Märzferien in Hamburg: Schluss mit diesem Ferienirrsinn!

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In Bremen und Niedersachsen beginnen die Osterferien. Kleckerweise folgen dann alle anderen Bundesländer, nun ja, nicht alle. Hamburg hatte bereits Ferien: in den ersten beiden Märzwochen. Sie heißen darum im Elternmund auch nicht Osterferien, sondern Märzferien. Und im Munde besonders wohlhabender Eltern heißen sie: Skiferien.

Als Mutter von drei Hamburger Kindern kenne ich Familien, die die Kaiserschmarrn-und-Hütten-Zeit mögen. Sie holen ihre Kinder mit bepacktem Auto am Freitag vor den Ferien von der Schule ab, auf dem Dach der obligatorische Skisarg, eine Box voll mit teurer Ausrüstung. Dann geht’s tausend Kilometer in Richtung Süden, für fünf Tage oder sieben.

Manche haben sogar das nötige Geld, um Anfang März kurz nach Singapur oder New York zu fliegen.

Und ich kenne Familien, die die Märzferien verabscheuen.

Als ich während selbiger mit meinen Freundinnen chattete und sie fragte, wie es ihnen gehe, antworteten sie so: Sohn fiebert, Tochter ist gerade durch mit Infekt. Oder: »Sind heute in Wismar angekommen. Die Hälfte von uns liegt flach.« Meine Freundin hatte für sich und ihre drei Liebsten drei Tage Hotel mit Schwimmbad gebucht. Man will ja den Kindern was bieten.

 »Toll! Dann probieren wir was Neues aus!«

Sofazeit: »Toll! Dann probieren wir was Neues aus!«

Foto: Maskot / Getty Images

Hamburgs Eltern sind traditionell dazu verdammt, im Wonne- und Infektmonat März geschlagene zwei Wochen Urlaub zu nehmen, weil ihr Nachwuchs keine Schule hat. Für viele ist das eine Zumutung. Eltern, die einer Erwerbsarbeit nachgehen, haben ohnehin viel zu wenig Urlaubstage, um alle freien Wochen der Kinder abzudecken. Und das Angebot für Ferienbetreuung ist in vielen Regionen Deutschlands desolat. Zwar stellen viele Hamburger Grundschulen ein tolles Ferienprogramm auf die Beine. Ab Klasse 5 aber sinkt die Attraktivität des Angebots der Schulen deutlich, und Elf-, Zwölf-, Dreizehnjährige brauchen in den Ferien was zu tun.

Als optimistisch veranlagter Mensch suchte ich lange die Vorzüge der Hamburger Zwangsferien, etwa:

  • Wie praktisch! Ferien mitten in der Nebensaison, da sparen wir Geld!

  • Toll! Dann probieren wir was Neues aus! Vielleicht ist Skifahren ja doch was für uns als Familie!

Die eine Annahme stellte sich als Mythos heraus, die zweite als enttäuschte Hoffnung.

  • Wann Hamburger Familien Ferien haben, muss irgendwie zu den Touristikkonzernen und Fluggesellschaften durchgedrungen sein. Und so sind Reisen ab Hamburg im Nebensaisonmonat März oft genauso teuer wie in den Monaten, in denen man viel lieber verreisen würde: im Mai etwa oder im Juni. Wer würde nicht gern seinen Fuß ins Mittelmeer stecken, wenn man schon mal da ist? (Im März liegen die Wassertemperaturen bei 12 bis 15 Grad Celsius, gemessen zwischen Triest und Marbella.)

  • Skifahren sei jedem gegönnt, der es mag. Ich jedoch konnte bei unserem Trip nach Tirol  kaum an was anderes denken als an schmelzende Gletscher und den ebenso schmelzenden Kontostand. Der Urlaub hat horrende Kosten verursacht und war so wenig erholsam wie kein anderer.

Was also tun in den Märzferien? Von einem Angebot, wie ich es etwa von Aufenthalten in Dänemark kenne, ist die Stadt Hamburg weit entfernt. In Kopenhagen und Umgebung muss man in Ferienzeiten nur in irgendeine Sehenswürdigkeit stolpern und schon kommen verkleidete Erwachsene auf die Kinder zu und laden sie spontan zu kostenlosen Mitmachaktionen ein. Das erlebten wir etwa vergangenen Sommer, als wir uns das Schloss Kronborg in Helsingør ansahen.

Und einmal entdeckten wir im Dänemarkurlaub durch Zufall das Ku.be , ein von Architekten und mit viel Herz für Kinder entworfenes Kulturzentrum in Frederiksberg, eine an Kopenhagen angrenzende Kommune. Hier können sich junge Menschen (aber auch Erwachsene) in jeder Hinsicht austoben – an einer Kletterwand, in einem vertikalen Labyrinth, bei Kreativkursen und Filmnachmittagen. Dort Spaß zu haben kostete keine einzige dänische Krone.

In Hamburg ist das Ferienangebot für Familien vor allem kommerziell geprägt (für drei Kinder war ich vergangenen Sommer knapp 600 Euro los, für fünf Tage, und das war noch ein eher günstiges Fußballcamp) – und zudem ist es schnell ausgebucht.

Dieses Jahr war die Lösung für die Ferien eine Mischung aus Betreuung durch die Großeltern  – ein Privileg, das längst nicht alle Eltern haben – und etwas langweiligen Tagen zu Hause. Was die Museen boten, überzeugte meine Kinder nicht (abgesehen von einer Katzen-Ausstellung ). In der Onlinedatenbank Hamburger Ferienpass  fanden wir viel zu teure Werkkurse. Immerhin war das Wetter besser als erwartet. Vor allem in der zweiten Ferienwoche kletterte das Thermometer in Hamburg auf fast 20 Grad Celsius. Schade, dass wir einen Trip an die Ostsee gebucht hatten. Die Temperaturen waren einstellig, gefühlt im Minusbereich, denn es wehte ein kalter Wind.

Unsere Wahl war auf ein Ferienresort in Dänemark gefallen, zweieinhalb Stunden von Hamburg entfernt. Der Zutritt zum Schwimmbad mit einem halben Dutzend Rutschen, Babybecken, Wellengangpool und jeder Menge Pflanzen war gratis. Alles andere in der Anlage der niederländischen Center-Parcs-Kette kostete extra: Bowling, die teils defekte Outdoor-Minigolfbahn, das Indoor-Minigolf mit Wikingerthema, die Videospielhalle und das Essen. Ein Glas Wasser (0,3 Liter) im Restaurant kostete umgerechnet fast fünf Euro, eine Zitronenlimo knapp sieben Euro.

Mütter und Väter, die noch optimistischer veranlagt sind als ich, urteilten: »Ach! Glückliche Kinder, glückliche Eltern!« Und tatsächlich fanden meine Kinder es vor Ort gut.

Ich fand auch was toll: die Abreise.

Zwar ist das Ferienresort schick gestaltet und das Personal nett. Aber Urlaub, bei dem nur die Kinder auf ihre Kosten kommen , macht mich fertig. Es war ein reiner Verlegenheitsurlaub, musste ich mir gestehen. Drei Nächte, gut tausend Euro.

Was sich dringend ändern muss

Die Ferien für alle Bundesländer sind bereits auf Jahre terminiert. Daran wird sich kurzfristig kaum etwas ändern. Dabei wäre es bitter nötig. Manche Eltern verpulvern ihr Gespartes für Fernreisen, weil ihnen Urlaub in der Nähe in dieser Jahreszeit schlicht zu unattraktiv vorkommt. Das ist nicht nachhaltig und regt zu klimaschädigenden Flugreisen an. Dabei haben Hamburgs Einwohner im vergangenen Jahr in einem Volksentscheid für mehr Klimaschutz gestimmt. Muss es in der Klimapolitik immer nur ums Heizen und Fahrverbote gehen?

Drei Vorschläge, die die Ferien für Familien verbessern könnten:

  • Verkürzt die Märzferien auf eine Woche! Das würde reichen, damit sich Hamburger Familien auch in Zukunft in Skigebieten austoben können, die mit Kunstschnee am Leben gehalten werden – zwei Wochen lang macht das sowieso niemand. Die gestrichene Woche dann bitte an die Maiferien anhängen, einen Monat, in dem wir Menschen statistisch weniger mit Infekten zu kämpfen haben.

  • Bietet Kindern, die zu Hause bleiben, ein funkelndes Ferienprogramm! Wie das geht, können sich Menschen, die auf Geldtöpfen sitzen, in Dänemark abschauen.

  • Gestaltet dieses Land kinderfreundlicher! Junge Menschen benötigen Räume, in denen sie nicht konsumieren müssen, sondern einfach sein und dabei Spaß haben dürfen – ob mit ihren Eltern, Geschwistern oder mit Freunden.

Was stört Sie, wenn Sie an die Ferienzeiten denken? (Ver)zweifeln Sie manchmal am Konzept von Urlaub mit Kindern? Oder haben Sie gar Tipps, wie es klappen kann mit der oft dringend benötigten Erholung für die ganze Familie? Schreiben Sie uns! familiennewsletter@spiegel.de .

Meine Lesetipps

Wochenende! Lesezeit! Hier sind die wichtigsten Artikel der vergangenen Tage für alle, die sich um Kinder kümmern.

Viele Eltern tun alles, um ihr Kind fit fürs Gymnasium zu machen. »Was für ein Optimierungszirkus«, findet meine Kollegin Anna Clauß. Sie hat ihr Kind auf die Realschule geschickt. Lesen Sie hier, warum sie es nicht bereut .

»Schau mal, Mama, die Frau ist aber dick!« – was tun Sie jetzt? Von Bodyshaming zu Diät zu Essstörung: Vor allem Mütter kennen diese Leidensgeschichte. Aber wie vermitteln wir Eltern unseren Kindern ein anderes Körperbild? Eine Expertin weiß Rat .

Das Märchen von der giftigen Zahnpasta: Eine ausreichende Fluoridzufuhr ist eine der wirksamsten Maßnahmen, um Karies einzudämmen. Da sind sich die WHO und zahnmedizinische Fachgesellschaften einig. Die Forschung zeigt, dass Fluorid in Zahnpasta oder Speisesalz wirksam und unbedenklich ist. Trotzdem werden vor allem Eltern immer wieder mit Horrormeldungen zu dem Stoff verunsichert. In den vergangenen Monaten hat die angeblich »privat getragene« und unabhängige Initiative »Beyond Fluorid« mit einer aufwendigen Kampagne Ängste geschürt.

Mein Kollege Julian Aé hat recherchiert, wer dahinterstecken könnte – der Verdacht: Dr. Wolff, ein Konzern, der unter anderem fluoridfreie Zahnpasta herstellt. Jetzt hat »Beyond Fluorid« zugegeben, dass der Konzern die Initiative bezahlt. Die absurde Geschichte von Dr. Wolff im Schafspelz. 

Mein Buchtipp

Nicht mehr lange, dann ist Ostern. Hier ein Geschenktipp: »Chicken Survivor« von Massuda Kassem. Die Autorin erzählt darin die Geschichte eines Huhns, das den Namen Vindaloo trägt – nach einem sehr scharfen indischen Curry-Gericht.

Das ist so lustig wie geschmackslos und hat eine herrliche Pointe. Denn Vindaloo nimmt es in seinem Hühnerstall mit einem Fuchs und einem Habicht auf – und: überlebt. Die verrückten Illustrationen zeigen Hühner, die Spaghetti essen (immer mittwochs), ins Kino gehen und Eier legen.

Die jüngst im Klett Kinderbuch Verlag erschienene Geschichte eignet sich für Kinder ab fünf Jahren, aber auch ältere finden sie superwitzig. Pluspunkt: Im Anhang gibt es Rezepte für Chicken Vindaloo und Chicken Korma without Chicken. Außerdem: eine Anleitung, wie man einen Hühnerstall baut.

Gemeinsam kochen und backen – Rezepte für Familien

Wenn Sie mehr über die Schärfe wissen wollen, die in Vindaloo-Gerichten steckt, erfahren Sie es in diesem Interview  mit dem Gewürzexperten und Currypapst Ingo Holland. Eine Reihe von milderen indischen Rezepten – etwa für Pakoras mit Minzsoße, Paneer Butter Masala oder Chicken Tikka Masala – finden Sie in unserer großen Rezeptsammlung.

Mein Moment

Was sind die Lieblingswitze Ihrer Kinder? Das fragte mein Kollege Malte Müller-Michaelis Sie einmal in einem seiner Familiennewsletter. Er bekam viele Antworten, darunter diesen Witz, den Sie sich schon mal für Ihr Osterfrühstück merken könnten:

»Woran erkennt man, dass ein Huhn Fieber hat? Es legt gekochte Eier.«

Herzlich
Ihre Julia Stanek

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