, persischen und türkischen Medien verbreitet, bekam unzählige Likes und wurde im Netz vieltausendmal kommentiert. Kurtic gilt seither als Symbolfigur für die Unterdrückung palästinensischer Stimmen in Europa. Im Gespräch mit der türkischen Presseagentur Anadolu kündigte sie an, sich nicht entmutigen zu lassen und weiter gegen das Unrecht in Gaza zu kämpfen. Ihr Kampf habe sich nie gegen Juden, sondern ausschließlich gegen den israelischen Staat gerichtet, dem sie öffentlich das Existenzrecht absprach.

Fatima Kurtic erklärt auf einem Video, wie sie zunächst israelische Datteln in Supermärkten zerstörte, ...Fatima Kurtic erklärt auf einem Video, wie sie zunächst israelische Datteln in Supermärkten zerstörte, ...Screenshot von Instagram

Fatima Kurtic ist eine tatkräftige Aktivistin. In diversen Medienberichten präsentiert sie sich als Humanistin, die als Überlebende des Genozids in Srebrenica ein besonders sensibles Sensorium für Menschenrechtsverletzungen habe. Auf Demonstrationen sieht man sie oft in erster Reihe, mit Blut an den Händen oder einer blutbefleckten Babypuppe im Arm, zuweilen auch mit einem Hamas-Dreieck. Den luxemburgischen Obst- und Gemüsegroßhändler Grosbusch brachte sie im vergangenen Jahr dazu, israelische Datteln aus dem Sortiment zu nehmen. Zuvor habe sie alle auffindbaren Datteln israelischer Herkunft in den Supermärkten vernichtet, erzählt sie auf einem Instagram-Video, voller Stolz auf ihre kriminelle Tat. Danach habe sie dem Großhändler Bilder aus Gaza vorgelegt, die ihm klarmachen sollten, warum sie so habe handeln müssen. Das Unternehmen knickte ein.

Vermutlich flossen die Tränen auf dem eingangs geschilderten Video nicht ganz spontan. Der Influencer Saleh Atia, der es ins Netz gestellt hat und vermutlich sein Autor ist, hat eine eigene Ästhetik entwickelt, um auf das Leid in Gaza aufmerksam zu machen. In der Fußgängerzone von Saarbrücken legt er Woche für Woche blutbefleckte Leichensäcke neben Bilder von getöteten Kindern auf eine überdimensionale Palästinafahne und filmt die Reaktionen der Passanten. Zu kleinen Psychodramen montiert, stellt er sie anschließend ins Netz. Man schaut auf bedrückte, tieftraurige Gesichter; Menschen kämpfen mit den Tränen oder wenden sich hilflos ab. Eine bombastische Musik treibt das Pathos an die Schmerzgrenze. Einer der Leichensäcke trägt die Aufschrift „Todesursache Israel“. Dass viele der getöteten Kinder von der Hamas als Schutzschild verwendet wurden, erfahren die Passanten nicht.

Heimliche Weltmacht Israel?

Saleh Atia hat Reichweite. Der Student der saarländischen Hochschule für Technik und Wirtschaft, als der er im Netz ausgewiesen wird, versorgt auf Tiktok und Instagram mehr als drei Millionen Follower mit martialischen Memes und Videos. Israelische Bürger mutieren dort zu Schweinen und Eseln oder zu einem Insektenschwarm, der Instagram infiziert hat und von einem Mann mit Palästinensertuch ausgekärchert wird. Zahlreiche Memes insinuieren eine israelische Weltherrschaft, feiern Gewalttaten und Terroristen mit Strömen von Blut. Traurig zeigt sich Atia über den Tod des Hamas-Anführers Haniyeh. In einem Video erklärt er, warum er sich selbst als Terrorist verkleidet. So sieht man ihn fahnenschwenkend durch einen Flughafen marschieren. Eine Bitte der F.A.Z. um Stellungnahme zu den Posts lässt er unbeantwortet.

... um anschließend den Großhändler Grosbusch zum Boykott israelischer Datteln zu bewegen.... um anschließend den Großhändler Grosbusch zum Boykott israelischer Datteln zu bewegen.Screenshot Instagram

Schwer vorstellbar, dass Fatima Kurtic von all dem nichts weiß. Videos und Fotos zeigen beide in enger Verbindung. Atia hat einen Hilfsfonds aufgelegt, der Kurtic bei der Klage gegen das luxemburgische Ministerium unterstützt. Dort wird es um ihre eigenen Posts gehen, in die das Ministerium keinen Einblick gewährt. Auf Nachfrage der F.A.Z. erinnert es an das Mäßigungsgebot und die Grenzen der Meinungsfreiheit bei extremistischer Ideologie. Hat Kurtic sie überschritten? Nach Dokumenten, die der F.A.Z. vorliegen, muss man das bejahen. Die Aktivistin, die behauptet, zwischen Judenhass und Israelkritik sorgfältig zu unterscheiden, zog auf ihrem Instagram-Account „aamitaaf7“ und dem von ihr mitbetriebenen Account „luxembourg4palestine“ alle Register des klassischen Antisemitismus, oft in Form von Instagram-Storys, die nach 24 Stunden verschwinden.

Die von Kurtic verbreiteten Botschaften zeichnen das Bild einer israelischen Weltdiktatur. Alle US-amerikanischen Kriege vom Irak bis Venezuela werden auf Einflüsterungen der heimlichen Weltmacht Israel zurückgeführt, die den amerikanischen Präsidenten als Schoßhund an der Leine führe. Hinter den Kulissen ziehe Jacob Rothschild die Strippen, dem angeblich alle Zentralbanken der Welt gehören. Seinen verderblichen Einfluss nutze er, um Staaten in Kriegen aufeinanderzuhetzen, die er zu beiden Seiten finanziert. Das Attentat vom 11. September 2001 schiebt Kurtic den Vereinigten Staaten in die Schuhe. An anderer Stelle wird der Selbstmord eines Palästinensers belegfrei mit der „jüdischen Nachbarschaft“ in Verbindung gebracht. Damit fällt Kurtics Behauptung in sich zusammen, sie unterscheide scharf zwischen „Zionisten“ und Juden.

Mit Vorliebe instrumentalisiert Kurtic Kinder für ihre Propagandazwecke, bis hin zur Behauptung, Israel begrabe palästinensische Kinder bei lebendigem Leib. Auf Demonstrationen animierte sie zwei ihrer Schülerinnen zu antiisraelischer Propaganda. Die kleinen Mädchen dürften kaum verstanden haben, was sie ins Mikrofon sprachen. Wie sie es mit dem Neutralitätsgebot hält, machen auch Bilder deutlich, die sie in Kleidung mit politischen Botschaften im Schulkontext zeigen.

Man kann von Fatima Kurtic viel über die Manipulationstechniken im Gazakrieg lernen. Ein Video, in dem eine Geisel einem Hamas-Kämpfer die Stirn küsst, reicht sie als Beleg für die angeblich großzügige Behandlung der Geiseln durch die Terrorgruppe weiter. Der gewaltsame Kontext bleibt ausgeblendet. Mohammed Deif, einen der Drahtzieher des Massakers vom 7. Oktober, feiert sie gar als Giganten. Eine Fatwa, die alle Muslime zum bewaffneten Dschihad aufruft, begrüßt sie euphorisch mit den Worten: „In every country intifada, revolution.“ Auch in Europa. An einer Stellungnahme zu den Vorwürfen ist Kurtic auf Nachfrage der F.A.Z. nicht interessiert.

Der Gerichtstermin ist laut Ministerium für den 6. Dezember angesetzt. Dort ist zu klären, ob Schüler von einer Lehrerin unterrichtet werden sollten, die Terroristen bejubelt und hinter allem Übel in der Welt die Rothschilds vermutet. In der Fußgängerzone von Saarbrücken werden bis dahin noch viele weitere Tränen fließen. In den Videos und Berichten, die um den Globus zirkulieren, ist Fatima Kurtic weiter die furchtlose Lehrerin mit dem großen, blutenden Herzen, deren einziger Fehler war, die Wahrheit gesagt zu haben.

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