MDR-Intendant im Gespräch: Der „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg ist Geschichte

vor 1 Woche 3

Wenn uns nicht alles täuscht, hat der Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks gerade das Aus für den „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg mit Claudia Michelsen angekündigt. Im Interview mit der „Mitteldeutschen Zeitung“ sagte Ralf Ludwig nämlich auf die Frage, ob er garantieren könne, dass der „Polizeiruf 110“ mit Claudia Michelsen nach der vom Sender aus Finanzgründen verordneten Zwangsproduktionspause von drei Jahren zurückkehre: „Nein, wir können nicht garantieren, ob wir all die namhaften Schauspielerinnen und Schauspieler halten können.“ Sie bekämen „ja drei Jahre keine Aufträge“ vom MDR und müssten „selbst entscheiden, ob sie sich an dieses Format noch gebunden fühlen“.

So deutlich drücken sich Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bei unangenehmen Fragen selten aus. Wir übersetzen: Für den „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg ist die letzte Messe gesungen.

Schaut man auf die Filme an sich, könnte man sagen, es sei ohnehin an der Zeit, sich für diesen Sonntagskrimi etwas Neues einfallen zu lassen, zeichnen sich die seit 2013 laufenden Episoden mit Claudia Michelsen als Hauptkommissarin Doreen Brasch doch vor allem dadurch aus, dass sie brav den linksliberal eingefärbten gesellschaftspolitischen Themenkanon abarbeiten, der in öffentlich-rechtlichen Redaktionen angesagt ist. Das ist alles in allem recht bescheiden und sehr langweilig.

Der „Polizeiruf 110“ aus Halle hat Erfolg und – wird abgesetzt

Von anderem Kaliber war da der „Polizeiruf 110“ aus Halle mit Peter Kurth und Peter Schneider, der eine besondere Farbe und die viel gesuchte „Ost-Perspektive“ hatte, ohne die von der politischen Linken wie Rechten zurzeit bis zum Umfallen befeuerte Ostalgie zu bedienen. Hervorragend gespielt war das auch, aber leider als geschlossene Trilogie angelegt. Und so war im Februar dieses Jahres trotz großen Erfolgs Schluss.

Und dann kam im Mai die Hiobsbotschaft: Da verkündete der MDR, man setze die Produktion von „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ aus Kostengründen für drei Jahre aus. Man könne nicht anders, sagte der Intendant Ludwig. Die – vorerst – ausgebliebene Erhöhung des Rundfunkbeitrags zwinge einen dazu. „Wenn ich nur den Hauch einer Chance gesehen hätte, das zu vermeiden, hätte ich es getan“, sagt Ludwig der „Mitteldeutschen Zeitung“.

Der MDR-Intendant Ralf LudwigDer MDR-Intendant Ralf Ludwigdpa

Das allerdings ist nichts als Nonsens. Den kann man schon daran erkennen, dass der MDR erst im Juni mit den Gewerkschaften eine Vereinbarung für die festen freien Mitarbeiter des Senders getroffen hat, die diesen garantiert, dass sie 80 bis 90 Prozent ihres bisherigen Honorareinkommens behalten, auch wenn ihnen die dafür eigentlich entsprechenden Aufträge nicht abverlangt werden. Das bedeutet: Es gibt Geld fürs Nichtstun.

Der MDR hat über seine Verhältnisse gelebt und zeigt Symptome eines Systemkollapses, wie wir ihn an vielen Stellen erleben, sei es bei der EU, bei Bund und Ländern, in Behörden, Institutionen und Unternehmen: Irgendwann ist die Struktur so komplex und hypertroph, dass den Verantwortlichen nichts mehr einfällt, außer nach mehr Geld zu rufen, im Fall des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist es der zwangsweise zu entrichtende Rundfunkbeitrag.

Was im „Grundfunk“ der AfD alles fehlen wird

Für die AfD, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen will, ist das selbstverständlich ein gefundenes Fressen und zugleich einerlei. Sie will in Sachsen-Anhalt, so sie dort an die Regierung kommt, als Erstes den MDR-Staatsvertrag kündigen und einen „Grundfunk“ einführen. Dass das so ohne Weiteres nicht geht, sehr viel Geld kosten kann und sich das Versprechen, einen öffentlichen Rundfunk zu etablieren, der 50 bis 80 Prozent weniger kostet, kaum umsetzen lässt, bindet der AfD-Kandidat Ulrich Siegmund den Wählern selbstverständlich nicht auf die Nase.

 Peter Kurth (li.) und Peter Schneider im „Polizeiruf 110“ aus Halle.Hatten keine lange Spielzeit: Peter Kurth (li.) und Peter Schneider im „Polizeiruf 110“ aus Halle.MDR/filmpool fiction/Felix Abrah

Auch nicht, was in Sachsen-Anhalt fehlt, wenn die AfD den MDR abschaltet. Dann gäbe es im Fernsehen kein „Sachsen-Anhalt heute“ und im Radio kein Programm „MDR Sachsen-Anhalt“ aus Magdeburg und keinen MDR-Musiksommer aus Benneckenstein oder Arendsee, sagt der Intendant Ralf Ludwig im Gespräch mit der „Mitteldeutschen Zeitung“.

Und dass ein AfD-„Grundfunk“ einen Krimi à la „Polizeiruf 110“ oder „Tatort“ aus Magdeburg, Halle oder Dessau produzierte, fügen wir hinzu, darf man sich wohl auch kaum vorstellen. Wir würden eher mit Übernahmen aus dem russischen Staatsfernsehen rechnen, im Informations- genauso wie im fiktionalen Programm. Fürs TV-Kabarett dürfte in AfD-Sachsen-Anhalt wahrscheinlich jemand wie Uwe Steimle zuständig sein.

Sollte die Kündigung des Staatsvertrags kommen, sagt der MDR-Intendant Ludwig, „werden wir juristisch dagegen vorgehen“. Klug wäre unseres Erachtens darüber hinaus, nicht nur der Politik der demokratischen Landesregierungen die Schuld für die eigene Misere zu geben, auf der angeblich alternativlosen Erhöhung des Rundfunkbeitrags herumzureiten und sich darüber zu beschweren, dass der Ausbau des MDR-Funkhauses in Halle zu einem crossmedialen Medienhaus Geldverschwendung sei, sondern es selbst besser zu machen.

Was den „Tatort“ und den „Polizeiruf 110“ angeht, könnte man, wie an dieser Stelle vorgeschlagen, die in Frankfurt ansässige ARD-Produktionstochter Degeto ins Boot holen, die pro Jahr Aufträge über mehr als 400 Millionen Euro vergibt. Auf die Idee müssten der MDR und die anderen ARD-Sender aber schon selbst kommen. Einfach komplett aufgeben, weil die AfD sowieso alles zerstören will, wäre auch im Falle des „Polizeirufs 110“ aus Magdeburg kein guter Plan.

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