Lukas Rietzschel im Interview: „Die Ostdeutschen übersehen, dass sie auch ‚Wessis‘ sind“

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Lukas Rietzschel nimmt sich Zeit für Begegnungen. Ob wir uns nicht doch noch früher treffen wollten, dann hätten wir länger Zeit zu sprechen, fragt er noch vor unserem Spaziergang an der Elbe in Dresden. Und das, obwohl der 32 Jahre alte Schriftsteller gerade durch ganz Deutschland tourt. Der Erfolg seines jüngsten Romans „Sanditz“ über eine fiktive ostdeutsche Kleinstadt am Rande eines Tagebaus scheint nicht abzureißen. Rietzschels Lesung am Vortag musste in den Festsaal des Neuen Dresdner Rathauses verlegt werden, weil der Andrang so groß war.

Herr Rietzschel, die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse sagte im „Literarischen Quartett“, „Sanditz“ sei der große DDR-Roman, auf den wir seit Jahrzehnten gewartet hätten. Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Gesellschaftsromans?

Ich würde die These aufstellen, dass ich keinen großen DDR-Roman geschrieben habe. Wie auch in meinen anderen Büchern ging es darum, die Jetztzeit zu betrachten, eine Folie über das zu legen, was davor war, um das Jetzt besser zu verstehen, abgleichen und auch spiegeln zu können. Man kann „Sanditz“ eben nicht als den großen Gesellschaftsroman über den Osten lesen. Dafür ist er viel zu kleinteilig. Bei meinen anderen Büchern hatte ich oft damit zu kämpfen, dass sie als Lehrbücher gelesen wurden, auch wenn ich sie nie als solche geschrieben habe. Bei „Sanditz“ hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass es um den literarischen Wert des Textes ging, nicht mehr nur um seine politische Ausdeutung. Das tut Romanen ohnehin nicht sonderlich gut, dafür gibt es Sachbücher.

Sie wurden oft als Erklärer des Ostens ausgerufen – baut nicht auch darauf der Erfolg Ihrer Bücher auf?

Es ging mir nie darum, etwas zu erklären. Ich möchte etwas aufzeigen, beschreiben. Ich habe eine große Abneigung gegen Didaktik. Bücher, die mir etwas beibringen wollen, lege ich zur Seite. Auch ein Uwe Tellkamp setzt sich nicht an den Schreibtisch und sagt: Ich erkläre euch jetzt das Dresdner Bürgertum. An „Sanditz“ habe ich sechs Jahre lang gearbeitet – statt der knapp 500 waren es zwischendurch 800 Seiten Text. Ein unglaubliches Wühlen in mir, in meiner Familiengeschichte, in der Region.

Sie wurden 1994 in Räckelwitz im Landkreis Bautzen der sächsischen Oberlausitz geboren. Als Nachgeborener haben Sie die DDR selbst nicht erlebt. Sie waren darauf angewiesen, Ihre Familienmitglieder als Zeitzeugen zu befragen. Wie darf man sich das vorstellen?

In meiner Familie ist alles voll von Geschichten, die sich immer wieder erzählt werden. Was ich jedoch nicht erfahre, ist: Wie ging es ihnen damit, als sie ihre Erfahrungen gemacht haben, wie geht es ihnen heute? Ich sammle alles auf, höre zu. Das Schwierigste für mich ist jedoch, ein emotionales Verhältnis zu dem Erzählten herzustellen. Das bekomme ich aus meinen Eltern nicht heraus, da kann ich nur mutmaßen. Es hat etwas Unverhohlenes, diese Menschen nach einer Zeit zu befragen, bei der ich noch nicht dabei war. Ich habe das Gefühl, als würde mir das nicht immer zustehen, als wäre das Fragen eine Grenzüberschreitung. Und deshalb kann ich mich dem immer nur literarisch annähern.

Und wie sieht diese Annäherung aus?

Die größte Herausforderung beim Schreiben war für mich, die DDR nicht von dem Wissen aus zu denken, dass sie ein Ende fand. Auch nicht, wann und warum sie endete, sondern davon auszugehen, dass die Menschen dachten, es geht immer so weiter. Das ist ohnehin die Gefahr bei historischen Texten über die DDR: Man weiß um die neuralgischen Punkte, die man nachträglich sehr genau rekonstruieren kann. Oft wird die Romanhandlung um diese Punkte herumgebaut. Dann läuft irgendwo der Fernseher oder das Radio mit einer wichtigen politischen Ansprache. Das wollte ich nicht tun. Deshalb taucht in meinem letzten Roman die friedliche Revolution nicht auf. Das ist auserzählt, jeder hat diese Bilder im Kopf. Sie müssen literarisch nicht mehr hergestellt werden.

Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“dtv

Nicht nur die friedliche Revolution wird in Ihrem letzten Roman nicht erzählt, auch der Stasiapparat wird nicht in seinem gewaltigen Ausmaß beschrieben, er taucht nur am Rande auf.

Ein Henne-Ei-Problem. Wir wissen jetzt, dass die Stasi extrem präsent war, und glauben oft, dass sich das in den Texten widerspiegeln muss. Dadurch ergibt sich eine kognitive Dissonanz: Die Stasi war zwar präsent, aber nicht so erlebbar im Alltag. Und es war nun mal ihre Aufgabe, nicht permanent sichtbar zu sein. Erst mit der Besetzung der Stasizentralen wurde das Ausmaß des Sammelns offenkundig. Diese Säcke mit Akten in jeder Bezirkshauptstadt. Damals konnte man nicht wissen, dass an Computertechnologien gearbeitet wurde, um die Akten zu digitalisieren. Nachträglich wissen wir um ihre enorme Sichtbarkeit, was jedoch mit dem damaligen Alltagsempfinden der Menschen auseinanderfällt. Ich glaube, das ist der Grund, warum viele ehemalige DDR-Bürger so ein großes Problem damit haben, wenn immer von „Stasi-Staat“ die Rede ist. Das ist ohnehin ein Thema, wenn es um die DDR-Vergangenheit geht: dass viele Ostdeutsche das eigene Erleben permanent mit der Nachbetrachtung abgleichen müssen. Und eben auch zulassen, dass sich Nachgeborene wie ich das Recht herausnehmen, darüber erzählen zu wollen.

Wie kommt es, dass fast vierzig Jahre nach der Wende die Debatten über die Deutungshoheit der DDR noch so emotional geführt werden?

Natürlich könnte man jetzt tief einsteigen in Erklärungsversuche über die Nostalgie der Ostdeutschen. Ein einfacher Grund ist, dass die Bevölkerungszahl im Osten extrem geschrumpft ist. Es gibt dort ein absolutes Übergewicht an alten Menschen, die die DDR noch erlebt haben. Und es fehlt ein natürlicher Ausgleich zwischen den Generationen. Junge Stimmen, die dagegenhalten und sagen: Das sind unsere Themen. Auch die postmigrantischen Milieus sind rein statistisch betrachtet im Osten weniger vertreten. Der Diskurs wird also sehr homogen geführt – und ist damit auch rückwärtsgewandter. Der demographische Wandel ist ein riesiges Problem, denn er führt zu einer Entvölkerung. Fährt man im Osten durch bestimmte Regionen, bekommt man den Eindruck, dass sich eine Zivilisation langsam verabschiedet. Das kann auch etwas Schönes haben, wenn man merkt: Die Natur erobert sich den Raum zurück. Aber man muss sich vor Augen führen, dass im Osten insgesamt so viele Menschen leben wie zuletzt 1908.

Gleichzeitig kochen Konflikte zwischen den Schriftstellergenerationen hoch, die über die DDR schreiben. 2023 war etwa die Aufregung groß, als der Dresdner Ingo Schulze der Kollegin Charlotte Gneuß vorwarf, in ihrem Roman „Gittersee“ die DDR-Wirklichkeit nicht zutreffend beschrieben zu haben …

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Das war eine ganz unsägliche Diskussion. Ingo Schulze hat da deutlich seine Kompetenzen überschritten. Ich stelle in solchen Debatten eine Diskrepanz fest: Sobald der sogenannte Westen ins Spiel kommt, sind viele Ostdeutsche sehr darauf bedacht, zu sagen: Das kann man so nicht verallgemeinern! Sobald die Diskussionen jedoch von innen heraus geführt werden, erscheint „der Osten“ plötzlich als Monolith. Da wird dann schnell erwidert: So war das bei uns aber nicht! Da sind dann oft Beharrungskräfte im Spiel von Menschen, die an ihrem Bild der Vergangenheit festhalten wollen und die nicht bereit sind, es mit gegenwärtigen Stimmen abzugleichen.

Und von diesen Stimmen gibt es einige – in den letzten Jahren haben Bücher von Nachgeborenen, die über die DDR schreiben, Konjunktur.

Das liegt wiederum auch daran, dass es lange Zeit nach der Wende ein großes Unbehagen gab, wenn Menschen über die DDR geschrieben haben, die sie selbst erlebt haben. Der Westen hatte damit große Berührungsängste und Sorge vor einer Geschichtsverklärung.

Sie glauben, dass dieses Unbehagen gegenüber jüngeren Autoren, die sich mit der DDR auseinandersetzen, nun kleiner ist?

Ja, das ist meine These. Es ist doch auffällig, dass bis in die 2000er-Jahre hinein so gut wie alles an ostdeutscher Intelligenz verschwand. Es wurde nur noch sehr wenig verlegt und veröffentlicht – weil es diese große Sorge vor Geschichtsglättungen gab. Und so wurde es eher dankbar aufgenommen, dass nun die Nachgeborenen kamen. Sie nähern sich der DDR natürlich ganz anders, unbefangener.

Lukas Rietzschel in einem Altbau in GörlitzLukas Rietzschel in einem Altbau in GörlitzPicture Alliance

Sie fühlen sich mit Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands, sehr verbunden. Dort ist die AfD stärkste Kraft im Stadtrat. Es wird immer wieder behauptet, wie zuletzt von der Journalistin Jana Hensel in ihrem Buch „Es war einmal ein Land“, der Osten habe sich von der Demokratie verabschiedet, weil die AfD dort so viel Zuspruch bekommt. Wie sehen Sie das?

Es stimmt nicht, dass sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Diese Behauptung, nur an der Wahl der AfD festzumachen, reicht nicht, weil die grundsätzliche Zustimmung zur Demokratie als Staatsform ungebrochen hoch ist. Über alle Jahrzehnte hinweg. Dafür gibt es Statistiken. Natürlich schwankte das mal, jedoch hing das eher mit mangelndem Vertrauen in einzelne Institutionen zusammen, nicht mit der Demokratie als Staatsform. Auch wenn ich die AfD nicht gutheiße, muss man feststellen, dass mit dem Auftauchen der AfD die Wahlbeteiligung in Ostdeutschland gestiegen ist. Es wird oft ausgeklammert, das beides gelten kann: Du kannst diese Demokratie im Kern erhalten wollen und trotzdem die AfD wählen. Auch wenn es nicht ins Schema passt, wenn von Ostidentität und den angeblichen Demokratiedefiziten die Rede ist.

Spielt für Sie selbst eine ostdeutsche Identität überhaupt eine Rolle?

Ich bin Sachse, das ist völlig klar. Ich habe, um es mal zu überspitzen, mit den Menschen in Mecklenburg-Vorpommern wenig gemeinsam. Das sind andere Prägungen und Erfahrungen, und das ist auch gut so. Niemand käme auf die Idee, die Hamburger mit den Bayern zu vergleichen. Aber natürlich gibt es Momente, in denen sich die Ostdeutschen als eine Gruppe begreifen. Dabei übersehen sie jedoch, dass sie, mit Blick auf Osteuropa, auch „Wessis“ sind. Sie arbeiten sich zwar konsequent an Westdeutschland ab, vergessen jedoch, dass es östlich der Oder-Neiße-Grenze auch eine Transformation gab, die blutiger ablief als in Deutschland. Ich denke an all die Unabhängigkeitsbewegungen, die sich von der Sowjetunion loslösen wollten und dann von den Russen brutal niedergemetzelt wurden. Ob das in Litauen, Aserbaidschan, in Tschetschenien oder Georgien war. Das ist den Ostdeutschen erspart geblieben, und das sehen viele nicht, was eben auch eine eigenartige Westsicht ist. Sie sehen nicht, wie privilegiert sie waren. Dass sie eine Transformation durchleben durften, abgesichert durch westliches Geld, westliches Know-how und eben ohne Blutvergießen.

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