News des Tages: Italien statt Iran zur Fußball-WM, Haftungsklage gegen Stiftung Warentest, CDU-Fördermittelaffäre in Berlin

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1. Italiens Teilnahme ist eine absurde Idee – aber wer weiß?

Die sportliche Lichtgestalt Franz Beckenbauer hat viele Sprachkunststücke vollbracht und unter anderem den Ausdruck »Cup der Verlierer« geprägt. Beckenbauer meinte seinerzeit einen europäischen Wettbewerb, der heute Europa League heißt.

Heute diskutiert die Fußballwelt über ein Gerücht, wonach ein prominenter Verlierer der WM-Qualifikation es doch noch zum Wettbewerb um den Weltmeistertitel schaffen könnte: das Team Italiens. Paolo Zampolli, ein Sonderbeauftragter von US-Präsident Donald Trump »für globale Partnerschaften«, hat der »Financial Times« angeblich gesagt, er habe Trump und Fifa-Präsident Gianni Infantino vorgeschlagen, »dass Italien Iran bei der WM ersetzt«.

Das Ganze sei bisher nichts weiter als eine wilde Spekulation, berichtet mein Kollege Peter Ahrens, »aber bei dieser speziellen Fußball-WM scheint vieles denkbar, was vorher unmöglich wirkte«. (Lesen Sie hier mehr .)

Italien hat im März in den europäischen Playoffs die WM-Teilnahme im Elfmeterschießen gegen Bosnien-Herzegowina verspielt – zum dritten Mal nacheinander sollte ein WM-Turnier ohne den vierfachen Weltmeister stattfinden. Dabei ist diesmal das WM-Teilnehmerfeld auf 48 Länder aufgebläht.

»Fifa-Boss Gianni Infantino, ansonsten immer gewillt, der Trump-Regierung zu Diensten zu sein, versucht alles, um die Teilnahme des sportlich qualifizierten Asien-Vertreters Iran zu ermöglichen«, schreibt mein Kollege Peter. Die Spekulationen über ein Einspringen Italiens seien allein der Initiative Zampollis zu verdanken. Für den Fall eines iranischen WM-Verzichts sei »man bisher davon ausgegangen, dass ein anderer asiatischer Teilnehmer die Lücke füllen würde«.

2. Nicht das Produkt, sondern der Test verdiente wohl das Prädikat »mangelhaft«

Die Stiftung Warentest ist als Instanz für Qualitätsprüfung in Deutschland derart etabliert, dass sie sogar in einem Rapsong aus dem Jahr 2019 gepriesen wird .

Heute hat das Oberlandesgericht Frankfurt am Main sein Urteil in einem Verfahren veröffentlicht, das die Autorität der Stiftung empfindlich trifft. Ein Rauchmelderhersteller hatte die Stiftung Warentest verklagt: Ein fehlerhafter Test soll sein Geschäft geschädigt haben. Das Gericht gab der Firma recht, nun geht es um Schadensersatz. (Lesen Sie hier mehr.)

Die Berliner Firma Pyrexx stellt Rauchwarnmelder für Wohnungen her. Als »mangelhaft« beurteilte die Stiftung Warentest 2020 einen Rauchmelder von Pyrexx – »dabei war nicht der Melder schlecht, sondern das Testsetting«, berichtet mein Kollege Martin U. Müller (hier mehr dazu ).

Noch ist das Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt nicht rechtskräftig. Es sei ein Streit von über den Fall hinausweisender Bedeutung, so mein Kollege: »Wenn Gerichte bei fehlerhaften Testurteilen künftig nicht nur Unterlassungsklagen stattgeben, sondern den betroffenen Firmen auch Schadensersatz zusprechen, verändert dies das gesamte Risiko- und Machtgefüge im Testgeschäft – bei der Stiftung Warentest ebenso wie bei jedem Portal, das Produkte bewertet und damit Kaufentscheidungen beeinflusst.«

3. Die Kultursenatorin drückt sich um ihre Verantwortung

Ein Mann, der an das Recht glaubt, wird grotesk von den Mächtigen gedemütigt – dass so was einst in Deutschland vorkam, lernen bis heute viele Schülerinnen und Schüler am Beispiel von Heinrich von Kleists Novelle »Michael Kohlhaas«. Wie Kleist wohl das gefunden hätte, was in Berlin nun im Zusammenhang mit der CDU-Fördermittelaffäre passiert? Die Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson hat, wie der Landesrechnungshof in einem heute veröffentlichten Bericht feststellt, 2,6 Millionen Euro »evident rechtswidrig« verteilt. Wedl-Wilson entlässt deswegen den Staatssekretär Oliver Friederici, der genau davor gewarnt hatte (hier mehr dazu).

Mein Kollege Hannes Schrader nennt Wedl-Wilsons Vorgehen »ein demokratisches Armutszeugnis« .

Die parteilose Senatorin hat Fördermittel gegen Antisemitismus »willkürlich« an Projekte verteilt, heißt es im Rechnungshofbericht. Die Liste mit den Projekten hatten zwei CDU-Abgeordnete zusammengestellt. Beamte der Kulturverwaltung hatten Wedl-Wilson gewarnt, das Geld ungeprüft auszuschütten. Doch sie setzte sich darüber hinweg.

»Die Affäre zeigt ein haarsträubendes Verhältnis der Berliner CDU zur Gewaltenteilung und der Unabhängigkeit von Verwaltung«, schreibt Hannes. In der Berliner Affäre müsse nun die Person gehen, die darauf pochte, sich an Recht und Gesetz zu halten. Auf Geheiß der Person, die »evident rechtswidrig« gehandelt hat. Wedl-Wilson klammert sich offensichtlich an ihr Amt, und was tut Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner? »Sollte er seine Senatorin nun nicht entlassen, würde Wegner damit zeigen: Wer sich in seiner Regierung ans Gesetz hält, hat dort nichts verloren.«

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Geisterschiff im Mittelmeer laut libyschen Behörden »komplett außer Kontrolle«: Der russische Flüssigerdgastanker »Arctic Metagaz« schwimmt seit mehr als einem Monat führerlos im Mittelmeer. Jetzt ist eine weitere Abschleppmission gescheitert.

  • Spritpreise steigen so stark wie seit Wochen nicht: Rund 14 Tage ging es bergab, nun schießen die Preise von Diesel und Benzin wieder in die Höhe. Der Anstieg des Benzinpreises ist der stärkste seit Einführung der Zwölf-Uhr-Regel Anfang April.

  • Lufthansa streicht freien Handgepäckkoffer: Der neue Einstiegstarif bei Lufthansa bietet künftig deutlich weniger Leistungen als bisher. Nur noch ein kleiner Rucksack oder eine Laptop-Tasche sind gratis. Wer mehr will, muss draufzahlen.

Meine Lieblingspodcastserie heute: »Menschenjagd« – Im Netz von »White Tiger«

[M] DER SPIEGEL; Foto: DER SPIEGEL

Wenn wir im SPIEGEL über Kriminalfälle berichten, dann liegen die Taten meist in der Vergangenheit. Im Fall der Recherche meiner Kollegin Sandra Sperber und meiner Kollegen Roman Höfner und Max Hoppenstedt Heinrichs ist das anders. Fast wie in Echtzeit erfahren sie von immer neuen Fällen, die Gewalt geht weiter. Es geht um eine Gruppe namens »764«. Ihre Waffe ist das Internet, ihre Tatorte sind Chatrooms. 764 ist ein Codename. Er wird in Chatgruppen verwendet. Das Ziel in diesen Gruppen ist es, Menschen zu erniedrigen, zu quälen, zu brechen – die Taten passieren vor laufender Kamera.

Es geht um Manipulation und Mobbing. Die Täter treiben das so weit, bis die Opfer anfangen, sich selbst zu verletzen. Und manche mobben so lange, bis die Opfer sich umbringen.

Ermittler warnen: »764« ist wie eine Hydra der Gewalt, der ständig neue Köpfe nachwachsen. Von dem wohl bekanntesten Kopf haben Sie vielleicht gehört. Er nennt sich »White Tiger«. Im Podcast »Firewall« veröffentlichen wir eine weltweit exklusive Recherche als Serie in fünf Teilen: »Menschenjagd«. Sie hören darin von einer Szene, über die so noch nie berichtet wurde.

Was heute weniger wichtig ist

Paul McCartney und Ringo Starr

Paul McCartney und Ringo Starr

Foto: Mj Kim / Mpl Communications / PA Wire / dpa

Liverpooler Jungs: Paul McCartney, 83, Ex-Beatle, hat über einen neuen Song namens »Home to Us« gesprochen, der in Zusammenarbeit mit dem Kollegen Ringo Starr, 85, entstanden ist. Der Song, für den Starr Schlagzeug und – laut McCartney »etwas pissig« – auch Gesang beisteuerte, handelt von Liverpool, wo beide aufgewachsen sind. »Auch wenn es dort, wo wir wohnten, etwas rau zuging«, so McCartney vor Fans in Los Angeles, »war es doch unser Zuhause«.

Auslage in der Autobahnraststätte Lechwiesen Süd (Bayern)

Auslage in der Autobahnraststätte Lechwiesen Süd (Bayern)

Cartoonisten werden abgehängt. Welttempo überholt Zeichentempo. Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Cartoonisten werden abgehängt. Welttempo überholt Zeichentempo. Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Julian Fiebach / DER SPIEGEL

 »Vielleicht merkt man’s mir nicht ganz so an«

Autor Schachinger mit Buchpreisbuch »Echtzeitalter«: »Vielleicht merkt man’s mir nicht ganz so an«

Foto: Ronald Wittek / EPA

Könnten Sie sich mit dem preisgekrönten Roman »Echtzeitalter« von Tonio Schachinger beschäftigen. Das Buch erzählt von der Welt junger Leute, die ihre Intelligenz in Computerspielen einsetzen, von einer originellen Lovestory und von der Nachwuchsaufzucht an einer der traditionsreichsten Schulen Wiens, dem Marianum.

Mit sehr österreichischem Humor und sprachlicher Eleganz schildert der Autor die Mühe von Erwachsenen, junge Menschen wie den Helden, einen höchst erfolgreichen Gamer, zu verstehen. Schachinger schreibe als Vermittler zwischen den Generationen, lobt mein Kollege Felix Bayer, es gelinge ihm, das beherzte Abtauchen ins Spiel auch Nichtgamern plausibel zu machen, »vergleichbar mit der Versenkung in ein Kunstwerk« .

Und falls Sie im Süden Deutschlands wohnen: Ich habe mir vor ein paar Tagen die Bühnenversion von »Echtzeitalter« im Münchner Volkstheater angesehen. Die Inszenierung ist eine kluge und vergnügliche Arbeit des 34-jährigen Regisseurs Jan Friedrich, mit einigen tollen jungen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt, und fängt den Geist des Romans sehr gut ein. Leider kann man sich die Aufführung erst wieder ab 8. Mai ansehen, aber sie ist unbedingt empfehlenswert.


Einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

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