Dieses Audio ist derzeit nicht verfügbar.
1. Erst der Dammbruch, dann die Party
Fraktionschef Weber (CSU) in Straßburg: Sieht das Problem nicht
Foto:Olivier Matthys / EPA
Die Brandmauer-Debatte hat heute noch einmal Fahrt aufgenommen, nachdem es gestern im EU-Parlament zu verstörenden Szenen gekommen war. Die Konservativen, zu denen auch CDU und CSU gehören, beschlossen dort gemeinsam mit Rechten, Liberalen und anderen Abgeordneten die schärfsten Abschieberegeln in der Geschichte der EU, dann erklangen Sprechchöre. »Send them back! Send them back!« (»Schickt sie zurück«).
AfD-Vertreter sollen zusammen mit anderen extrem rechten Parlamentariern gefeiert haben, schreibt mein Kollege Timo Lehmann. Auf einem Video ist der Dachgeschossbereich nach der Party zu sehen, einschließlich vieler offener Crémant-Flaschen. Extrem rechte Politiker wurden mit Caps gesehen, auf denen der Slogan ›Make Europe Safe Again‹ steht. Der Sicherheitsdienst des Parlaments soll die Party dann beendet haben.
Fast noch verstörender als der Auftritt der Rechten sei das Schweigen der Konservativen dazu, findet meine Kollegin Ann-Kathrin Müller . Die Konservativen müssten sich besinnen, sagt sie. Manfred Weber, Kopf der Konservativen im Europaparlament, habe in sozialen Netzwerken ein Video hochgeladen, in dem er das Gesetz als »Toppriorität« bezeichnete und sagte, die Konservativen hätten damit ihr Versprechen erfüllt. Von den Sprechchören sei nichts zu sehen oder hören, auch sonst äußerte er sich dazu nicht.
»Man sollte meinen, dass auch bei der Union inzwischen angekommen ist, dass ihr Plan, die AfD zu halbieren oder zumindest einzuhegen, indem sie besonders harte Migrationspolitik macht, nicht aufgeht. Denn während CDU und CSU diese auf Bundes- und auf europäischer Ebene massiv verschärfen, ist die AfD so erfolgreich wie nie zuvor«, kommentiert Ann-Kathrin (hier mehr ).
Womöglich hat die Union schon bald einen Kater – auch wenn sie im Dachgeschoss in Straßburg nicht mitgefeiert hat.
Lesen Sie hier mehr: Wenn die AfD die Union bejubelt – und es niemanden mehr stört
Rauchschwaden und Feuer bei einer Ölraffinerie in Moskau
Foto:Social Media / REUTERS
Die Raffinerie im Südosten der russischen Hauptstadt brennt lichterloh, schwarzer Rauch verdeckt den Himmel, ersten Augenzeugenberichten zufolge soll es Öl regnen. Die apokalyptischen Szenen sind die Folge eines massiven ukrainischen Luftangriffs, in der Nacht zu Donnerstag hatte das Land Hunderte Drohnen gen Moskau geschickt.
Der militärische Erfolg ist für das Land, das sich seit mehr als vier Jahren gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands wehrt, gleich dreifach wichtig:
Für viele Russen ist der Krieg ähnlich weit weg wie für uns Deutsche. Mit der Attacke wird er für sie spürbar.
Seit Monaten attackiert die Ukraine Nachschubwege der russischen Armee, außerdem die Ölindustrie des Landes. Sie ist das – auch wirtschaftliche – Rückgrat der russischen Kriegsmaschinerie, jede lahmgelegte Ölverarbeitungsanlage trifft diese empfindlich.
Auf dem Treffen der G7-Staaten in Évian, das am Mittwoch endete, wurde auch die weitere Unterstützung der Ukraine verhandelt. Die Europäer sicherten Hilfe zu, US-Präsident Donald Trump hat sich noch nicht entschieden – etwa, ob die Ukraine die für sie so wichtigen Patriot-Abwehrraketen in Lizenz fertigen darf. Wenn Präsident Wolodymyr Selenskyj etwas verstanden hat, dann, dass US-Präsident Donald Trump keine Lust hat, sich mit Losern einzulassen.
Die rauchende Raffinerie ist also eine Botschaft an Putin – und an Trump.
3. Heiße Tage, kühler Kopf
Erlebnisbad Miramar (mit Rutschenturm und Twister-Rutsche): »Tragisches Unglück«
Foto:Gladys Chai von der Laage / IMAGO
In weiten Teilen Deutschlands war es in den vergangenen Tagen unfreundlich kalt. Am Wochenende erreicht uns endlich sommerliche Hitze. Sollten Sie Erfrischung im Spaßbad suchen, bewahren Sie bitte einen besonders kühlen Kopf, wenn es dort eine Wasserrutsche gibt.
Mein Kollege Dietmar Hipp hat einen tragischen Tod im Spaßbad Miramar in Weinheim rekonstruiert. Dort war im Mai ein junger Mann gestorben, nachdem er mit einem Freund in der sogenannten »Twister«-Rutsche unglücklich zusammenprallte. Wie es in diesen Anlagen regelmäßig vorkommt, hatten sich die jungen Männer über die Sicherheitsvorschriften hinweggesetzt und sich kurz hintereinander die Rutsche hinuntergestürzt, statt die grüne Ampel abzuwarten.
Dietmar hat noch weitere Unfälle im »Twister« recherchiert, sie alle passierten, weil die Badenden die Gefahr unterschätzten – und der Betreiber der Anlage womöglich auch.
»Im Twister können Rutschende nahezu frontal aufeinanderknallen. Und das kann einem leider auch passieren, wenn man selbst alles richtig gemacht hat, der Nachrutschende aber nicht. Ein Betreiber muss zumindest diese Gefahr hinreichend deutlich machen – sonst wirkt es schal, wenn er sich hinterher, wie im Miramar, auf ›Benutzung auf eigene Gefahr‹ beruft«, sagt Dietmar.
Also: Widerstehen Sie dem Wunsch nach einem kleinen bisschen Anarchie, halten Sie sich an die Regeln – und bleiben Sie gesund.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Die Gefahr war bekannt
Was heute sonst noch wichtig ist
Israels Außenminister bricht Kontakt zur EU-Außenbeauftragten ab: Israels Außenminister Gideon Sa’ar beschuldigt die EU-Außenbeauftragte, sein Land mit einem Apartheidregime verglichen zu haben. Solange Kaja Kallas das nicht zurücknehme, werde er nicht mehr mit ihr kommunizieren.
Ab Freitag müssen Onlineshops einen Widerrufs-Button haben: Ein neues Gesetz verpflichtet Onlineshops, einen gut sichtbaren Widerrufs-Button anzubieten. Was das für Verbraucher und Händler bedeutet – und welche Bedenken die Branche hat.
Akropolis wurde 200 Jahre restauriert – freier Blick auf Westfassade: Es sei ein »historischer Moment«, sagt die griechische Kulturministerin: Nach zwei Jahrhunderten Restaurierung ist die Westfassade der Akropolis wieder vollständig sichtbar. Dabei wurden auch rekonstruierte Säulen eingesetzt.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Sie ist jetzt zu Hause
Julian Baumann / DER SPIEGEL
Anfangs habe ich mit dem Expertenduo Schweinsteiger/Sedlaczek gefremdelt. Seit der WM 2022 in Katar moderieren die beiden die Spiele der deutschen Nationalmannschaft. Er, der Weltmeister von 2014, war damals kaum mehr als eine wortkarge Anziehpuppe für grauenvolle Herrenmode, sie konnte die Situation nicht retten.
Bei der WM 2026 steckt er immer noch in seltsamen Klamotten, aber die Moderation der beiden ist jetzt eine Eins: locker, witzig, kundig.
Mein Kollege Jörn Meyn hat Esther Sedlaczek begleitet – und ein beeindruckendes Porträt über sie geschrieben. Ich will hier nicht so viel verraten, aber so viel schon: Dass die beiden plötzlich glänzen, das wird darin deutlich, ist vor allem Sedlaczeks Verdienst.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: »Ich habe mich immer selbst fertiggemacht «
Was heute weniger wichtig ist
Ich, mein eigener Endgegner: Rapper Lil Nas X, 27, sei erleichtert über die Diagnose einer bipolaren Störung, sagte er in einem Instagram-Video. Der »Old Town Road«-Sänger war im August 2025 in den frühen Morgenstunden nur mit Unterwäsche und Stiefeln bekleidet, später nackt, durch Los Angeles gelaufen. Er wurde von Polizisten aufgegriffen. Statt ins Gefängnis schickte ihn der Richter in ein Diversionsprogramm für psychische Erkrankungen. Er sei einige Monate in Behandlung gewesen und werde jetzt von einem Therapeuten und einem Psychiater begleitet, was ihm sehr helfe, sagte der Rapper in dem Video. Seinen Humor scheint er wiedergefunden zu haben: »Schwarz, schwul, bipolar – ich lebe ein Leben auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad.«
Angebot auf einem Wochenmarkt in Heidelberg
KI-Nutzung: Zusätzlich zu seinen Reden und Artikeln lässt sich Mario Voigt nun auch bei der Outfitwahl von KI unter die Arme greifen.
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Helena Baumeister / DER SPIEGEL
WM-Macher Beckenbauer, Niersbach im Juli 2015
Foto:Johannes Simon/ Bongarts/Getty Images
Könnten Sie sich für das zweite Spiel der deutschen Nationalmannschaft am Samstag in Stimmung bringen und die Doku »Mission Sommermärchen« in der ZDF-Mediathek schauen .
Die Affäre um die Vergabe des Turniers an Deutschland, in die Franz Beckenbauer involviert war und die der SPIEGEL aufdeckte, umschifft die dreiteilige Serie weiträumig (hier die ganze Geschichte). Stattdessen zeichnet sie nach, wie Trainer Jürgen Klinsmann mit damals verwegen anmutenden Methoden die Nationalelf umkrempelte – und zum dritten Platz führte.
Die Serie hat gerade in diesen Zeiten etwas Tröstliches. Sie zeigt, warum es sich lohnen kann, ein verkrustetes System mutig zu reformieren. Und sie führt uns ein Deutschland vor Augen, das einerseits fern scheint und doch zum Greifen nah. Nicht gespalten, sondern nahezu vereint im glücklichen Taumel.
Nahezu die ganze zweite Folge lang, also fast ein Drittel der Serie, geht es um den Konflikt zwischen den damaligen Torhütern Oliver Kahn und Jens Lehmann. Den erbitterten Konkurrenzkampf um den Platz im deutschen Tor, der damals monatelang stattfand.
Am Ende setzte sich Jens Lehmann durch. Kahn war kurz davor, hinzuschmeißen, doch er machte weiter. Vor dem schicksalhaften Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien, das die deutsche Mannschaft für sich entschied, sprach er aufbauend zu Lehmann. Es ist, als liefe die ganze Doku auf diese Szene zu, als sei sie eine Botschaft: Wenn diese beiden sich die Hand geben konnten, schaffen wir das auch.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Michail Hengstenberg, Autor im Kulturressort

vor 2 Stunden
1









English (US) ·