Libanon: Sie wissen nicht, wo sie hin sollen

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Im Libanon gibt es keine Bunker. Keine Schutzräume, in denen die Menschen vor Raketen sicher wären und vor Trümmerteilen, die vom Himmel fallen. Auch Luftalarm gibt es nicht. Allenfalls das Brummen einer Drohne kündigt die nahende Gefahr an, gelegentlich eine Evakuierungsanordnung der israelischen Armee. In dem kleinen Land sind die Menschen dem Krieg schutzlos ausgeliefert.

Eine Frau in Beirut zeigt auf eine Drohne. Deren Brummen kündigt die Gefahr an. © Toufic Rmeiti/​Middle East Images/​AFP/​Getty Images
Hunderttausende Libanesinnen und Libanesen sind im eigenen Land vertrieben. Sie schlafen in Zelten und in ihren Autos. © Marwan Naamani/​ZUMA/​imago images
Weil Israel im Süden des Libanon gegen die Hisbollah kämpft, sind viele im Land Richtung Norden geflüchtet. © Bilal Hussein/​AP/​dpa

Der Begriff "Irankrieg" beschreibt längst nicht mehr ausreichend die Eskalation der Kämpfe im Nahen Osten. Die USA und Israel haben den Iran angegriffen. Der Iran feuert großflächig auf US-Stützpunkte, auf Israel und die Golfstaaten, hat sogar Zypern schon ins Visier genommen. Sollte es besser so heißen: Die islamistische Hisbollah, gesteuert und finanziert vom Regime in Teheran, hat Israel angegriffen. Seitdem befinden sich die Menschen im Libanon wieder einmal in einem Krieg, den die Mehrheit nicht will.

Der letzte Krieg zwischen der Hisbollah-Miliz und den israelischen Streitkräften der IDF begann nach dem Terror des 7. Oktober 2023. Die Kämpfe hielten bis zum November 2024 an, beendet von einer Waffenruhe, die vor allem Israels Armee nur leidlich einhielt.

Die israelischen Angriffe auf den Libanon gelten der Hisbollah. Doch es sterben dabei immer wieder auch Zivilisten. © Toufic Rmeiti/​Middle East Images/​AFP/​Getty Images
Eine Witwe trauert um ihren Mann, der bei einem Luftangriff getötet wurde. © David Guttenfelder/​The New York Times/​Redux/​laif
Mehrere hundert Menschen sind bereits in diesem Krieg im Libanon gestorben. Ihre Angehörigen trauern. © David Guttenfelder/​The New York Times/​Redux/​laif

Die Hisbollah, so schien es, war von den Kämpfen und dem Tod ihres Anführers Hassan Nasrallah schwer getroffen. Die amtierende libanesische Regierung geht so entschieden gegen die Miliz im eigenen Land vor, wie kaum eine Regierung vor ihr, trieb unter anderem die Entwaffnung voran. Gleichwohl mit überschaubarem Erfolg – die libanesische Armee ist nicht besonders schlagkräftig, die politische Lage fragil.

Die Hisbollah ist geschwächt – aber sie ist noch da. "Alive and kicking", schrieb die israelische Zeitung Haaretz. Allein in der Nacht zu Donnerstag feuerte die Miliz etwa zweihundert Raketen in Richtung Israel, während dort an der Grenze zum Libanon die IDF den Süden heftig bombardierte und auch immer wieder Vororte der Hauptstadt Beirut angriff.

Bislang griff die israelische Armee vor allem den Süden des Landes an, doch auch die Vororte der Hauptstadt Beirut sind immer wieder Ziel. © AFP/​Getty Images
Trümmer zeugen von der Intensität der Angriffe, hier in der Bekaa-Ebene im Libanon. Hier soll die Hisbollah noch viele Verstecke haben. © Jonathan Labusch/​Middle East Images/​imago images
Ein provisorisches Zeltlager in einem Fußballstadion. Für die Vertriebenen im Land gibt es längst nicht genug Unterkünfte. © Hassan Ammar/​AP/​dpa

Eine weitere Episode der Gewalt, des Terrors und der Feindschaft also. Und wieder leiden darunter vor allem die Menschen im Libanon. Die Menschen aus dem Süden des Landes fliehen Richtung Norden, aus Angst vor den israelischen Luftschlägen. Sie campieren am Straßenrand oder schlafen in den Parks von Beirut. Die Massenflucht begann bereits vor einigen Tagen, und sie hält an. 700.000 Libanesinnen und Libanesen sollen bereits vertrieben worden sein. Es gibt kaum Orte, an denen sie Unterkunft finden. Und auch für sie gibt es keinen Schutz, selbst wenn es in den Städten immer noch sicherer ist als im Süden. 

Vor allem aber fehlt es den Menschen wie dem Land an einer Perspektive. Die USA mögen das Interesse an einem Krieg mit dem Iran früher verlieren, aber der Konflikt zwischen Hisbollah und Israel bleibt ungelöst und ungeklärt. Hunderte Menschen wurden bereits getötet, in der libanesischen Gesellschaft wächst die Wut auf die Hisbollah, diesen Krieg wieder entfacht zu haben. Und wieder einmal bleibt zu befürchten: Die Aufmerksamkeit der Welt mag sich irgendwann anderen Dingen zuwenden. Der Krieg im Libanon aber bleibt.

Vertriebene stehen Schlange bei einer Essensausgabe. © Diego Ibarra Sánchez/​The New York Times/​Redux/​laif
So etwas wie Alltag: Ein Mann schneidet einem Jugendlichen in einer Notunterkunft die Haare. © Khalil Ashawi/​Reuters
Sie wissen nicht, wohin. Deshalb campen die Menschen zum Teil auf Gehwegen und in Parks, wie hier in Beirut. © Claudia Greco/​Reuters
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