Hoffnung, das ist das große Wort an diesem Montagnachmittag in Jerusalem. Hoffnung auf Frieden, Hoffnung auf eine Zukunft, Hoffnung auf ein friedliches Miteinander. Also wird gesungen, gesprochen und gebetet. Juden, Christen, Muslime – sogar die Drusen aus dem Norden des Landes sind gekommen, um Einigkeit in einer Stadt, nein in einem Land, zu demonstrieren, das sich von Tag zu Tag weiter zu spalten scheint. Es ist der „interreligiöse Marsch in Jerusalem für Menschenrechte und Frieden“.
Eingeladen haben Vertreter unterschiedlicher Religionsgemeinschaften, darunter der arabisch-israelische Politiker und ehemalige Knesset-Abgeordnete Sheikh Abbas Zakour, der lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, und Rabbiner David Rosen. Der Grund? „Wir wollen, dass der Irrsinn endet“, bringt es Fadi Suidan, Geschäftsführer des symbolträchtigen Jerusalem International YMCA, auf den Punkt. Hier, an diesem Ort interreligiöser Begegnung zwischen Juden, Christen und Muslimen, wollen er und viele andere ein Zeichen des Zusammenhalts setzen.
Seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und der zerstörerischen Reaktion der israelischen Armee im Gazastreifen, dem Westjordanland und Libanon scheint sich dieser „Irrsinn“ immer weiter zu verschärfen. Seit Jahrzehnten schon prägen Besatzung, Anschläge, Tod und Verwüstung Israel und die Palästinensischen Gebiete – eine scheinbar endlose Spirale der Grausamkeit, die sich zunehmend auch in Jerusalem Raum schafft.
In den letzten Tagen gingen von Jerusalem nicht Bilder der Hoffnung aus, sondern Bilder der Gewalt
„Jerusalem, die Heilige Stadt der drei Weltreligionen, kann ein Zeichen des Aufbruchs sein“, schreiben die Organisatoren des etwa einen Kilometer langen Marsches vom Jerusalem International YMCA zum Jaffa Gate, einem der Tore zur Altstadt, in ihrer Broschüre. Bevor sich die Gruppe Hunderter in Bewegung setzt, gibt es Gebete und Ansprachen auf Hebräisch, Englisch und Arabisch. Als die populäre israelische Sängerin Achinoam Nini „Imagine“ von John Lennon anstimmt, fließen vereinzelt Tränen. Die Sehnsucht nach Frieden greift um sich.
Doch in den vergangenen Tagen gingen von Jerusalem nicht Bilder der Hoffnung aus, sondern Bilder der Gewalt und der Spaltung. Ein vielfach geteiltes Video zeigt, wie eine katholische Nonne in Jerusalem von einem jüdischen Israeli zu Boden gestoßen und getreten wurde. Der Vorfall sorgte international für Entsetzen. Vergangenen Donnerstag zogen Zehntausende nationalistische Israelis mit Flaggen durch die Altstadt, um die Eroberung Ostjerusalems im Sechstagekrieg zu feiern.
Der arabisch geprägte Teil der Stadt, den Israel 1967 eroberte und später annektierte, ist seit Langem ein Brennpunkt des israelisch-palästinensischen Konflikts. Dass der Flaggenmarsch traditionell auch durch diese Viertel führt, empfinden viele Palästinenser als Provokation. Schließlich hoffen sie darauf, dass Ostjerusalem künftig die Hauptstadt eines palästinensischen Staates werden könnte.
Nach Angaben israelischer Medien wurden Palästinenser geschlagen, zudem wurden Rufe wie „Tod den Arabern“ laut. Viele Palästinenser zogen sich an diesem Tag aus dem öffentlichen Raum zurück. Aus Angst vor Gewalt blieben Geschäfte geschlossen, Bewohnerinnen und Bewohner mieden die Straßen. Diese Vorsicht ist auch beim interreligiösen Marsch zu spüren: Nur wenige Palästinenser sind gekommen. Wer dennoch teilnimmt, tut das oft mit sichtbarer Zurückhaltung. Aus Sorge, öffentlich angreifbar zu werden oder staatliche Repressionen zu erfahren.

Bereits zum vierten Jahr in Folge versammelt sich die interreligiöse Gruppe in der Stadt, um nach dem Flaggenmarsch ein Zeichen gegen Hass und Gewalt und für die Menschlichkeit zu setzen. Unter ihnen sind Aktivistinnen und Aktivisten, religiöse Würdenträger und Vertreter der Kirchen. Eine von ihnen ist die palästinensische Pfarrerin Sally Azar. „Die Situation für Palästinenser ist grundsätzlich angespannt, egal ob muslimisch oder christlich“, sagt sie. Dennoch sei es wichtig, die Hoffnung nicht aufzugeben. „Was bleibt uns denn sonst übrig?“, fügt sie hinzu. Hoffnung – das ist ein großes Wort in diesem Land, das sich selbstbewusst als jüdischer Staat versteht, den Siedlungsbau vorantreibt und die besetzten Palästinensischen Gebiete mit den biblischen Namen Judäa und Samaria bezeichnet und dessen Wählerschaft in den vergangenen Jahren weiter nach rechts gerückt ist.
Rabbi Amichai Lau-Lavie möchte das nicht einfach hinnehmen. Er hat die Veranstaltung als stellvertretender Vorsitzender der Friedensbewegung „Rabbis for Human Rights“ mitorganisiert. Ja, er wisse, dass an diesem Montag nur eine Minderheit der Gesellschaft bei der Veranstaltung vertreten sei. Aber deshalb nichts tun? Das kommt für ihn nicht infrage. „Das, was Du hier siehst, das ist die Zukunft. Es ist der Ort der Koexistenz. Wir glauben, es ist möglich“, sagt er. Koexistenz. Sie existiert. Zumindest für wenige Stunden an diesem Abend vor den Toren der Heiligen Stadt.











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