Schon gegen Ende dieses Jahres wird die Entscheidung fallen: Europa bekommt neues Papiergeld. Zehn Serien von A bis J mit je sechs Nominalwerten von 5 bis 200 Euro aus diversen Designerstuben müssen sich ab sofort dem Geschmacksurteil der Europäer unterwerfen. Christine Lagarde als Präsidentin der EZB verkündet dazu: „Nach 20 Jahren ist es an der Zeit, mit einem neuen Design sicherzustellen, dass sich alle Europäerinnen und Europäer noch stärker mit den Eurobanknoten identifizieren können.“
Nun wüsste man niemanden zu nennen, der sich in den vergangenen zwei Dekaden über fehlende Identifikation mit Geldscheinen beklagt hätte, eher über das Fehlen selbiger im Portemonnaie. Aber sei es drum.
Die „Assoluta“ vor Betongrau und im Mondrian-Rahmen: Maria Callas auf dem Fünfeuroschein der Designserie AEZBOb also die Abstimmung eine gute Idee ist und Europa nicht noch mehr entzweien wird? Schon das Urteil des Paris hat bekanntlich keinen Segen über den Kontinent gebracht, denn über Schönheit lässt sich nun einmal kein objektives Urteil fällen. Ob der betongraue Fünfer der Serie A mit der Callas in knäckebrottrockenem Mondrian-Graphikdesignrahmen dem künstlerisch ambitionierten Hunderter der Serie F mit einem „malerisch“ wild hingeworfenen Leonardo in Pink auf Grellgrün auf irgendeiner sachlichen Ebene verglichen werden kann, ist fraglich. Zu divergent sind die Stilistiken.

Vielleicht ist das der Grund, warum nur eine Serie, eben die Leonardo-Reihe F, einen „künstlerischen“ Anspruch hat; der Rest könnte auch von einer KI oder zumindest einem Architekturrenderingprogramm entworfen sein, mit leblosen Menschenmarionetten wie in Serie G, die wie von der KI falsch verstandene Fernand-Leger-Figuren und Oskar-Schlemmer-Abstraktionen erscheinen. Grundsätzlich konnten sich die Gestalter zwischen „Vögeln und Flüssen“ oder „Europäischer Kultur“ (vulgo: berühmte Europäer) auf den Vorderseiten entscheiden, während auf dem Revers mehrfach zentrale EU-Gebäude aus Brüssel, Straßburg oder Frankfurt in futuristischer, doch wenig menschenfreundlicher Optik geboten werden.
Ringelpiez mit Anfassen beim Straßenfest als europäische Kultur? Die Rückseite des Callas-Fünfeuroscheins der Designserie AEZBAus Osteuropa gibt es keine Kulturprominenz, Frauen auch kaum
Problematisch erscheint schon die Auswahl der Großkopferten: Die Europromis Callas für den Fünf-Euro-Schein sowie im Wert aufsteigend Beethoven und Cervantes bilden zwar West-, Mittel- und Südeuropa ab, nicht aber Osteuropa und damit künftige Eurostaaten. Dass die europäische Vogelwelt abgebildet ist, wird die Ornithologen freuen. Die übrigen 99,9 Prozent der Europäer werden die Eisvögel und Mauerläufer wohl eher exotisch nett finden oder zum ersten Mal überhaupt auf den Scheinen sehen. Die Vögel mit ausgebreiteten Schwingen wirken insgesamt japanisierend, gerade wenn sie wie der Fünfer der Serie H vor einem schneebedeckten Gebirge aufflattern, das eher dem Fuji als den Alpen ähnelt. Japans Yen oder der Papiergelderfinder China als Vorbild für die schwächelnde EU-Ökonomie?
Perforierter japanischer Unbekannter vor vervielfältigtem Fuji? Die Punkte im Gefieder des Mauerläufers auf der Fünfeuronote der Designreihe H wirken wie Einschusslöcher.EZBWas fällt noch ins Auge? Auf dem Fünfer der Serie A spielt sich ein Straßenfest in einer Art Ringelpiez mit Anfassen ab – ist das genuin europäische Kultur? Die Rückseite des Fünfzigeuroscheins der Serie B wirkt mit gestaffelten Gebäudescheiben wie DDR-Architektur hinter dem Alexanderplatz und scheint am allerwenigsten geeignet, Europa zu einen.
Seltsames Retro: Der Dichter Cervantes wird von der kräftig orangefarbenen Siebzigerjahre-Tapete in Zentrum der Designserie C an den Rand gedrückt.EZBDer Fünfziger der Reihe C hingegen schiebt die barocke Büste Cervantes’ an den Rand und rückt eine abstrakte Siebzigerjahre-Tapete mit Orange-Rosé-Ornamenten ins Zentrum. Die Serie F ist wie erwähnt die mit Abstand künstlerisch ambitionierteste, die Callas auf dem Fünfer in Lila vor grauem Kartoffelstempelhintergrund wagt ebenso wie der Leonardo auf dem Hunderter etwas. Auf dem Zehner der Serie G blickt Beethoven uns derart grimmig entgegen, dass dies möglicherweise Fälscher von ihrem schändlichen Tun abhalten soll. Den Eisvogel auf dem Zehner der Serie I hinterfängt eine weiß-silbrige Sonnenscheibe, die vom Japaner Hokusai stammen könnte.
Grimmiger Tauber: Beethoven aus Designreihe GEZBIst die sicher nicht günstige Geldscheinreform wirklich notwendig?
Doch warum müssen die Eurobanknoten überhaupt neu gestaltet werden? Man wolle, so Madame Lagarde, die Identität und die Werte Europas „besser wiedergeben“. Zu allem Überfluss soll es auch noch „nachhaltiges und inklusives“ Geld sein, wobei zumindest Letzteres Augenwischerei ist: Entweder man hat es oder nicht, dann ist man draußen, da helfen alle auf der Rückseite gedruckten Inklusionsillusionen nichts. Als pragmatischen Grund nennt sie allerdings auch, man wolle den avancierten Fälschungstechniken von heute „einen Schritt voraus“ sein.
Der Fälschungspräventionsgrund aus der Praxis heraus beruhigt die aufgewühlte Seele ein wenig, da die Argumentation über die bessere Wiedergabe der „Werte Europas“ doch sehr schwammig bleibt. Die bisherige Abfolge der den alten Kontinent seit 2000 Jahren prägenden Baustile aus allen Teilen Europas vermittelte ja durchaus etwas Solides, Verbindendes, über Nationalstaaten weit Hinausgehendes.
Schillernder Eisvogel vor stilisiertem Wasserfall und silbriger Sonnenscheibe: Nicht nur das Design der Serie I wirkt sehr japanisch.EZBWenn man nun noch die Konzeptbeschreibungen der Designer liest, unterscheiden sich diese leider kaum von der schwurbeligen Ausstellungsprosa vieler zeitgenössischer Kuratoren. Serie H, Atelier Goppel-Toperngpong etwa befindet zur Metaphorik unseres Wissens nach nicht nur auf diesem Kontinent lebensspendenden Wassers: „Ein einzelner Mensch mag unbedeutend erscheinen, aber Millionen von Menschen, die ein gemeinsames Ziel eint, sind widerstandsfähig und stark. In diesem Sinne ist Wasser eine treffende Analogie für die EU“ – Europa als glitschig ungreifbarer Aquaman?
Man hätte wohl besser die bisherigen Scheine fälschungssicher ertüchtigt. Immerhin, es gibt einen kleinen Trost: Die alten Euroscheine bleiben dauerhaft gültig, sie müssen nicht umgetauscht werden, und Lagarde zufolge werden „noch mehrere Jahre vergehen“, bis die teils gruseligen neuen Papierfetzen in die Geldbörsen einwandern. Wer von dem liebgewonnen alten „Romanik-Zehner“ in Lachsrot oder dem kühlblauen „Gotik“-Zwanziger auch in Zukunft nicht lassen will, lege sich von nun einen Vorrat an.

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