Notfallradios im Test: Sechs Kurbelradios von Albrecht, Sangean, Philips, Renkforce und Pearl im Test

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 Trotz Stromausfall informiert bleiben
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Kurbelradio: Trotz Stromausfall informiert bleiben

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Markus Linden / DER SPIEGEL

Spätestens seit dem Stromausfall in Berlin Anfang des Jahres sind Kurbelradios begehrt. Wenn Strom, Internet und Mobilfunk längst ausgefallen sind, könnten die letzte Möglichkeit sein, sich über den Stand der Dinge zu informieren. Möglich ist das, weil man die Energie für ihren Betrieb mit Muskelkraft produziert. Statt im Notfall nach passenden Batterien zu suchen, bedarf es nur einiger Drehungen an der meist seitlich montierten Kurbel, um den nötigen Strom zum Radiohören zu erzeugen. Ganz egal, wie lange das Gerät womöglich in einer Schublade lag.

Aber wie lange müssen Sie eigentlich kurbeln, um die Nachrichten hören zu können? Das haben wir in diesem Test ausprobiert und waren positiv überrascht: Alle Testkandidaten erfüllen ihre Versprechen als Notfallradio, auch wenn das Kurbeln bei einigen Geräten mühsamer ist als bei anderen.

Bei den übrigen Funktionen zeigen sich große Unterschiede. Manche können nur UKW empfangen, andere auch das digitale DAB+. Zwei Modelle nutzen Solarpanel als zusätzliche Energiequelle, alle bieten sich außer als Radio auch als Powerbank zum Aufladen von Smartphones und anderen Geräten an. Viele haben integrierte LED-Leuchten als Notbeleuchtung. Zudem stellt sich die Frage: Taugen Kurbelradios nur für den Notfall oder kann man sie im Alltag auch als Küchen-, Bad- oder Werkstattradio nutzen?

Wenn Sie wissen wollen, was DAB+ und RDS bedeuten, wie ein Kurbelradio technisch funktioniert und warum Rundfunk ausfallsicherer ist als Mobilfunk, erfahren Sie mehr zu diesen Fragen in den FAQs am Ende dieses Artikels.

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Markus Linden / DER SPIEGEL

Das Albrecht DR 112 DAB+ liegt von der Größe her zwischen den Geräten von Sangean und Philips (siehe unten). Anders als diese liefert es mit zwei Fünf-Watt-Lautsprechern aber Stereoklang. Bei einer Stereobasis von rund zehn Zentimetern ist der räumliche Effekt allerdings gering. Dennoch: Der Klang gehört zu den besten im Testfeld. Weniger Bass als bei Sangean, aber dafür klarer im Mittenbereich. Sprecher lassen sich daher gut verstehen. Einen Anschluss für externe Lautsprecher gibt es nicht, aber Kopfhörer können über die USB-C-Buchse angeschlossen werden.

Das Radio empfängt DAB+ und UKW. Für beide Empfangsarten gibt es automatische Sendersuchen und jeweils 60 Speicherplätze für Favoriten. Beim Herumtragen des Geräts ergaben sich bei DAB+ gelegentlich Störungen. Da sind das Sangean-Radio sowie das DR 114 weniger empfindlich. Der UKW-Empfang funktioniert einwandfrei.

Das Gerät hat ein paar Besonderheiten, die im Notfall nützlich sein können. Neben der starken LED mit Taschenlampencharakteristik und SOS-Signal gibt es eine kleine Leseleuchte, deren Lichtfarbe und Intensität verstellbar sind.

Das integrierte Solarpanel lässt sich nach vorn klappen, um die Solarzellen zur Sonne auszurichten. In der Mittagszeit kann man das Radio auf diese Weise ein bis zwei Stunden lang ausschließlich mit Sonnenstrom betreiben. Das eingebaute Thermometer hingegen ist nutzlos und zeigte im Test meist eine zu hohe Temperatur an.

Der Akku hat eine Kapazität von 14,8 Wattstunden. In seiner Funktion als Powerbank hat er es geschafft, unser Test-Smartphone, ein Google Pixel 7 Pro, von 0 auf 52 Prozent aufzuladen, bevor seine Energie versiegte. Fünf Minuten Kurbeln brachten uns 28 Minuten Radiobetrieb mit DAB+. Mit UKW läuft das Gerät rund zehn Minuten länger. Hier sind Radios mit nur einem Lautsprecher und daher geringerem Stromverbrauch im Vorteil.

Fazit: Ebenso wie die bequem bedienbare Kurbel sind die gute Solarfunktion, der starke Akku und das Leselicht im Notfall nützlich. Der Klang ist gut, sodass das DR 112 DAB+ auch beim Camping oder im Badezimmer einen Platz finden kann.

Foto: Markus Linden / DER SPIEGEL

Das Kurbelradio von Sangean kann viel, aber nicht alles, was es verspricht. In einer Funktion als Powerbank betankt sein vergleichsweise kleiner 9,5-Wattstunden-Akku unser Smartphone mit lahmen 2,5 Watt bis auf einen Ladestand von 30 Prozent. Danach ist Schluss mit dem Akku und Kurbeln angesagt.

Das aber funktioniert gut, so wie fast alles an diesem robusten Radio. Nach fünf Minuten Kurbeln kann man gut 20 Minuten DAB+-Radio hören. Ein Sendersuchlauf erfasst alle oder wahlweise nur die stärksten empfangbaren Sender. Insgesamt stehen 50 Speicherplätze für Sender zur Verfügung, auch für UKW. Ein Vorteil der analogen UKW-Technik: Das Radio läuft nach dem Kurbeln fast doppelt so lang durch.

Per Bluetooth lässt sich das Sangean zwar unkompliziert mit einem Smartphone koppeln, nicht aber mit Kopfhörern. Für die gibt es eine Klinkenbuchse, die ein Stereosignal liefert, während der eine Lautsprecher des Geräts nur Mono-Sound ermöglicht. Die Klangqualität ist im Vergleich gut, aber etwas bassbetont und arm an Mitten. Hi-Fi ist das nicht, aber zur Berieselung, auch mit Musik, reicht es.

Drei LEDs liefern im Notfall Licht. Dabei kann man zwischen einem engen Taschenlampenlicht, einem etwas breiteren Raumlicht sowie Rotlicht umschalten. Bei Dunkelheit hilft das, einen Raum auszuleuchten, ohne dass die Augen sich vom Licht geblendet werden und sich nach dem Abschalten erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen müssen. Zudem lockt Rotlicht kaum Insekten an, was beim nächtlichen Toilettengang auf dem Campingplatz nützlich sein kann. Zudem kann sich die Beleuchtung bei einem Stromausfall selbst einschalten.

Fazit: Gute Verarbeitung, eine komfortable Bedienung und viele Funktionen zeichnen das Sangean MME-99DAB aus. Auch ohne Notfall ist es in Küche, Werkstatt oder beim Camping einsetzbar.

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Beim Philips TAR1609 gibt es gleich vier Optionen für die Stromversorgung: Neben dem Akku mit eher magerer Kapazität von 7,4 Wattstunden, dem kleinen Solarpanel auf der Oberseite und der Kurbel kommt ein Batteriefach hinzu, das drei AAA-Zellen aufnimmt. Ob der interne Akku oder die drei Batterien die Energie liefern, bestimmt man per Schiebeschalter.

Mit fünf Minuten Kurbeln bringe ich 33 Minuten UKW-Radio in den Akku. Das gute Ergebnis liegt nicht an der kleinen, klapprigen Kurbel, die mir immer wieder aus der Hand rutscht. Sondern am sparsamen UKW-Empfänger, der bei vollem Akku bis zu 30 Stunden lang durchläuft, wenn man das Radio nicht zu laut aufdreht.

Das will man aber auch nicht, denn der Klang ist nahezu bassfrei. Immerhin: für Sprecher – und dafür ist das Radio gedacht – ist die Tonqualität befriedigend und besser als etwa bei den Geräten von Pearl und Renkforce (siehen unten). Zum Musikhören reicht es aber nicht. Zum Aufladen eines Smartphones taugt dieses Modell nicht, bringt den Akku des Pixel 7 Pro nur auf einen Ladestand von 17 Prozent.

Anschlüsse für Kopfhörer gibt es ebenso wenig wie Bluetooth. Auch auf Stationstasten muss man hier verzichten, Sendernamen können mangels Display nicht angezeigt werden. Stattdessen müssen Radiostationen per Drehrad auf einer analogen Skala angewählt werden, ganz wie früher. DAB+ fehlt komplett.

Das integrierte Taschenlampenlicht ist stark fokussiert, kann zwar keinen großen Bereich ausleuchten, aber ein SOS-Signal senden und dabei einen durchdringenden Alarmton ertönen lassen.

Fazit: Das kleine Philips-Radio ist günstig und läuft lange. Dass es sich mit Batterien betreiben lässt, ist ein Pluspunkt. Für das tägliche Radiohören ist es zu unflexibel und bei der Tonqualität zu schwach.

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Pearl liefert das schlichteste Gerät im Test. Was nicht heißt, dass es nichts kann. Es lässt sich sogar bequemer per Kurbel aufladen als die Konkurrenz. Die Kurbel selbst ist zwar klapprig, aber so lang wie das gesamte Radio, das sich seinerseits gut mit der Hand umschließen lässt. Fünf Minuten Kurbelei genügen für 20 Minuten Radiohören. Allerdings nur per UKW, das digitale DAB+ unterstützt das Gerät nicht.

Einen Sender zu finden, ist Glückssache, da die winzige Skala kaum ablesbar ist. Senderspeicher gibt es ebenso wenig wie Anschlüsse für Kopfhörer. Zwar kann man das kleine SOL-1540 theoretisch als Powerbank nutzen, aber bei seinem kleinen Akku (4,4 Wattstunden) ergibt das wenig Sinn. Er reicht beim Pixel 7 Pro gerade mal für eine Ladung bis auf 13 Prozent.

Die kleine eingebaute Leuchte ist schwach und bietet zwar einen SOS-Modus, der jedoch keinen SOS-Code sendet, sondern nur blinkt und einen Alarmton startet.

Fazit: Das Pearl-Radio ist günstig und als Notfallradio geeignet. Für mehr ist es mit seinem kleinen Akku, dem dünnen Ton und dem einfachen UKW-Empfänger nicht zu gebrauchen.

Albrecht DR 114 DAB+:

Foto: Markus Linden / DER SPIEGEL

Ist das ein Radio mit Leuchte oder umgekehrt? Hersteller Alan Electronics vermarktet dieses Gerät als Campingradio mit integrierter Laterne. Es verfügt aber über alle Features, die ein Notfallradio benötigt, und dazu noch über eine Leuchte, mit der sich kleine Räume ausleuchten lassen. Bei einem Stromausfall am Abend ist das sehr willkommen.

Die Laterne schaltet sich ein, wenn der obere Teil des Geräts herausgezogen wird. Sie leuchtet sehr gleichmäßig und die Farbtemperatur lässt sich von kalt zu warmweiß wechseln. Auch rotes Licht ist im Programm. Ähnlich wie dem Sangean-Gerät schont es die Augen und lockt weniger Insekten an. Zusätzlich befindet sich unten eine LED-Leuchte, die eher einer Taschenlampe ähnelt.

Diese Leuchte sowie die Radioelektronik entsprechen den im DR 112 (siehe oben) eingebauten Komponenten. Insofern gilt auch hier, was oben zum DR 112 geschrieben wurde. Allerdings ist der DAB+-Empfang etwas stabiler, was an der längeren und damit flexibleren Antenne liegen könnte.

 Im Boden beindet sich eine Art Taschenlampe

Albrecht DR 114 DAB+: Im Boden beindet sich eine Art Taschenlampe

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Auch das DR 114 arbeitet mit Stereoton. Die beiden Lautsprecher haben mit je sieben Watt etwas mehr Wumms als die im anderen Albrecht-Modell, strahlen aber nicht nach vorn, sondern zu den Seiten ab. Das ist nicht gerade ideal, aber trotzdem ist der Klang ausgewogen und Stimmen gut verständlich. Wer nicht audiophil ist, kann mit der Laterne auch Musik hören. Eine Bluetooth-Verbindung zu einem Smartphone funktionierte problemlos. Mit Ausnahme der Buchsen für USB-C und USB-A gibt es keine weiteren Anschlüsse.

Die Kurbel ist etwas kürzer als beim Schwestermodell. Nach fünf Minuten Kurbeln spielt das DR 114 rund 25 Minuten lang Radio per DAB+ ab, im UKW-Betrieb hält es fast doppelt so lange durch. Ist der mit einer Kapazität von 18,5 Wattstunden relativ große Akku voll aufgeladen, kann er das Pixel 7 Pro auf 63 Prozent aufladen.

Fazit: Bei Stromausfall kann diese Laterne eine Menge Kerzen ersetzen. Das integrierte Radio überzeugt mit gutem Empfang sowohl im DAB+- als auch im UKW-Betrieb. Allerdings ist das DR 114 DAB+ groß und passt nicht in jede Schublade. Stattdessen kann es aber auch im Bad oder der Werkstatt stehen oder sich beim Camping nützlich machen.

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Das Radio von Renkforce ist noch etwas kompakter als das Modell von Pearl, bietet aber mehr Komfort. Es gibt einen automatischen Sendersuchlauf und per Knopfdruck lassen sich die stärksten Sender auf insgesamt 25 Speicherplätze verteilen.

Die Bedienung über die sechs fast identisch aussehenden Taster an der Front ist etwas gewöhnungsbedürftig. Da das Radio kein RDS beherrscht, wird im kleinen Display lediglich die gewählte Frequenz, aber nicht der Sendername, angezeigt.

Eine Füllstandsanzeige gibt Auskunft über den Ladestand des mit einer Kapazität von 7,4 Wattstunden recht kleinen Akkus. Er lädt unser Test-Smartphone zwar mit einer Leistung von fünf Watt, macht aber bereits nach 16 Prozent der Smartphone-Kapazität schlapp.

Besser sieht es bei der Kurbelleistung aus. Nach fünf Minuten Kurbeln kann man rund 80 Minuten lang UKW-Sender empfangen. Mir tat die Hand nach dem Kurbeln mit dem nun fünf Zentimeter kurzen Kurbelarm allerdings weh und beim Hören auch die Ohren: Der Ton ist dünn und für die Musikwiedergabe nicht geeignet. Immerhin sind die Stimmen gut verständlich.

Ansonsten gibt es eine integrierte Taschenlampe mit einem eher engen Lichtstrahl, die auch ein SOS-Signal beherrscht.

Fazit: Als Notfallradio macht das günstige Renkforce-Gerät eine gute Figur: Für das anstrengende Kurbeln wird man mit einer langen Laufzeit belohnt und der UKW-Empfang ist störungsfrei. Allerdings ist der Klang bescheiden und die Powerbank-Funktion kaum zu gebrauchen.

Hintergrund: Produkttests im Ressort Tests

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