In den Romanen von Jérôme Leroy hat sich seit „Der Block“ (2017) über die Jahre eine beunruhigende Parallelwelt herausgebildet. Vielleicht ist sie sogar so etwas wie ein Labor der Zukunft. Der Front National ist hier der Patriotische Block, die Ideologie ist die gleiche, es gibt fragile Allianzen, einen sogenannten tiefen Staat und eine beständige Erosion der französischen Gesellschaft. Man fragt sich bei Leroys Büchern, ob er mehr weiß oder ob seine Phantasie so exakt ist, dass sich ihre prognostischen Qualitäten früher erweisen werden, als wir uns vorstellen mögen.
„Die kleine Faschistin“ (Nautilus, 152 S., br., 18,– €) schreibt diese imaginäre Chronik der Rechtsverschiebung fort. Die junge Francesca lebt in Nordfrankreich, nahe der belgischen Grenze, der bewunderte Bruder war in einem identitären Schlägertrupp, sie ist rechts, smart und belesen. „Der Verrückte“, wie sie den Präsidenten nennen, löst immer wieder die Nationalversammlung auf, der Block profitiert und träumt von der Macht im Élysée-Palast. Ein Mitte-links-Politiker soll zum Heilsbringer werden.
Das Buch enthält etliche seifig-kitschige Passagen
Ein Killer versucht, ihn gleich zu Anfang umzulegen, er irrt sich im Haus und richtet ein Blutbad an. So finden bei Leroy Politik und Noir zusammen. Eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte wird dazukommen – und Frankreich auch nicht retten. All das wird in diesem schlanken Format, das Leroy so gut beherrscht, schnörkellos erzählt. Und es ist kein Spoiler, wenn man den ersten Satz des Romans zitiert: „Der Erzähler möchte sich hiermit nicht anmaßen zu behaupten, die Bonneval-Affäre allein habe zum Sturz unserer Republik geführt. Gleichwohl hat sie dazu bei getragen.“
Ein anderes literarisches Frankreich verkörpert Guillaume Musso, der laut Verlag „meistgelesene Autor“ in seiner Heimat. „Die fremde Frau“ (Piper, 336 S., br., 18,– €) ist ziemlich verschnörkelt, das Buch enthält etliche seifig-kitschige Passagen, die man nicht allein der deutschen Übersetzung anlasten sollte, und als Kapitelmottos viele Angeberzitate von Kundera bis Valéry, von Camus bis Lacan, wobei ein Bezug sich nicht immer erschließen will.
An unwahrscheinlichen Wendungen und Einfällen fehlt es nicht
Eine reiche Erbin wird tot auf ihrer Luxusyacht vor Cannes aufgefunden. Aus vier verschiedenen Perspektiven entfaltet Musso, was passiert ist. Oder passiert sein könnte. Wir schauen durch die Augen einer Polizistin, des Mannes der Ermordeten, der wie ein Richard Clayderman des Jazz wirkt, und seiner Geliebten, dazu teilen wir in Rückblenden den Blick der Erbin aufs Geschehen. An unwahrscheinlichen Wendungen und Einfällen fehlt es nicht. Ein ehemaliger Rotbrigadist mit deutschen Wurzeln und französischem Wohnsitz kommt ins Spiel, auch ein fieses Trauma, doch die bizarrste Pirouette besteht darin, die diversen offenen Fragen mithilfe einer DIS, einer dissoziativen Identitätsstörung, aufzulösen.
Skandinavisch nüchtern gehen es Jacob Weinreich und Lars Findsen an. Letzterer ist der ehemalige Chef des dänischen Geheimdienstes, er saß 2021 im Gefängnis wegen angeblichen Geheimnisverrats und wurde nach seiner Rehabilitation zum Ko-Autor von „Dunkelmann“ (Scherz, 480 S., br., 18,– €). Es ist davon auszugehen, dass er weiß, wovon er spricht. Sein Kompagnon weiß, wie man schreibt. Der Roman heißt, wenn man den Originaltitel übersetzt, „Schatten auf der Seidenstraße“, das weist sofort in Richtung China. Und der Chinese, der hier mit falscher Identität in einer Handelsdelegation nach Kopenhagen reisen will, blickt in Wahrheit in Richtung Grönland.
Das gibt dem Buch, das schon vor zwei Jahren in Dänemark erschienen ist, einen speziellen Twist. Die Geheimdienstler können sich hier noch amüsieren, dass Trump Grönland habe kaufen wollen, „als wäre es eine Zweizimmerwohnung in Vesterbro“. Der Spaß ist vorbei, von Kauf ist heute bekanntlich keine Rede mehr, von chinesischen Interessen hingegen immer noch. Das Autorenduo hat aber aus der alten Konstellation einen geradlinigen Thriller konstruiert, mit einem dramatischen Auftakt in der Türkei und einem Showdown im grönländischen Nuuk. Das Personal agiert solide, auch wenn der Analyst Daniel und die Agentin Maja etwas weniger Beziehungsleben haben dürften, und das Tempo ist gut, wie es sich für einen unprätentiösen Krimi gehört, dessen Plot sich auch für den Pilotfilm einer Serie eignete.

vor 2 Tage
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