Auf Seite achtundachtzig von Adrian H. Koerfers Buch „Das glaubt mir doch kein Mensch“ steht ein Satz, der die perfide Logik sexualisierter Gewalt gegen Kinder erschreckend präzise beschreibt: „Alle Pädokriminellen sind auf ihre Art schlau.“
Schlau ist auch der Musiklehrer Wolfgang H., der an der reformpädagogischen Odenwaldschule unterrichtet. Wir schreiben das Jahr 1968, Koerfer ist gerade erst seit drei Monaten im Internat, als Wolfgang H. ihn in seine „Familie“ lockt. Koerfer schreibt: „Ich war hübsch, naiv, unsicher und entsprach damit dem Beuteschema eines jeden Päderasten.“
Als Köder dient das gemeinsame abendliche Musikhören und Diskutieren der vermeintlich Auserwählten mit dem Lehrer. Man hört Mozart, Schubert, Beethoven, Dvořák, Bach und Schumann. Es wird geraucht und getrunken. Wolfgang H. umschmeichelt Koerfer und lädt ihn bald zu sich ins Bett ein. Er nennt es Mittagsschlaf. Im abgedunkelten Reich des Lehrers riecht es nach Ernte 23. Adrian H. Koerfer ist dreizehn Jahre alt und sexuell unerfahren. „Der Lehrer führte meine linke Hand an seinen Penis. Der Lehrer führte seine rechte Hand an meinen Penis. Der Lehrer streichelte meinen Penis. Er tat etwas, was ich selbst noch nie getan hatte.“ Koerfer erlebt seinen ersten „kleinen Tod“.
Die Scham der Opfer
Es sollte Jahrzehnte dauern, bis Koerfer sein Schweigen bricht. Auf die Verstörung, den Ekel und vor allem die Scham der Opfer konnten sich die Täter jahrzehntelang verlassen und unbehelligt ein System des Missbrauchs an der einst für ihren Geist der Freiheit gefeierten Odenwaldschule errichten. Das als geschützter Raum gerühmte Elite-Internat war für Opfer wie Koerfer in Wahrheit die Hölle. An dessen Spitze stand der charismatische, mächtige und bis in die höchsten bundesrepublikanischen Kreise vernetzte Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete. Auch er holte Koerfer gezielt in seine Nähe und verging sich an ihm wie an zahllosen anderen Schutzbefohlenen: Koerfer schreibt von mindestens 150 Opfern. Becker, ein „hagerer Knochenmann“, sei der größte Pädokriminelle bundesweit gewesen.
Adrian H. Koerfer: „Das glaubt mir doch kein Mensch“.Edition WSelbst wer viel über die sexuellen Verbrechen an der Odenwaldschule sowie die kriminelle Energie der Täter gelesen hat, wer weiß, wie Mauern des Schweigens errichtet und stabilisiert werden, wird Koerfers schmales Buch immer wieder zur Seite legen müssen. Zeile um Zeile schildert Koerfer meist nüchtern die Alltäglichkeit des Missbrauchs und die schiere Unmöglichkeit, aus diesem „Nest von Päderasten“ zu entkommen.
Dass Koerfer für Männer wie Wolfgang H., auch „der Frosch“ genannt, sowie Gerold Becker und andere ein geradezu ideales Opfer ist, liegt an seiner Vergangenheit, um die es im ersten Teil des Buchs geht. Koerfer, ein Drilling, wächst in der Schweiz in einem sehr reichen Elternhaus auf. Der Vater, ein frauenliebender Industrieller, ist ein kalter, herzloser „Mann im Dreiteiler“, der entweder abwesend ist oder die drei Jungs missachtet. Jähzornig ist er auch. Und die Mutter? Sie verhält sich ihren Kindern gegenüber kaum einen Deut besser und verirrt sich nur selten in die Kinderzimmer. Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit – all das fehlt in diesem prächtigen Haus voller Angestellter. Koerfer nennt es „Wohlstandsverwahrlosung“. Er kommt als ein „Gezeichneter“ und „Verletzter“ an das renommierte Internat. Seine beiden Brüder, von den Eltern ebenfalls an die Odenwaldschule abgeschoben, werden auf dem Gelände weit von ihm entfernt untergebracht.
Koerfers Geschichte zeigt einmal mehr, dass Liebesentzug eine der größten Strafen und Bürden für Kinder ist. Ein Leben lang stehen die emotional Vernachlässigten auf abschüssigem Gelände. Ihnen fehlt das Urvertrauen in die Welt. Ihre Verletzlichkeit ist das Einfallstor für Missbrauchstäter. Sie hoffen auf Nähe und können so ins Netz von Pädokriminellen geraten. Nicht von ungefähr, so Koerfer, spreche die Wissenschaft beim Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs im Zusammenhang mit den Betroffenen von Überlebenden.
Als Überlebender hat Koerfer für Aufklärung und die Aufarbeitung der Verbrechen an der Odenwaldschule gekämpft. Dass heute auf dem ehemaligen Gelände der Odenwaldschule ein Mahnmal an die Missbrauchsopfer erinnert, ist ihm zu verdanken. Koerfer selbst, Kunsthistoriker und Künstler, hat das Mahnmal entworfen. Adrian H. Koerfers Buch „Das glaubt mir doch kein Mensch“ ist mehr als ein Erinnerungsbuch. Es ist ein Dokument gegen das Vergessen.
Adrian H. Koerfer: „Das glaubt mir doch kein Mensch“. Edition W, Frankfurt 2026. 150 S., geb., 20,– €.

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