Etwa vierzigtausend Kirchen gibt es in Deutschland. Eine von ihnen steht im im Gelsenkirchener Stadtteil Erle. Vor der Thomaskirche, einem kleinen architektonischen Gesamtkunstwerk aus den Sechzigerjahren, erklingen Vogelstimmen. Sie kommen aus einem hölzernen Kasten, einer Soundinstallation des Künstlers Dennis Siering, die wie ein Nest zwischen den Zweigen hängt und mit Solarpaneelen verbunden ist. Die künstlichen Vogelstimmen singen Bruchstücke der Melodie des Partisanenliedes „Bella ciao“. Und weil Amseln die Alltagsgeräusche aus ihrer Umgebung gern in ihren eigenen Gesang integrieren, werden bald auch die Amseln von St. Thomas die Hymne auf den Kampf für die Freiheit imitieren. Und später, sagt Gürsoy Doğtaş lächelnd, werden vielleicht auch die anderen Amseln im Gelsenkirchener Stadtgebiet in diesen Gesang einstimmen.
Es ist eine eine kleine, geradezu bescheidene Installation, die Doğtaş, einer von acht Kuratoren der Manifesta, für die Thomaskirche ausgewählt hat, aber sie ist charakteristisch für die Arbeit der Wanderbiennale, die seit 1996 alle zwei Jahre in eine andere Region Europas reist, um dort mit künstlerischen Projekten aktuelle gesellschaftliche, soziale und kulturelle Probleme zu verhandeln. Mit vielen kleinen Mosaiksteinchen baut die Manifesta an großen Visionen. Sie tut dies konkret und poetisch, pragmatisch und träumerisch, und auf der Grundlage von oft mehrjährigen, zum Teil geradezu akribisch ausgeführten Vorarbeiten. Denn das Programm der Manifesta wird zu großen Teilen dort erarbeitet, wo es stattfinden soll. Deshalb geht es zunächst darum, die Region zu erkunden: Wie sind die Strukturen beschaffen, existiert eine lokale Identität, wie steht es um Aspekte wie Vernetzung, Resilienz, Verletzlichkeit? Überdies galt es, die profanierten Kirchen der Region zu klassifizieren: Sind sie verfallen, verlassen, verkauft oder bereits umgenutzt?
Die Einsamkeit des Gastarbeiters: Gemälde von Abuzer Güler in der Kirche St. Bonifatius in GelsenkirchenIvan ErofeevBis zu 20.000 Kirchen werden bis 2040 aufgegeben
Vier Städte, zwölf profanierte Kirchen, etwa hundert Künstler, ausgewählt von acht sogenannten Creative Mediators: Das ist der Rahmen der Manifesta 16 Ruhr, die fünfzehn Wochen lang in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen stattfindet. Ihre Schlüsselfragen lauten: Wie können Gesellschaften die aktuellen Herausforderungen der Zeit gemeinsam bewältigen, wenn immer mehr Orte der Begegnung verschwinden? Und wie müssen solche Orte heute beschaffen sein? Bis zu 20.000 Kirchen sollen in den nächsten zwei Jahrzehnten aufgegeben werden. Was soll mit ihnen geschehen? Wie können sie ihre Funktion als soziale Zentren, als Versammlungsstätten und urbane Landmarken weiterhin erfüllen? Das Motto des Festivals - „This is not a Church“ - soll dabei einen Raum der Möglichkeiten eröffnen. Ehemalige Kirchen können sehr viel mehr sein als nur ehemalige Kirchen.
Die Thomaskirche, die erst vor zwei Wochen entwidmet wurde, gehört heute einem Investor, St. Bonifatius in Erle wurde von einer Bäckereikette gekauft, die das 1970 geweihte Gebäude als Lagerraum nutzt. Die neugotische Kirche St. Josef in Gelsenkirchen-Ückendorf steht seit 2023 leer. Jetzt hat die spanische Künstlergruppe Penique Productions das große Kirchenschiff mit einer blauen Kunststoffhülle ausgekleidet, einer begehbaren aufblasbaren Installation. Auf dem Steinboden liegt Sand, die Kirchenbänke wurden in Workshops auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, vor der Apsis steht ein Videobildschirm. In einer Seitenkapelle hat der kurdische Künstler Havin Al-Sindy eine Installation errichtet, die unter dem Titel „How to carry a locust“ die Heuschrecke als Symbolfigur menschengemachter Plagen begreift. Zusammen mit Lehrer und Schülern dreier Schulen aus dem Umkreis hat er Hunderte von Papierheuschrecken gefaltet und bunt angemalt, die jetzt von einem Stahlgerüst herabhängen. Ein dichter Schwarm aus Farbe, Licht und Papier, faszinierend schön und zugleich bedrohlich in seiner luftigen Undurchdringlichkeit.
„How to carry a locust“: Installation, die Havin Al-Sindy zusammen mit Gelsenkirchener Schülern erarbeitet hat.Manifest 16 Ruhr/Ivan ErofeevPfeifen aus St. Nikolaus in Kiew wirken wie eine Stalinorgel
Die Liebfrauenkirche in Duisburg, 1961 geweiht und 2010 profaniert, ist eine der hundert. Sie gehört zu den eher seltenen Kirchen aus der Phase der brutalistischen Architektur, die unter Denkmalschutz stehen. Seit 2013 wird der quaderförmige Bau, der mit seiner enormen Größe und seinem zentralen Standort zwischen Theater, Landgericht und Mercatorhalle als Symbol des Duisburger Aufschwungs in der Nachkriegszeit gilt, von einer Stiftung als „Kulturkirche“ betrieben. Die Orgel aus dem Jahr 1964 ist seit längerem beschädigt, einige Orgelpfeifen sind wohl während des jahrelangen Leerstands der Kirche gestohlen worden. Jetzt hat der britisch-iranische Künstler Abbas Zahedi, Jahrgang 1984, im Zentrum des Kirchenschiffs eine zweite Orgel geschaffen: eine mehrteilige Installation, die alte Orgelpfeifen aus verschiedenen europäischen Kirchen arrangiert, darunter auch Pfeifen aus der St.-Nikolaus-Kirche in Kiew, die 2021 bei einem Brand zerstört wurde. Auf das Schweigen der alten Orgel, das Zahedi als Sinnbild des Verschwindens des Glaubens und der gemeinsamen Erfahrungen in unserer Gesellschaft versteht, setzt er seine neue Orgel entgegen. Aber es sind dumpfe, teils bedrohliche Klänge, die aus aus den im Raum verteilten Pfeifenbündeln dringen: Klagegesänge ausrangierter Klangkörper, deren steil aufragende Arrangements an Raketenwerfer erinnern.
Für drei der vier Gelsenkirchener Kirchen, die das Team der Manifesta ausgewählt hat, ist Gürsoy Doğtaş als Creative Director zuständig. Der Kunsthistoriker, der 1975 als Kind sogenannter Gastarbeiter aus Anatolien geboren wurde, konzentriert sich weitgehend auf das Thema Arbeitsmigration und will dabei deutlich machen, dass mit den Arbeitskräften auch Künstler ins Land kamen, teilweise auch in einer Doppelfunktion. Er benennt die drei Kirchen nach Symbolfiguren der türkischen Migranten wie Hava Gülec, die als Akkordarbeiterin in einer Gelsenkirchener Fabrik dafür bekannt war, dass sie die Nachbarschaft mit ihrer Fürsorge zusammenhielt. In der Thomaskirche fungiert sie als eine Art Schirmherrin für etwa zwanzig Künstler, deren Werke ausgestellt werden. Die Bandbreite ist enorm, die Vielseitigkeit ist faszinierend. Fatma Ceylan ist mit Textilarbeiten vertreten, Azade Kökers Arbeiten handeln von Gewalterfahrungen als sozialer Prägung des weiblichen Körpers, Ming Wong thematisiert Queerness in Form einer Collage von Plattencovern, auf denen er die Identität einer bekannten türkischen Sängerin annimmt. Neben etablierten sind auch nahezu unbekannte Künstler darunter, die achtzigjährige Atiye Altül beispielsweise ist erstmals in einer Ausstellung vertreten.
Gürsoy Doğtaş kennt nicht nur die Werke der Künstler, die er ausgewählt hat, oftmals kennt er auch ihre Lebensgeschichten. In mancher Hinsicht ähneln sie den Lebensgeschichten vieler Menschen, die nach wie vor in der Nachbarschaft der aufgegebenen Kirchen leben. Bislang haben die meisten von ihnen christliche Kirchen nicht als Orte betrachtet, die ihr Leben bereichern könnten. Wenn sich daran etwas ändern würde, hätte die Manifesta viel erreicht.

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