Nach der Verletzung von Noah Atubolu (22) muss Florian Müller (27) dem SC Freiburg im anspruchsvollen Saisonfinale Rückhalt verleihen. Wie Sportdirektor und Ex-Keeper Klemens Hartenbach den Ersatztorwart einschätzt und wo dessen SC-Saison 2020/21 als Stammkraft keine Orientierung sein sollte.

Handshake mit Trainer Julian Schuster: Florian Müller ging gegen Union für den verletzten Noah Atubolu ins Tor. IMAGO/Sportfoto Rudel
Es gibt Ersatztorhüter, die verfolgen eine ganze Bundesliga-Saison von der Bank aus, weil die Nummer 1 von Verletzungen, Sperren oder größere Schwächeperioden verschont bleibt. Freiburgs Florian Müller hat neben drei Einsätzen im DFB-Pokal aber auch schon vier Liga-Einsätze 2024/2025 in seiner Statistik stehen. Seit Dienstag ist klar: Es werden noch weitere hinzukommen.
Noah Atubolu, der auch im deutschen U-21-Nationalteam Stammkeeper ist und mit den DFB-Junioren im Juni seine zweite EM-Endrunde spielen will, fällt wegen einer Kapselverletzung in der linken Schulter "bis auf Weiteres aus", wie der SC vermeldete. Aus diesem Grund musste Müller schon am Sonntag beim 1:2 gegen Union Berlin nach einer knappen Stunde aufs Feld. Müller kassierte kein Gegentor mehr, die SC-Profis konnten das Spiel aber nicht mehr drehen.
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So stand die bisher dritte Liga-Niederlage dieser Saison, bei der Müller zum Einsatz kam. Zum Saisonstart, als Atubolu wegen einer Blinddarm-OP zwei Partien aussetzen musste, hatte Müller allerdings vor dem 0:2 in München mit einer stabilen Leistung auch seinen Teil zum eindrucksvollen 3:1-Sieg gegen Stuttgart beigetragen.
Bisher sieben Einsätze - nur ein schwächerer Auftritt
Bei seinen sieben Saisoneinsätzen zeigte er lediglich beim 0:4 im Rückspiel bei seinem Ex-Klub Stuttgart einen schwächeren Auftritt (kicker-Note 4,0), als die gesamte Mannschaft während einer kurzen krankheitsbedingten Pause Atubolus enttäuschte. Beim bitteren Pokal-Aus bei Drittligist Bielefeld (1:3) war er bei den ersten beiden Gegentoren machtlos und musste nach einem Kopftreffer zur Pause in der Kabine bleiben.
Ab jetzt wird es auch auf Müller ankommen, ob der SC im herausfordernden Saisonfinale nach zuletzt vier Spielen ohne Sieg seine Europacup-Ambitionen untermauern kann oder nach Wochen in den Top 6 abrutschen wird. Fünf der verbleibenden sieben Gegner konkurrieren mit Freiburg um die begehrten Europacup-Tickets, von denen nach dem Bielefelder Finaleinzug im DFB-Pokal womöglich über die Liga nur sechs vergeben werden.
Den Auftakt in die knackigen Freiburger Prüfungswochen bildet am Samstag ein Heimspiel gegen Dortmund, in dem man den BVB mit einem Sieg auf sieben Punkte distanzieren könnte, ihn bei einer Niederlage aber auf einen Punkt heranrücken lassen müsste. Keine einfache Situation für Müller, jetzt Atubolu zu ersetzen, der zuletzt mit 609 Minuten ohne Gegentor einen neuen Freiburger Vereinsrekord aufstellte und mit zehn weißen Westen in dieser Saison auf Platz drei hinter Manuel Neuer (11) und Peter Gulacsi (13) liegt.
Hartenbachs Gefühl - und worauf es ankommen wird
"Zunächst ist es natürlich schade für Noah, der eine starke Saison spielt", sagt Klemens Hartenbach, betont aber zugleich in Richtung Müller: "Ich habe ein total gutes Gefühl und wir haben vollstes Vertrauen in Flo. Im zweiten Jahr als Ersatztorwart in einer entscheidenden Phase zu spielen, ist auch eine Chance für ihn."
Sportdirektor Hartenbach war früher selbst Torwart und will Müller mit seinem guten Gefühl aber auch nicht zu sehr unter Druck setzen: "Neben der Tatsache, dass jeder auch ein bisschen Spielglück gebrauchen kann, wird wichtig sein, dass er seine richtig guten Basics, die er bei uns jeden Tag im Training zeigt, relativ unaufgeregt auf den Platz bringt." Die Chance darauf stehen gut laut Hartenbach: "Er ist erfahren genug und aus dem Alter raus, bei der ersten Flanke gleich rausrennen und es allen mit einem abgefangenen Ball zeigen zu wollen. Ich sehe bei ihm nicht die Gefahr, zu überpacen."
Müller sei ein sachlicher Typ im Torwartspiel. Das hat er auch schon mal eine ganze Saison als Stammkraft im SC-Trikot bewiesen. 2020/21 war er als Leihgabe von Mainz 05 kurzfristig für den später sehr starken, damals aber verletzt fehlenden Mark Flekken eingesprungen. 31 Ligaeinsätze bestritt er damals und bekam nur dreimal eine schlechtere kicker-Note als 3,5. Spiele, in denen der SC vor allem dank seiner Leistungen Punkte einfuhr, wie beim 2:1-Heimsieg gegen Stuttgart (Note 1,0), kamen allerdings auch eher selten vor.
Müller: Mit dem SC zweimal Zehnter, in Stuttgart Stammplatz eingebüßt
Dennoch: Müller spielte seinerzeit eine stabile und verlässliche Saison. "Er hat in seinem Spiel relativ wenige Ausschläge, nach oben, wie nach unten", sagt Hartenbach und will die damalige Saison mit Müller im Tor insgesamt aber nicht zum Vorbild nehmen. Der SC, dessen damaliger Kader in Gänze qualitativ deutlich schwächer aufgestellt war als der aktuelle, wurde mit 45 Punkten Zehnter. "Das sollte keine Orientierung sein", sagt Hartenbach mit einem Lachen, nachdem der SC auch in der vergangenen Saison am letzten Spieltag noch aus den Europacup-Rängen auf Platz zehn zurückgefallen war.
Auf einen Platz-10-Hattrick will auch Müller sicher gerne verzichten. Dennoch sollte er lieber an seine Leistungen im SC-Trikot anknüpfen, 2020/21 wie in dieser Spielzeit, und eher nicht an die Auftritte von 2021 bis 2023 beim VfB Stuttgart. Als Stammkeeper hatte er bei den Schwaben auch durch immer wieder auftretende Wackler nicht dauerhaft überzeugen können und nach gut eineinhalb Jahren seinen Platz im Tor an Fabian Bredlow verloren.
Aber auch diese Erfahrungen dürften wertvoll gewesen sein für die Entwicklung Müllers, der schon auf 126 Bundesliga-Einsätze zurückblicken kann und 2021 in Japan auch das Tor der deutschen Olympia-Auswahl hütete. Jetzt ist er im Kampf um die Europacup-Tickets gefordert, in dem der SC als Siebter mit 42 Punkten noch alle Chancen besitzt.
Carsten Schröter-Lorenz