Leica Leitzphone und Xiaomi 17 Ultra: Das neue deutsche Vorzeige-Smartphone kommt aus China

vor 18 Stunden 1

Leica klingt luxuriös. Davon profitiert Xiaomi seit Jahren. Der chinesische Handyhersteller nutzt Know-how und Nimbus der deutschen Kameramarke geschickt aus, um Modelle wie das Xiaomi 13 Pro (hier unser Testbericht) und das Xiaomi 14 Ultra (hier unser Testbericht) aufzuwerten. Auch auf der Kamera des Xiaomi 17 Ultra, das das Unternehmen am Samstag auf dem Mobile World Congress vorgestellt hat, prangt ein Leica-Schriftzug.

 Auf dem Xiaomi-Handy gibt es das nicht

Leica-Logo: Auf dem Xiaomi-Handy gibt es das nicht

Foto:

Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Doch mit dem neuen Modell beginnt auch ein Know-how-Transfer in die andere Richtung: Leica selbst bietet es in einer eigenen Version an, ein paar Hundert Euro teurer als die Xiaomi-Variante, dafür aber auch mit ein paar Leica-Extras.

Aus dem Leitz Phone wird das Leitzphone

Die Idee, ein Smartphone unter der Marke Leica zu vermarkten, ist nicht neu. Der legendäre Kamerahersteller aus Wetzlar hilft Handyherstellern schon seit gut zehn Jahren mit seinem Wissen aus. Anfangs arbeitete das Unternehmen noch mit Huawei zusammen und half etwa bei der Kameraentwicklung für das P9 (hier unser Testbericht). Die US-Sanktionen gegen den chinesischen Konzern machten der Zusammenarbeit allerdings ein Ende und Xiaomi sprang als neuer Partner auf.

Aber auch Leica selbst ist längst unter die Smartphone-Anbieter gegangen. In Kooperation mit Sharp vermarktet das Traditionsunternehmen seit fünf Jahren Leica-Handys. Die Geräte mit der Bezeichnung »Leitz Phone« wurden allerdings nur in Japan angeboten. Für die Manager aus Wetzlar war das Gerät offensichtlich ein lang angelegter Test, ob so etwas funktionieren könnte. Mit dem Ergebnis war man schließlich so zufrieden, dass CEO Matthias Harsch im vergangenen Sommer ein Smartphone für den europäischen Markt ankündigte. Auf dem Mobile World Congress in Barcelona wurde es nun offiziell angekündigt und heißt – man beachte den feinen Unterschied: »Leitzphone«.

 Ans Kameradesign angelehnter Look

Gerändelter Metallrahmen: Ans Kameradesign angelehnter Look

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

One size fits all

Dabei macht es das Unternehmen seinen Kunden leicht: Das Leitzphone gibt es nur in einer Ausstattung und einem Farbton zu einem Preis. Wer bereit ist, die geforderten 2000 Euro auszugeben, bekommt dafür ein Gerät mit Topausstattung. Dazu zählen ein aktueller Snapdragon-8-Elite-Gen-5-Chip von Qualcomm, 16 Gigabyte Arbeitsspeicher und ein Terabyte Speicherplatz. Die Rückseite aus Glasfaser-Werkstoff und der im Leica-Look gerändelte Metallrahmen sorgen für einen edlen Eindruck.

Das alles ist allerdings nicht dem Leitzphone allein vorbehalten. Das Leica-Smartphone ist nicht nur »powered by Xiaomi«, wie es von Leica heißt, es ist ein Xiaomi. Bis auf einige Eigenschaften der Kamera-App und ein paar feine Extras entspricht Leicas neues Smartphone exakt dem Xiaomi 17 Ultra, das der chinesische Hersteller zeitgleich in Barcelona vorgestellt hat. Ein subtiler Unterschied: Der Leica-Schriftzug auf der Kamera ist beim Xiaomi um 90 Grad gedreht. Ein weniger subtiler: Das 17 Ultra gibt es ab 1500 Euro, dann aber mit nur 512 GB Speicherplatz. Die Variante mit einem Terabyte kostet bei Xiaomi 1700 Euro.

 Erkennen Sie den Unterschied?

Leica Leitzphone (rechts) und Xiaomi 17 Ultra: Erkennen Sie den Unterschied?

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Das gibt’s nur beim Leica

Für die 300 Euro Aufpreis bekommt man bei Leica etwas Zubehör: Ein Case aus Leder, das in ähnlicher Ausführung fürs iPhone 17 Pro 95 Euro kostet, eine knallrote Kameraschlaufe und ein hochwertiges Mikrofasertuch. Auch das prestigeträchtige rote Leica-Logo auf der Rückseite ist dem Leitzphone vorbehalten. Als pseudo-analoges Extra verfügt das Leitzphone über einen Kameraring, mit dem man etwa die Belichtung oder Verschlusszeit steuern oder einfach zoomen kann. Hobbyfotografen, die noch mit einer echten Kamera, womöglich einer Leica, knipsen, werden darauf abfahren, sie sind diese Art der Bedienung gewöhnt. Ich selbst habe den Ring zwar ausprobiert, meist aber die Bedienelemente auf dem Bildschirm benutzt. Ich bin mittlerweile eben ein typischer Smartphone-Fotograf.

 Ein Fest für Hobbyfotografen

Kameraring in Nahaufnahme: Ein Fest für Hobbyfotografen

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Bis auf den Kameraring sind die Kameras von Xiaomi 17 Ultra und Leica Leitzphone aber identisch. Die Frontkamera sowie die Ultraweitwinkelkamera haben jeweils 50 Megapixel. Die Hauptkamera ist mit einem großen 1-Zoll-Fotosensor bestückt. Xiaomi schwärmt, er habe eine besonders hohe »Full-Well-Kapazität«. Wenn Sie den Begriff nicht googeln möchten: Er besagt hier, dass der Chip sehr viel Licht aufnehmen kann, also auch in schummriger Umgebung gut funktioniert. Beim nächtlichen Test in London hat er nicht enttäuscht (siehe Testfotos).

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Flankiert wird er von einem 200-Megapixel-Sensor in der Telekamera, deren optischer Zoom bis zum Faktor 4,3 reicht, aber auch bis zum Vierfachen davon ordentliche Bilder liefert. Geht man darüber hinaus, beginnt die wundersame Welt der Bildverbesserung mit Algorithmen und KI. Beide Smartphones erlauben einen 120-fachen Zoom, was angesichts der kleinen Linsen absurd wirkt. Die Resultate sind aber brauchbar, wenn auch nicht ansehnlich. Wenn man eine ruhige Hand hat, klappt das auch bei Nacht.

 Links im Bild ist eine Aufnahme mit 120-fachem Zoom eingefügt

London bei Nacht: Links im Bild ist eine Aufnahme mit 120-fachem Zoom eingefügt

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Während das Xiaomi und das Leica hier übereinstimmende Ergebnisse liefern, gibt es ein paar fotografische Feinheiten, die dem Leitzphone vorbehalten sind. Dazu zählen eine Handvoll Bokeh-Simulationen, die den Hintergrund von Smartphone-Aufnahmen auf ähnlich sanfte Weise unscharf zeichnen, wie es gute Objektive tun, um das Motiv zu betonen. Überdies liefert Leica 13 sogenannte Leica-Looks mit, die die typischen Merkmale bestimmter Kombinationen analoger Leica-Kameras mit bestimmten Objektiven nachahmen sollen. Das ist insofern kurios, als das Unternehmen eine App namens Leica LUX anbietet, die denselben Effekt erzeugt. Allerdings nur für iPhones (Download im App Store ). Im direkten Vergleich sind die Ergebnisse einander verblüffend ähnlich.

 Links mit der Leica-Lux-App aufgenommen, rechts mit dem Leica-Leitzphone
 Links mit der Leica-Lux-App aufgenommen, rechts mit dem Leica-Leitzphone

Da haben wir den Salat: Links mit der Leica-Lux-App aufgenommen, rechts mit dem Leica-Leitzphone

Können wir mal telefonieren?

Bei all den Foto-Extras vergisst man fast, dass die beiden Geräte eigentlich Smartphones sind. Den Preisen entsprechend sind sie mit 6,9 Zoll großen hochauflösenden OLED-Bildschirmen bestückt, die mit bis zu einer Helligkeit von 3500 Nits tapfer gegen die Sonne ankämpfen. Die Bildwiederholrate wird je nachdem, welche Art von App man gerade nutzt, dynamisch zwischen 1 und 120 Bildern pro Sekunde geregelt. Das ist angenehm für die Augen und schont den Akku.

Der wiederum ist mit einer Kapazität von 6000 Milliamperestunden (mAh) recht groß und lässt sich – ein entsprechendes Netzteil vorausgesetzt – mit einer Leistung von bis zu 90 Watt per Kabel und bis zu 50 Watt kabellos aufladen. Während der rund zweiwöchigen Testphase war das allerdings erfreulich selten nötig. Beide Modelle sind auch bei regelmäßiger Nutzung ausgesprochen ausdauernd, halten lässig einen Tag durch, manchmal auch zwei. Wenn man zwei von diesen Smartphones parallel benutzt, sowieso.

 Weit entfernt von Googles Standards

Startbildschirme von Leitzphone (links) und Xiaomi 17 Ultra: Weit entfernt von Googles Standards

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Als Betriebssystem ist Xiaomis Variante von Android 16 installiert, die als HyperOS 3.0 bezeichnet wird. Das bedeutet zum einen, dass der Look recht wenig mit dem Aussehen eines Standard-Android von Google zu tun hat und stark modifizierbar ist, wenn man das gern möchte. Zum anderen bringt es einige App-Dopplungen mit sich. So installiert Xiaomi neben Googles Play Store auch seine App Mall, neben Google Fotos seine Galerie und neben Googles Chrome den MI-Browser. Wer sich für eine der beiden Welten entscheiden mag, kann durch das Löschen von App-Dopplungen viel Platz schaffen.

Und ja, natürlich kann man damit auch telefonieren.

Hallo Apple!

Viel spannender als das Telefonieren ist jedoch, wie sich Xiaomi an Apple ranmacht. Offenbar sieht das Unternehmen einen Bedarf dafür, es seinen Smartphone-Nutzern leicht zu machen, Apple-Produkte zu nutzen. Mithilfe der App Xiaomi-Interkonnektivität lassen sich Macs und iPhones eng mit den chinesischen Handys verzahnen. So kann man etwa kabellos Fotos vom iPhone zum Xiaomi senden, oder mit dem iPhone sein verlorenes Xiaomi suchen. Am Mac lässt sich gar der Bildschirm des Smartphones spiegeln und per Maus fernbedienen. Einige Xiaomi-Apps, etwa die Fotogalerie, kann man wie Mac-Apps in eigenen Fenstern nutzen. Wer mag, kann sein Xiaomi mit dem Fingerabdrucksensor des Macs entsperren. Im Test funktionierte allerdings nicht alles immer so, wie versprochen, die Übersetzungen ließen zu wünschen übrig und an vielen Stellen waren Hinweise noch auf Chinesisch beschriftet.

 Das Unternehmen will sich offenbar bei Apple-Fans beliebt machen

Xiaomi-Smartphone auf Mac-Desktop: Das Unternehmen will sich offenbar bei Apple-Fans beliebt machen

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Für Ende März hat das Unternehmen ein Softwareupdate versprochen, das AirPods auf seinen Geräten einbinden soll, wie auf einem iPhone. Dazu gehört, dass man Apples Kopfhörer ohne Umweg über die Systemeinstellungen mit Xiaomi-Handys koppeln, deren räumlichen Sound nutzen und den Akkustand prüfen können soll. Der Wunsch nach AirPods, so das klare Signal, soll keinen Apple-Fan davon abhalten, ein Xiaomi-Smartphone anzuschaffen.

Fazit

Das Fotografieren mit einem Smartphone hat selten so viel Spaß gemacht wie mit dem Leitzphone. Wer mehr vom Fotografieren versteht als ich und die »Pro«-Funktionen ausschöpfen kann, wird vermutlich noch mehr herausholen können, aber auch in den automatischen Modi ist die Qualität der Bilder beeindruckend gut.

Ob die zusätzlichen Leica-Looks, das mitgelieferte Zubehör und die Marke 300 Euro Aufpreis gegenüber dem Xiaomi-17 Ultra wert sind, müssen die Kunden für sich entscheiden. Ich vermute, dass viele Leica-Fans nicht lange zögern werden, wenn im Leica-Laden neben Kameras und Objektiven aus Wetzlar auch ein Leitzphone in der Auslage liegt. Das ist zwar Made in China, aber das rote Logo kommt aus Wetzlar.

Xiaomi macht es Interessentinnen und Interessenten leichter und bunter, bietet das 17 Ultra außer in Schwarz auch in Weiß und Metallicgrün und vor allem, mit weniger Speicher, zu Preisen ab 1500 Euro an.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

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