Deutsche Nationalbibliothek: Wozu noch Bücher?

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Wer in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) die Zeitschrift „Schwarzer Elch“ sucht, wird enttäuscht werden. Das Periodikum, erschienen 1980 und womöglich auch noch etwas später in Gelnhausen, ist zwar in der Zeitschriftendatenbank unter der Nummer 3221625-7 erfasst, aber mit dem Vermerk, es sei im Bestand „noch nicht vorhanden“.

Ob sich das ändert? Die Deutsche Nationalbibliothek hat seit ihrer Gründung den Auftrag, alle Publikationen zu sammeln und zu bewahren, die seit 1913 in Deutschland erschienen sind. Das können Bücher und Zeitschriften sein, aber auch CDs und neuerdings digitale Veröffentlichungsformen. Für die Sammlungen an den Standorten Leipzig und Frankfurt, die je ein Exemplar erhalten, ist es egal, ob es dabei um ledergebundene Klassikerausgaben geht, um Heftchenromane oder um Schülerzeitungen wie den „Schwarzen Elch“. Jeden Tag wächst der Bestand um 13.100 Medien, davon 3.300 analoge, der Rest digitale.

Die Sonntagsrede ist vergessen

Weil damit jedes Speichersystem absehbar an seine Grenzen kommt, hat die DNB 2018 mit der Planung eines Erweiterungsbaus für Leipzig begonnen, zusammen mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), damals Monika Grütters – aus deren Haushalt wird unter anderem die DNB finanziert, im Rahmen der Abteilung Infrastruktur und Bau. Es wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt, den das Dresdner Büro Code Unique 2025 gewann. Im Oktober vergangenen Jahres teilte Grütters’ Nachnachfolger Wolfram Weimer auf dem bundesweiten Tag der Bibliotheken mit, er unterstütze den Wunsch dieser Institutionen, auch sonntags Publikum empfangen zu dürfen, schließlich seien sie Bollwerke für Demokratie und gegen Fake News.

Ein halbes Jahr später ist die Sonntagsrede des einstigen Herausgebers des „Schwarzen Elchs“ vergessen. Am 11. März, teilt die DNB mit, habe Weimers Haus sie darüber informiert, dass aus dem Neubau nichts werde und man sich die Baukosten sparen werde – deren Höhe gibt Weimers Sprecherin mit 100 Millionen Euro an. Das sei auch inhaltlich begründet. Es sei nicht einzusehen, dass man so viel Geld in ein Lager für physische Medien investiere – und das in Zeiten der Digitalisierung! Im Übrigen wäre es im Sinne eines „Bürokratieabbaus“, wenn künftig nur noch ein Exemplar jeder Publikation gesammelt würde, und das, wo möglich, „ausschließlich in digitaler Form“.

Sind sie wirklich so naiv?

Wenn kein Raum zur Verfügung steht, kann auch nicht weiter gesammelt werden, während man für den Server sicher noch irgendwo Platz findet. Einzig die Regale am Frankfurter Standort der DNB würden sich weiter füllen, der Zufluss des kulturellen Erbes würde schlagartig halbiert, wenn nicht physisch ausgetrocknet.

Nun möchte man niemanden beim BKM für so naiv halten, dass er eine rein digitale Archivierung als gleichwertig mit einer physischen ansieht. Er müsste dafür beispielsweise den Aufschrei der Filmhistoriker überhört haben, der die massenhafte Vernichtung von Filmkopien in den Archiven zugunsten von digitalen Fassungen beklagt. Er müsste die Augen verschließen vor allen Informationen, die nur das Material Papier transportiert, vor allen Problemen, die digitalen Speichermedien anhaften, wenn es um die künftige Nutzung von Informationen geht – von der Frage, welches Medium sich leichter fälschen ließe, ganz abgesehen.

Wenn der Vorstoß des BKM aber nicht naiv ist, was ist er dann? „Im Februar“ sei die Entscheidung gegen den Erweiterungsbau in Leipzig gefallen, teilt Weimers Sprecherin mit. Zur selben Zeit entschied sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die ebenfalls von der Vernichtung bedrohten Zettelkataloge der Staats­bi­blio­thek zu Berlin weiter zu bewahren, weil eine digitale Version das Original nicht ersetzen könne.

Die DNB ist Archiv und Bibliothek zugleich. Dass sie als Bibliothek digitale Versionen ihrer Bücher hat und den Besuchern zur Verfügung stellt, ist sinnvoll gerade mit Blick auf ihre Rolle als Archiv, weil so das physische Exemplar geschont wird. Wer daraus ableitet, man könne ganz auf dieses verzichten, stellt das Archiv insgesamt infrage.

Aber vielleicht geht es gar nicht um Konzepte. Was letztlich aus dem Erweiterungsbau wird, sagt Weimers Sprecherin, hängt „von den Ergebnissen der Haushaltsberatungen ab“. Die DNB als Verhandlungsmasse. Man hätte nicht gedacht, dass es so schlicht und so schäbig zugehen würde.

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