News des Tages: Arctic Metagaz, Mittelmeer, Cyberangriff, Iran, Viktor Orbán, Ukraine

vor 2 Stunden 1

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1. Das im Mittelmeer driftende Schiff ist ein Sicherheitsrisiko

In dem berühmten Roman »Das Geisterschiff oder Der fliegende Holländer« aus dem Jahr 1839 erzählte der Schriftsteller Frederick Marryat von einem Kapitän, der dazu verdammt ist, mit einem Gespensterschiff die sieben Weltmeere zu durchkreuzen, ohne je in einen Hafen einlaufen zu können. Seit dem 3. März ist offenbar auf dem Mittelmeer der nach einem Brand nahe der libyschen Küste schwer beschädigte russische LNG-Tanker »Arctic Metagaz« führerlos und sozusagen als Geisterschiff unterwegs. Der treibende Tanker, von dem es zunächst hieß, es sei untergegangen, könnte eine ernsthafte Gefahr darstellen. (Lesen Sie hier mehr .)

Die »Arctic Metagaz« habe in vier riesigen Tanks bis zu 140.000 Kubikmeter Gas an Bord, berichtet mein Kollege Christoph Seidler, »das entspricht dem Jahresverbrauch von fast 60.000 deutschen Haushalten. Ein Schiff dieser Größe, führerlos, möglicherweise noch mit Tausenden Tonnen Flüssiggas an Bord, das auf einer viel befahrenen Schifffahrtsroute treibt, ist ein Risiko für die Sicherheit.« Es könnte etwa zur Kollision mit einem anderen Schiff kommen, zu einem Brand oder zu einem unkontrollierten Gasaustritt.

Die Explosionen auf dem Schiff am 3. März sind unter anderem durch Infrarot-Aufnahmen des europäischen Wettersatelliten »Meteosat-12« belegt. Umstritten ist, ob ein Bild, das den Tanker ausgebrannt und mit schwerer Schlagseite zeigt, authentisch oder eine KI-Fälschung ist. Maltesische Medien wie die »Times of Malta« berichten ebenfalls darüber, dass der Tanker noch im Mittelmeer schwimmt. Die Regierung bereite Notfallpläne vor, sollte das Schiff die Gewässer des Landes erreichen.

Und wer hat die Explosionen auf dem Tanker verursacht? »Russland machte einen ukrainischen Angriff mit unbemannten Wasserfahrzeugen für die Katastrophe an Bord verantwortlich«, so mein Kollege. »Die dreißig Seeleute an Bord hätten sich retten können, zwei seien verletzt worden.«
Die Regierung in Kyjiw habe sich zu der Beschädigung des Schiffs nicht geäußert. »Ob tatsächlich ukrainische Drohnen dafür verantwortlich sind, lässt sich bis heute nicht sagen. Neben dem Drohnenszenario ist es auch möglich, dass das 23 Jahre alte Schiff einen Unfall hatte.«

2. Cyberangriffe sind offensichtlich eine Eskalationsstufe im Irankrieg

Der Krieg zwischen Iran und den gemeinsam kämpfenden Mächten USA und Israel wird mitunter auch an überraschenden Kriegsschauplätzen ausgetragen. Tausende Mitarbeiter des US-Medizintechnikkonzerns Stryker haben am Mittwoch festgestellt, dass ihre Mobiltelefone und Laptops aufgrund eines mutmaßlichen Cyberangriffs plötzlich nicht mehr funktionierten. Die Firma wies ihre rund 56.000 Mitarbeiter an, sich von allen Netzwerken zu trennen und die vom Unternehmen ausgegebenen Geräte nicht einzuschalten. Urheber des Cyberangriffs ist offenbar die proiranische Hackergruppe Handala, die sich zu der Attacke auf Stryker und den gleichfalls US-amerikanischen Konzern Verifone bekannt hat. (Hier mehr dazu.)

Die Gruppe bezeichnete den Cyberangriff als Vergeltungsschlag für den »brutalen Angriff« auf eine iranische Grundschule in Minab mit womöglich mehr als 150 Toten am 28. Februar, dem ersten Tag der US-israelischen Attacken gegen Iran.

Dem Irankrieg und der neuen Weltunordnung nach Donald Trumps Eingreifen im Nahen Osten, die vielen Menschen in Deutschland Angst machen, widmet sich auch die aktuelle SPIEGEL-Titelgeschichte .

Die Hackerangriffe auf die US-Unternehmen Stryker und Verifone weiten den Irankrieg auf den Cyberbereich aus und schüren Befürchtungen, dass weitere digitale Angriffe bevorstehen könnten. Iran hat bereits in der vergangenen Woche mehrere Rechenzentren der Amazon-Cloud-Tochter AWS in der Golfregion mit Drohnenangriffen beschädigt.

»Die Angriffe zeigen, dass Iran nicht nur mit Drohnen und Raketen zurückschlagen kann«, sagt mein Kollege Matthias Kremp. »Experten haben lange vor den aggressiven Fähigkeiten iranischer Cyberaktivisten gewarnt. Sollte sich bewahrheiten, dass die Handala-Gruppe dahintersteht, wäre das die nächste Eskalationsstufe in einem Konflikt, der bisher zumindest nach außen weitgehend von physischer Gewalt geprägt war.«

3. Orbán führt einen Wahlkampf mit aggressiver Rhetorik

In Ungarn finden am 12. April Wahlen statt, die Umfragen sprechen gegen Viktor Orbán. »Deshalb setzt er auf einen knallhart antiukrainischen Wahlkampf«, schrieb mein Kollege Jan Puhl vor einigen Tagen. (Lesen Sie hier mehr .)

Nun hat Orbán behauptet, er und seine Familie würden bedroht – von einem Mann, der früher Politiker und für den ukrainischen Sicherheitsdienst tätig war. Es handelt sich um Hrihorij Omeltschenko, einen Außenseiter, der häufig Abwegiges behauptet. Er hatte diese Woche in einem Fernsehinterview darüber gesprochen, dass Ukrainer den ungarischen Regierungschef mittels Selbstjustiz jagen könnten. (Mehr dazu hier.)

Zuvor hatte allerdings auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gedroht, »die Adresse dieser Person an unsere Streitkräfte weiterzugeben«, als er über Orbán sprach. Diese Äußerungen veranlassten Berichten zufolge europäische Verbündete, Selenskyj zu bitten, seine Rhetorik zu mäßigen.

In der EU blockiert Orbán derzeit unter Verweis auf fehlende Öllieferungen durch die Pipeline Druschba unter anderem ein Darlehen für die Ukraine in Höhe von 90 Milliarden Euro.

»Orbán liegt in Umfragen konstant rund zehn Prozent hinter dem Herausforderer Péter Magyar. Der Langzeitpremier will der Opposition beikommen, indem er die Angst vor den Ukrainern schürt«, sagt mein Kollege Jan Puhl. »Orbán behauptet, Kyjiw wolle im Bündnis mit Brüssel den friedliebenden Ungarn Geld abknöpfen und sie in den Krieg hineinziehen.«

Magyar halte dem Premier seine engen Kontakte nach Russland vor, so Jan. Der Herausforderer rechne damit, dass in dieser Woche gleich ein Dutzend schmieriger Videos gegen ihn auftauchen würden. Diese seien mithilfe des Kreml und KI gefälscht worden. »Tatsächlich hatten sich in den vergangenen Tagen Gerüchte verdichtet, dass Putin seinem Kumpel Orbán Spindoktoren als Wahlhelfer geschickt habe.«

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Südafrika bestellt US-Botschafter wegen »undiplomatischer Äußerungen« ein: Leo Brent Bozell III bezeichnete ein Anti-Apartheid-Lied als »Hassrede«. Nun stellte die südafrikanische Regierung den US-Botschafter zur Rede. Dieser relativierte darauf seine Äußerungen.

  • Mehr als eine Million Euro pro Abschiebehäftling – scharfe Kritik an Neubauprojekt: Sachsen-Anhalt baut ein Gefängnis für Menschen, die abgeschoben werden sollen. Allerdings gab es nach SPIEGEL-Informationen im gesamten vergangenen Jahr nicht einmal 40 solcher Fälle. Die Linke schäumt.

  • Deutlich mehr Missbrauchsfälle im Erzbistum Paderborn als bisher bekannt: Fast doppelt so viele beschuldigte Priester und Hunderte betroffene Kinder und Jugendliche: Zwei Kardinäle haben laut einer Studie im Erzbistum Paderborn Missbrauchsfälle vertuscht und Opfer allein gelassen.

  • Wissenschaftler entschlüsseln das Rätsel superheller Supernovä: Eine Wasserstoffbombe, die vor dem Augapfel detoniert, wäre nichts gegen eine Supernova – so hell ist eine solche Sternenexplosion. Manche Supernovä sind noch um ein Vielfaches heller. Nun wissen Forscher, warum.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Und der Rapper sagte: »Get the fuck out!«

Der Musiker Ye, ehemals Kanye West, ist nicht bloß als Popstar berühmt, sondern als irrlichternde Persönlichkeit, die zu exzentrischen und hässlichen Ausfällen neigt. Mein Kollege Andreas Bernard berichtet über einen Prozess in Los Angeles.

 Das Ziel war ein gigantischer Bunker

Paar Ye, Censori vor Ando-Villa: Das Ziel war ein gigantischer Bunker

Foto:

[M] Marco Stede / DER SPIEGEL; Fotos: Backgrid / action press; hgm-press; Backgrid / action press; Getty Images

Ye hatte für mehr als 50 Millionen Dollar eine Villa in Malibu gekauft und daraus eine Bauruine gemacht. Ein Ex-Handwerker verklagte ihn. »Kanye Omari West, Rapper, Designer, Musikproduzent und einer der einflussreichsten Musiker des 21. Jahrhunderts, hat seinen bürgerlichen Namen 2021 offiziell in Ye umwandeln lassen. Das neue Kürzel ist Teil einer öffentlichen Inszenierung, die zuletzt immer stärkere Züge von Größenwahn und paranoider Isolationslust gezeigt hat«, schreibt Andreas. Nach dem Kauf der Villa des berühmten japanischen Architekten Tadao Ando am Strand von Malibu habe Ye den Auftrag gegeben, das minimalistische dreistöckige Gebäude aus Beton innerhalb einiger Wochen vollständig zu entkernen. »Ziel des Umbaus war es offenbar, aus der Ando-Villa einen Bunker mit autonomer Elektrizität und Kanalisation zu machen. Doch irgendwann muss Ye das Interesse daran verloren haben: Im Frühling 2022 bot er die Ruine zum Verkauf an und stieß sie zweieinhalb Jahre später schließlich für 21 Millionen Dollar ab.«

Tony Saxon, der heute 35-jährige Kläger, war zwischen September und Anfang November 2021 Koordinator der Umgestaltungen in der Ando-Villa. Er hat seinen früheren Arbeitgeber auf Schadensersatz und ausstehende Honorarzahlungen in Höhe von 1,7 Millionen Dollar verklagt. Bei den beschwerlichen Abbrucharbeiten habe er sich, so Saxon, den Rücken und Nacken nachhaltig beschädigt. »Um diese Verletzungen geht es in dem Prozess«, so Andreas. »Nicht um die Zerstörung eines architektonischen Meisterwerks, nicht um die sonstigen Eskapaden einer Hip-Hop-Ikone, sondern schlicht um das Zusammentreffen zweier höchst ungleicher Menschen. Dennoch ist das Zivilverfahren zwischen Tony Saxon und Ye ein Lehrstück darüber, ob und wie Macht und Geld überhaupt von der Vernunft eines demokratischen Rechtssystems im Zaum gehalten werden können.«

Was heute weniger wichtig ist:

Foto: Joe Giddens / empics / picture alliance

Der Zauber von Ozzy: Jack Osbourne, 40, Sohn der Heavy-Metal-Legende Ozzy Osbourne, ist zum fünften Mal Vater geworden. Das Kind ist ein Mädchen, am 5. März geboren und der zweite Nachwuchs mit Jack Osbournes aktueller Ehefrau Aree Gearhart. Die Eltern haben ihre Tochter nach deren Opa benannt, wie das US-Magazin »People« berichtet; auf Instagram postete der Vater: »Ich stelle euch Ozzy Matilda Osbourne vor.«

Aus der »Badischen Zeitung«

Aus der »Badischen Zeitung«

 Wenn dir alles zu viel wird, beim Assad auf der Gästecouch ist immer ein Platz frei.« Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Putin gratuliert: »… und denk dran: Wenn dir alles zu viel wird, beim Assad auf der Gästecouch ist immer ein Platz frei.« Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Foto:

Leonard Riegel / DER SPIEGEL

Und heute Abend?

Könnten Sie sich im Kino den Actionfilm »Good Luck, Have Fun, Don’t Die« ansehen, in dem der »Fluch der Karibik«-Regisseur Gore Verbinski sich über berühmte Weltretterfilme wie »Terminator« lustig macht.

 Gaga-Held in der Zeitschleife

Darsteller Rockwell: Gaga-Held in der Zeitschleife

Foto: Constantin Film

Der Schauspieler Sam Rockwell spielt einen vergammelten Punktypen aus der Zukunft, der schwer bewaffnet ein Diner in Los Angeles betritt – auf der Suche nach einem Freiwilligentrupp, mit dem er gemeinsam zu einem Kreuzzug losziehen will. Es gilt, eine außer Kontrolle geratene KI zu zerstören, bevor diese die Welt vernichtet. Der Film ist eine wilde Ballerei, oft wie ein Computerspiel anzusehen und schüttelt das Publikum ordentlich durch. (Lesen Sie hier die Rezension .)

Einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

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