Künstlerin VALIE EXPORT: Wider die Genitalpanik

vor 2 Stunden 1

Es ist eine doppelte Ungerechtigkeit: Nicht nur fehlt die bedeutendste österreichische Künstlerin neben Maria Lassnig, VALIE EXPORT, schon jetzt. Ebenso wird sie auch in der Welt der Nachrufe bereits jetzt auf nur drei skandalumwitterte Aktionen der Sechziger gestutzt, als hätte sie die restlichen sechzig Jahre nicht noch Wesentliches beigetragen zu einer weiblicheren Kunst, die für sie jedes Mal auch ein kleiner, aber entscheidender Schritt hin zur Emanzipation und weg von der Degradierung der Frau zum Lustobjekt war, die sie lustvoll und nie zimperlich bekämpfte.

Ihre Trias der Schockaktionen begann wie bei vielen anderen Künstlerinnen auch 1968/69. Zuerst drehte sie den „Die Frau als Schoßhündchen des Mannes“-Spieß um und trieb ihren damaligen Partner und nachmaligen ZKM-Direktor Peter Weibel auf allen vieren wie einen Hund an der Leine durch Wiens Zentrum. Im selben Jahr schnürte sie sich einen Kasten vor die nackte Brust und nannte es ihr „Tapp und Tastkino“. Wiener Passanten durften durch einen Vorhang in den Kasten greifen und ihren Busen ertasten – gestandene Mannsbilder und Senioren regredierten in Sekunden zu Kleinkindern, die Mutterns Brust als Quell ihres Lebens wieder sorgsamer achteten. Als dritter radikaler Ermächtigungsakt folgte ein Jahr später „Genitalpanik“, das Hineinschneien in ein Münchner Kino mit einer am Schritt aufgeschnittenen Hose, was bei den männlichen Filmfestivalbesuchern jene Panik auslöste, die sie im Titel vorwegahnte. Dass sie dabei im Grunde Gustave Courbets von ihr zeitlebens innig geliebtes Bild „Der Ursprung der Welt“ cinematographisch genial zum Laufen brachte, wurde bis heute nicht erkannt.

In Frankfurt fand eine von VALIE EXPORTS ikonischsten Aktionen statt

Am 2. Juli 1970 ließ sich die Künstlerin in Frankfurt öffentlich ein Strumpfband als Fetisch männlicher Sexualphantasien tätowieren. Für sie war das – Schrecken mit Schrecken bekämpfen – ein Abstreifen des Stempels „einer Versklavung“, einer „nicht selbstbestimmten Weiblichkeit“. Ihre vielen der Konzeptkunst nahestehenden Aktionen und Performances bereitete sie sorgfältig in Zeichnungen und genauen Beschreibungen vor, so beispielsweise das „Sehtext-Fingergedicht“, bei der EXPORT einen Satz des Philosophen Martin Heideggers als Video-Foto-Poem in Gebärdensprache nachbildete und das heute im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt wird.

 Valie Exports Arbeit „Body Sign Action“ aus dem Jahr 1970 bringt auf den Tintenpunkt, was aktuell die Tattoo-Ausstellung „Unter die Haut“ in den Opelvillen Rüsselsheim zum Thema macht.Provokation, Kunst, Ritual: Valie Exports Arbeit „Body Sign Action“ aus dem Jahr 1970 bringt auf den Tintenpunkt, was aktuell die Tattoo-Ausstellung „Unter die Haut“ in den Opelvillen Rüsselsheim zum Thema macht.VALIE EXPORT & VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Frank Möllenberg

Schon das Schnitzen ihres Künstlernamens in den Sechzigern, als dies zumal für Frauen noch keinesfalls gängig schien, war kunstvoll. Aus dem Geburtsnamen von 1940, Waltraud Lehner, wurde eine Kombination aus Linzer Amazone mit unverwechselbarem Markencharakter (der selbstbewusst in Versalien zu schreiben sei): Das brave „Waltraut“ mutierte zu „VALIE“, worin für alpine Ohren stets etwas der legendär freien Filmfigur „Geierwally“ mitklingt, den Nachnamen „EXPORT“ entlehnte sie der damals noch Freiheit versprechenden Zigarettenmarke „Smart Export“, wobei automatisch noch das Clevere als Attribut des verruchten Rauchens wie bei den männlichen Kollegen mitschwang. Ihr „Kryptoporträt“ der transformierten Zigarettenmarke jedenfalls wird heute ebenfalls zu Recht im MoMA als Ikone präsentiert.

In „Remote, Remote“ von 1973, einem ihrer vielen berührenden Filme („Unsichtbare Gegner“ von 1977, „Menschenfrauen“ von 1980 oder „Die Praxis der Liebe“ von 1985, die auf Filmfestivals Preise gewannen, gehören genauso integral dazu) schnitt sie sich vor dem Polizeifoto zweier von ihren Eltern missbrauchter Kinder qualvoll in ihre Fingernagelhaut, bis Blut in eine Schüssel Milch im Schoß tropfte. Obwohl diese bildliche Fusion einer christlichen Maria lactans und einer Schmerzensreichen Muttergottes parallel zum Wiener Aktionismus lief, war ihr das Frauenbild dieser Künstler deutlich zu verstaubt. Sie stieß nie zu der Gruppe.

Auf der Biennale in Venedig rückte sie 2007 wieder ins Scheinwerferlicht. Mit einer Kamera im Rachen rezitierte sie ein Gedicht über die Stimme. In ihrem Einreißen der Grenzen zwischen Kunst und Alltagswirklichkeit verstummte sie nie. Vor gesellschaftlichen Rückschritten wie in den Trump-USA mahnte sie bis zuletzt zu äußerster Wachsamkeit. Nun ist die kühne An- und Aufregerin im Alter von 85 Jahren gestorben. Ihr Tattoo wird wohl auch über den Wolken für Zündstoff sorgen.

Gesamten Artikel lesen