Lídia Jorge 80: Eine Spionin der Geschichte

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Es beginnt auf dem Dorf: 1946 wird Lídia Jorge in der Algarve, im kleinen Ort Boliqueime geboren. Sie wächst dort als Einzelkind bei der Mutter auf, die männlichen Familienangehörigen sind sämtlich ins Ausland abgewandert. In den frühen Sechzigerjahren wird sie dann in Lissabon an der Universität Romanische Philologie studieren – und später auch selbst dort unterrichten.

Die Lebensformen der ländlichen Welt, die Landflucht, die von der Moderne oft noch ganz unberührten Vorstellungswelten der ärmlichen Bevölkerung –all das war eine frühe, tiefe Prägung und lieferte Stoff für den ersten Roman, „Der Tag der Wunder“ (1980), in dem die Distanz von der modernen Welt auch durch den Stil einer mündlichen Redeweise und durch Bilder eines magischen Realismus zum Ausdruck kommt. Nicht zufällig hat sich Lídia Jorge dazu bekannt, wie sehr sie hier durch das Modell der lateinamerikanischen Literatur (vor allem Juan Rulfos „Pedro Páramo“) inspiriert war.

Alles würde sich ändern, sagte der Soldat

Wie ein kaum glaubliches Wunder werden in der bäuerlichen Welt des fiktiven Ortes Vilamaninhos die Nachrichten aus dem fernen Lissabon erfahren, am Tag des 25. April 1974, dem Tag der Nelkenrevolution, an dem der portugiesischen Diktatur des Estado Novo ganz ohne Gewalt das Ende bereitet wurde. Das epochemachende Ereignis auf den Straßen der Hauptstadt sollte auch auf dem Land bekannt gemacht werden, und so spricht denn im Roman ein fescher Soldat vom gepanzerten Wagen herab zur Dorfbevölkerung: „Er sagte Dinge. Dass er eine Re-vo-lu-tion gemacht habe und daß sie Mut fassen sollten. Denn alles. Alles. Und er öffnete die Arme wie der Erlöser. Alles würde sich ändern. […] Und niemand war in der Lage, auch nur das Geringste zu sagen, so sehr hatten sie die Überraschung und das Wunder gefangengenommen.“  Mit diesen Worten, die das Aufeinandertreffen zweier Welten zwischen Sprache und Sprachlosigkeit ausdrücken, wird unmittelbar deutlich, wie das Ereignis der Revolution die Hoffnung auf Befreiung und zugleich die Desillusion in sich trägt.

Diese ambivalente Erfahrung der Nelkenrevolution und der Niedergang des portugiesischen Imperiums sind Schlüsselereignisse für Lídia Jorge, die in den frühen Siebzigerjahren an der Seite ihres ersten Mannes, eines Offiziers der Luftwaffe, den Kolonialkrieg in Angola und Mozambik erlebte, wo sie als Lehrerin arbeitete, bevor sie nach der Revolution nach Lissabon zurückkehrte, wo sie ebenfalls zunächst in diesem Beruf tätig war. Die Erfahrung von Kolonialregime und -krieg in Mosambik bearbeitete sie vor allem in „Die Küste des Raunens“ (1988), ihrem wohl bekanntesten Roman. Die jüngere, traumatische Geschichte des Landes aus randständigen oder ungewöhnlichen Perspektiven zu schildern, das war auch das Projekt ihrer männlichen Kollegen José Saramago (1922 bis 2019) und António Lobo Antunes (1942 bis 2026), in deren Windschatten ihr Werk lange stand.

Typographische Fragmentierung und kollektiver Bewusstseinsstrom

Lídia Jorges Romane sind formal und sprachlich nicht innovativ-obsessiv wie diejenigen von Antunes, nicht postmodern konstruiert wie diejenigen des Nobelpreisträgers Saramago. Zum einen zeichnen sich Jorges Werke oft durch einen Fokus auf weibliche Erfahrungswelten aus, womit sie eine entschieden andere Perspektive auf die Ereignisse richten (vor allem „Die Küste des Raunens“) und wodurch Jorge an Vorbilder von Autorinnen aus den Fünfzigerjahren anknüpft, die auf der iberischen Halbinsel unter schwierigen politischen Bedingungen schrieben: Agustina Bessa-Luís aus Portugal, Carmen Laforet aus Spanien.

Zum anderen sind ihre Bücher Momentaufnahmen der diversen gesellschaftlichen Umbrüche in Portugal, in denen sie im Rahmen dessen, was auf den ersten Blick wie literarischer Realismus wirkt, teilweise durchaus modernistische Techniken anwendet (Ellipsen, typographische Fragmentierung und kollektiver Bewusstseinsstrom in „Der Tag der Wunder“). Dabei werden die Jahre der Salazar-Diktatur ebenso beleuchtet („Die Decke des Soldaten“, 1998) wie das arm gewordene Portugal der späten Achtziger („Paradies ohne Grenzen“, 1995), oft anhand des Beispiels der Geschichte eines Hauses, einer Familie oder Generation.

Der andere Blick auf die Geschichte

Zum Thema der Nelkenrevolution kehrte Lídia Jorge noch einmal in ihrem Roman „Die Stunde der Nelken“ zurück, der 2014 im Original erschien und im vergangenen Frühjahr auf Deutsch. Darin konfrontiert die in den Vereinigten Staaten lebende Journalistin Ana Maria Machado im Rahmen der Arbeit an einem Fernseh-Dokumentarfilm ihren Vater und andere an den damaligen Ereignissen beteiligte Personen mit der Vergangenheit. Im Original heißt der Titel „Os memoráveis“, die Erinnerungswürdigen, die Unvergesslichen – die eigenen Erinnerungen der einstigen Aufständischen stimmen mit der offiziell überlieferten Geschichte dabei nicht überein. Es ist dieser andere Blick auf die Geschichte als Aufgabe des Romans, den die Autorin für sich in Anspruch nimmt, ganz ausdrücklich in ihrem jüngsten Roman „Erbarmen“, einem sehr persönlichen Buch, in dem sie erzählerisch die Perspektive ihrer im Pflegeheim befindlichen Mutter annimmt.

Konfrontiert mit dem etwas einfältigen Literaturverständnis der Mutter – die Tochter solle doch bitte schön mal über die großen Gestalten der Gegenwartsgeschichte schreiben und nicht immer über „das Leben der Elenden“ – antwortet selbige: „Mutter, ich kann nicht positiv auf Deine Vorschläge reagieren. Weißt Du, warum? Weil ich mich nicht an den Tisch derer setze, die Geschichte machen. Selbst wenn ich mich diesem Tisch nähere, tue ich es, um mich darunter zu setzen, […]. Dort befindet sich deine Tochter, versteckt unter dem Tisch lauschend. Eine Spionin der Geschichte, mehr nicht.“ Auf dem Tisch zünden wir eine Kerze an und gratulieren Lídia Jorge, die am heutigen Donnerstag achtzig Jahre alt wird, herzlich zu ihrem Geburtstag.

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