Krieg in der Ukraine: Kiews Oberbefehlshaber kündigt neue Offensive an

vor 14 Stunden 1

Viele Angaben über den Kriegsverlauf wie Opferzahlen oder Details zu Kämpfen stammen von ukrainischen oder russischen Behörden und lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Für unseren Liveblog verwenden wir neben eigenen Recherchen Material der Nachrichtenagenturen dpa, Reuters, epd, KNA und Bloomberg.

Wichtige Updates

Menschen in Kiew leiden unter Kälte, Kindern droht Unterkühlung

Ukraine verhängt Ausnahmezustand im gesamten Energiesektor 

Selenskij kritisiert Klitschko wegen Notlage in Kiew scharf 

Ukraine hat vierten Verteidigungsminister seit 2022

Neuer EU-Kredit für Ukraine soll vor allem Militär stärken

Philipp Saul

Ukrainischer Oberbefehlshaber kündigt neue Offensive an

Der ukrainische Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyi hat parallel zu den laufenden Gesprächen mit den USA über ein mögliches Kriegsende in einem Interview eine neue Offensive gegen Russlands Truppen angekündigt. Es gebe Erfolge bei der Mobilmachung und der Ausrüstung der ukrainischen Soldaten, sagte Syrskyi in einem Interview des Medienportals „LB.ua“. Die Ergebnisse seien besser als noch vor sieben Monaten. 

Syrskyi geht demnach davon aus, dass Russland sich weiter die gesamte Ukraine einverleiben wolle. „Daher werden wir entsprechend Offensivoperationen ausführen“, sagte er. Die strategische Verteidigungsinitiative sei notwendig, weil die Ukraine allein durch Verteidigung keinen Sieg erringen könne. Ziel sei es, den Feind Russland zu einem noch höheren Aufwand bei Personal, Munition und Bewaffnung zu bringen. Schon jetzt seien die Verluste der Russen bei den Kämpfen höher als auf ukrainischer Seite. Der Ukraine sei es gelungen, ihre Verluste weiter zu reduzieren, sagte Syrskyi.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij berichtete indes von weiteren Gesprächen seines Chefunterhändlers Rustem Umjerow in den USA mit Beauftragten von Präsident Donald Trump über eine mögliche künftige Nachkriegsordnung. Die Arbeit an Dokumenten, die für eine Beendigung des Kriegs notwendig seien, liefen weiter, sagte Selenskij. Die Ukraine habe die Verhandlungen erneut auch genutzt, um die US-Seite auf die russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur des Landes hinzuweisen. Besonders in der Hauptstadt Kiew sei die Lage angesichts der Schäden weiter extrem hart, sagte Selenskij. Er forderte erneut mehr internationalen Druck auf Russland, den Krieg zu beenden.

Umjerow berichtete, dass sich die ukrainische Delegation unter anderem mit dem US-Beauftragten Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner getroffen habe. Es sei erneut um den Wiederaufbau der Ukraine und um Sicherheitsgarantien vor künftigen russischen Angriffen nach einem möglichen Kriegsende gegangen. Details nannte Umjerow nicht. Die Gespräche sollten auch in den kommenden Tagen in Davos beim Weltwirtschaftsforum fortgesetzt werden. 

Birgit Kruse

Selenskij: Tote und viele Verletzte nach Russlands Angriffen

Bei neuen russischen Luftangriffen sind in der Ukraine nach Angaben von Präsident Wolodimir Selenskij Dutzende Menschen verletzt und mindestens zwei getötet worden. „Mein Beileid gilt ihren Familien und Angehörigen“, teilte der Staatschef am Morgen in den sozialen Netzwerken mit. Russland habe erneut mehr als 200 Drohnen gegen die Ukraine eingesetzt. Betroffen gewesen seien die Gebiete Sumy, Charkiw, Dnipropetrowsk, Saporischschja, Chmelnyzkyj und Odessa. Selenskij forderte erneut mehr Hilfe von den Verbündeten.

„Allein in dieser Woche wurden mehr als 1300 Angriffsdrohnen, rund 1050 Gleitbomben und insgesamt 29 Raketen verschiedener Typen eingesetzt“, teilte Selenskij weiter mit. „Deshalb braucht die Ukraine noch mehr Schutz – vor allem mehr Raketen für Luftabwehrsysteme.“ Das sei von den Verbündeten auch versprochen worden, hieß es in einem Video, das Selenskij mit Bildern von den Schäden und Folgen der russischen Angriffe veröffentlichte.

Selenskij warf Russland einmal mehr auch vor, den diplomatischen Prozess für eine Beendigung des Krieges gezielt hinauszuzögern. Neben mehr Unterstützung für die Ukraine brauche es auch mehr Druck auf Russland. 

Philipp Saul

Stromausfall nach Drohnenangriffen in russisch besetzter Region der Ukraine

In dem von russischen Truppen besetzten Teil der südostukrainischen Region Saporischschja hat es nach Angaben der Besatzer wegen ukrainischer Drohnenangriffe Stromausfälle gegeben. Das betreffe einen „bedeutenden Teil des Gebiets Saporischschja“, schrieb der von Moskau eingesetzte Gouverneur, Jewgeni Balizki, bei Telegram. Generatoren würden wichtige Objekte wie Krankenhäuser versorgen und die Wasserversorgung gewährleisten. Balizki rief die Bevölkerung zur Geduld für die Dauer der Reparaturarbeiten auf. 

Gleichzeitig drohte Balizki mit Strafen bei der Veröffentlichung von Aufnahmen vom Einsatz der Flugabwehr und den Folgen von Einschlägen. In sozialen Netzwerken waren zuvor Videos von mutmaßlichen Drohneneinschlägen in einem Umspannwerk bei der Großstadt Melitopol verbreitet worden. 

Den Besatzungsbehörden zufolge ist auch der russisch besetzte Teil des benachbarten Gebiets Cherson von den Stromausfällen betroffen. Mehrere Hundert Siedlungen seien ohne Elektrizität, teilte der vom Kreml eingesetzte Gouverneur Wladimir Saldo mit.

Philipp Saul

Ukrainische Delegation in den USA eingetroffen

Ukrainische Unterhändler ​sind zu Gesprächen über Einzelheiten eines möglichen Abkommens zur Beendigung des russischen Angriffskriegs in den USA eingetroffen. In Miami soll es Gespräche über die „künftige Sicherheitsarchitektur“ und die „langfristige ökonomische Entwicklung“ des osteuropäischen Landes geben. Dabei solle an Abkommen über Sicherheitsgarantien und zum „wirtschaftlichen Aufblühen der Ukraine“ mit einem Gesamtvolumen von umgerechnet bis zu 690 Milliarden Euro gearbeitet werden, schrieb die ukrainische Botschafterin in Washington, Olha Stefanischyna, vor dem Treffen auf Facebook. Bei einem günstigen Verlauf könnten Abkommen bereits kommende Woche beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz) unterzeichnet werden.

Die Delegation werde sich mit ‍dem US-Sondergesandten Steve Witkoff, dem Schwiegersohn von Präsident Donald Trump, Jared Kushner, ‌und US-Heeresstaatssekretär Daniel Driscoll treffen, teilte der ukrainische Präsidialamtschef Kyrylo Budanow am Samstag mit. "Die Ukraine braucht ​einen ⁠gerechten Frieden. Wir arbeiten daran, Ergebnisse zu ‌erzielen", erklärte Budanow auf dem Kurznachrichtendienst Telegram. Zur ukrainischen Delegation gehören außerdem der Sekretär des nationalen Sicherheitsrats Rustem Umjerow und der Abgeordnete David Arachmija. Kiew erhoffe sich mehr Klarheit sowohl in Bezug auf Dokumente, die mit der US-Seite vorbereitet worden seien, als auch in Bezug auf eine Rückmeldung Russlands auf die diplomatische Arbeit, sagte Präsident Wolodimir Selenskij. Er hatte zuletzt mitgeteilt, ein bilaterales Dokument mit den USA über Sicherheitsgarantien für sein Land sei „im Grunde bereit“ zur Fertigstellung auf der höchsten Ebene mit Trump.

Das ukrainische Team arbeite „trotz allem“ aktiv mit Vertretern von US-Präsident Donald Trump, so Selenskij. Der US-Präsident hatte in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters zuletzt die Einschätzung geäußert, dass er Selenskij für ein größeres Hindernis auf dem Weg zu Frieden halte als Kremlchef Wladimir Putin.

Mehrheit der Ukrainer lehnt Gebietsabtretungen ab

Damit Russland seinen Krieg gegen die Ukraine beendet, verlangt die Führung im Kreml umfangreiche Gebietsabtretungen und einen Rückzug ukrainischer Soldaten aus dem Donbass – auch aus den Teilen die Kiew bislang noch kontrolliert. Auch der Plan der USA sieht Gebietsabtretungen vor. Doch diese wären für die ukrainische Regierung schwer umzusetzen, denn territoriale Veränderungen erfordern ein Referendum der ukrainischen Bevölkerung.

Dass die Ukrainerinnen und Ukrainer umfangreichen Gebietsabtretungen zustimmen, erscheint einer aktuellen Umfrage unter Erwachsenen auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet zufolge unwahrscheinlich. Demnach lehnen es mehr als die Hälfte der Befragten, etwa 54 Prozent, kategorisch ab, den Donbas an Russland abzutreten, um im Gegenzug Sicherheitsgarantien der EU und der USA zu erhalten. Etwa 39 Prozent würden ‌dies widerstrebend akzeptieren. „Zudem erwarten diejenigen, die zu einer Zustimmung bereit sind, recht umfassende Sicherheitsgarantien“, sagte der geschäftsführende Direktor des soziologischen Instituts in Kiew, Anton Hruschezkyj. „Sollte das Niveau der Garantien ​also niedriger ⁠ausfallen als erwartet, wird die Zustimmung zu einem solchen ‌Vorschlag noch geringer sein.“

Außerdem zeigt die Umfrage eine generelle Skepsis gegenüber den laufenden Verhandlungen und den Verbündeten der Ukraine:

  • Fast 70 Prozent der Befragten geben an, nicht zu glauben, dass die Gespräche zu einem dauerhaften Frieden führen werden. 
  • Etwa 57 Prozent gehen davon aus, dass Russland im ⁠Falle eines Waffenstillstands an den jetzigen ​Frontlinien und mit Sicherheitsgarantien erneut angreifen würde. 
  • Selbst wenn Garantien gegeben wären, glauben 40 Prozent, dass die USA im Falle einer neuen russischen Invasion keine Unterstützung leisten ‍würden, während 39 Prozent vom Gegenteil ausgehen.

Im Sommer 2025 lehnten noch rund drei Viertel der Ukrainer Gebietsabtretungen ab. Die Fragestellung der Umfrage damals unterschied sich in Teilen von der aktuellen. 

Leopold Zaak

Menschen in Kiew leiden unter Kälte, Kindern droht Unterkühlung

In der Ukraine herrschen gerade eisige Temperaturen. Auch tagsüber sind es an vielen Orten zweistellige Minusgrade, nachts sinken sie gerade auf bis zu minus 18 Grad. Da durch die ständigen russischen Luftangriffe das Strom- und Energienetz schwer beschädigt und zerstört ist, leiden vielen Menschen unter der Kälte. Immer wieder muss der Strom stundenweise ganz abgestellt werden, Notstromaggregate gehen zur Neige. Betroffen sind die Großstädte Charkiw, Dnipro, Krywyj Rih und Odessa. Aktuell ist die Lage jedoch in der Hauptstadt Kiew am schlimmsten. Die Dreimillionenstadt dürfte bei weiteren russischen Attacken auf eine humanitäre Katastrophe zusteuern. 

Viele Kiewer klagen über nur lauwarme Heizkörper und teils einstellige Temperaturen in ihren Wohnungen, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet. Stadtbewohner mit Gasherden nutzen die Flammen teils, um Ziegelsteine aufzuwärmen und verwenden diese eingewickelt in Handtücher als Wärmequellen auch in ihren Betten. Kiew verfüge nur über etwa die Hälfte des benötigten Stroms, sagte Bürgermeister Vitali Klitschko der Nachrichtenagentur Reuters. „Es ist das erste Mal in der Geschichte unserer Stadt, dass bei so strengem Frost im größten Teil der Stadt die Heizung ausgefallen ist und es einen ‍massiven Strommangel gibt.“ Reparaturteams würden rund um die Uhr arbeiten, um die Heizungsversorgung wiederherzustellen. Etwa 100 Gebäude seien immer noch unbeheizt. Es sei die schwerste Energiekrise während ‌des Krieges für die Stadt mit 3,6 Millionen Einwohnern.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef sieht vor allem Kinder von den Temperaturen gefährdet. „Kinder und Familien befinden sich in einem ständigen Überlebensmodus“, sagt der Unicef-Landesbeauftragte für die ‌Ukraine, Munir Mammadzade. Ihnen drohe die Unterkühlung.

Leopold Zaak

Macron: Frankreich liefert Ukraine die meisten Geheimdienstinformationen

Bei der Verteidigung gegen den russischen Angriff ist die Ukraine seit Beginn der Invasion auf ausländische Geheimdienste angewiesen. Jahrelang waren die USA in dieser Frage die wichtigste Unterstützung. Seit Donald Trumps zweiter Amtszeit als US-Präsident ist diese Hilfe mit Geheimdienstinformation aber zurückgefahren worden, zwischenzeitlich wurde sie sogar vollständig eingestellt. Wie der französische Präsident Emmanuel Macron mitteilt, hat inzwischen sein Land die USA als wichtigste Unterstützerin bei der Aufklärung abgelöst. Bereits im vergangenen Jahr sollen demnach zwei Drittel aller Geheimdienstinformationen aus Frankreich gekommen sein. Überprüfen lässt sich diese Zahl nicht, aus Kiew gibt es für Macrons Äußerung keine Bestätigung.

Internationale Geheimdienste helfen der Ukraine mit Informationen über russische Truppenbewegungen und Ausrüstung. Die USA sind zudem in der Lage, die Ukraine vor möglichen Angriffen mit ballistischen Raketen zu warnen.

Neue russische Attacken: Selenskij drängt auf höhere Stromimporte

Vor dem Hintergrund neuer russischer Attacken auf Energieanlagen hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij vom Ministerkabinett Lösungen innerhalb eines Tages gefordert. „Vor allem damit der Import von Strom und aller Möglichkeiten für die Reserveversorgung erhöht wird“, sagte der Staatschef in seiner abendlichen Videobotschaft. Dafür sei auch eine stärkere Kooperation zwischen den örtlichen Regierungsorganen und den Energieunternehmen notwendig. 

Gesondert habe es zudem eine Beratung mit Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow und dem Chef der Luftstreitkräfte Anatolij Krywonoschko zum Schutz der Energieanlagen gegeben. „Heute gab es erneut heftige Raketenschläge auf Charkiw, eben auf die kritische Infrastruktur. Drohnen flogen heute früh und jetzt am Abend auf Kiew“, so Selenskij. Auf Telegram hatte auch der Bürgermeister in Charkiw, Ihor Terechow, geschrieben, dass russische Streitkräfte eine große Energieanlage zerstört. Rettungskräfte seien rund um die Uhr im Einsatz. 

Zudem traf eine russische ballistische Rakete ukrainischen Angaben zufolge die Hafeninfrastruktur in der südukrainischen Stadt Tschornomorsk. Bei dem Angriff auf einen Pier sei eine Person verletzt worden. Schwer sei die Lage auch im Grenzgebiet zu Russland und den Gebieten Dnipropetrowsk und Odessa. Selenskij kündigte neue Gespräche mit Verbündeten an, um eine Stärkung der Flugabwehr zu erreichen. Dabei habe er bereits mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte über den Kauf von Raketen für Flugabwehrsysteme gesprochen.

Julia Bergmann

Ukraine verhängt Ausnahmezustand im gesamten Energiesektor 

Angesichts schwerer Schäden durch russische Angriffe und anhaltend schlechter Wetterbedingungen wird die Ukraine im gesamten Energiesektor den Ausnahmezustand verhängen. Auf Anordnung von Präsident Wolodimir Selenskij wird in Kiew ein dauerhaftes Koordinationszentrum geschaffen. Die Ukraine will ihre Bemühungen verstärken, dringend benötigte Ausrüstung zu beschaffen und mehr Strom aus dem Ausland zu importieren. Außerdem sollen die geltenden Ausgangssperren angesichts der extremen Kälte überprüft werden.

„Die Folgen der russischen Angriffe und der sich verschlechternden Wetterbedingungen sind schwerwiegend“, schrieb Selenskij auf X. „Die Menschen müssen größtmöglichen Zugang zu Hilfspunkten haben, und Unternehmen müssen jede Möglichkeit erhalten, ihre Aktivitäten entsprechend der Lage im Energiesystem zu planen.“ Er erklärte: „Insgesamt wird für den Energiesektor der Ukraine der Notstand ausgerufen.“ Am Mittwoch wurde im ukrainischen Parlament der bisherige Verteidigungsminister Denys Schmyhal zum Energieminister ernannt. Neuer Verteidigungsminister ist Mychajlo Fedorow. 

„Reparaturteams, Energieversorger, kommunale Dienste und der staatliche Notfalldienst der Ukraine arbeiten weiterhin rund um die Uhr daran, die Strom- und Wärmeversorgung wiederherzustellen“, so Selenskij. „Viele Probleme müssen dringend gelöst werden.“ 

Julia Bergmann

Selenskij kritisiert Klitschko wegen Notlage in Kiew scharf 

Kein Strom, keine Heizung, aber strenger Frost – die ukrainische Führung schaltet sich in die bereits seit Tagen andauernde Notlage der Hauptstadt Kiew ein. Zugleich kritisierte Präsident Wolodimir Selenskij das bisherige Krisenmanagement der Stadtverwaltung unter Bürgermeister Vitali Klitschko.

Die Versorgungsnetze von Kiew waren bei einem russischen Luftangriff am vergangenen Freitag außer Gefecht gesetzt worden, was für Hunderttausende Menschen den Ausfall von Heizung, Strom und Wasser bedeutete. Die Hauptstadt befinde sich in einer humanitären Krise, schrieb der Journalist Oleksyj Sorokin vom Kyiv Independent. Auf der Plattform X schrieb er weiter: „Es gibt Orte in Kiew, die derzeit unbewohnbar sind.“

Auch andere ukrainische Städte haben durch russische Attacken auf ihre Energieversorgung einen Blackout erlitten. Die Angriffe zielen nach Kiewer Auffassung darauf ab, die Städte im Frost unbewohnbar zu machen. Die Regierung habe die Lage in Kiew, Odessa, Dnipro, Krywyj Rih und Charkiw besprochen, sagte Selenskij in seiner abendlichen Videoansprache. „Wir sehen, dass viel gemacht worden ist, – insbesondere in Charkiw, wo sich die lokalen Behörden vorbereitet haben“, sagte er. „Kiew hat leider deutlich weniger getan. In der Hauptstadt wurde sehr wenig unternommen.“ Auch jetzt gingen die Reparaturarbeiten dort nicht intensiv genug voran, kritisierte er. Der neue Energieminister Denys Schmyhal lobte ebenfalls Charkiw und kritisierte die Hauptstadt. Kiew habe sich „überhaupt nicht vorbereitet. Deshalb muss man jetzt zu Notfallmaßnahmen greifen“, sagte Schmyhal im Parlament.

Das Eingreifen der Regierung in Kiew und damit in Klitschkos Zuständigkeit bedeutet, dass ein alter politischer Konflikt wieder aufbricht. Zwischen Selenskij und Klitschko gibt es immer wieder Sticheleien.

Ukraine hat vierten Verteidigungsminister seit 2022

In der Ukraine ist mit Mychajlo Fedorow der vierte Verteidigungsminister seit 2022 im Amt. Für die Ernennung des ehemaligen Digitalisierungsministers stimmte eine deutliche Mehrheit von 277 Abgeordneten. Die Kandidatur war gemäß der Verfassung von Präsident Wolodimir Selenskij eingereicht worden. Es war bereits der zweite Versuch, Fedorow einzusetzen. Am Vortag hatten sich im Parlament nicht genügend Abgeordnete gefunden, um eine Abstimmung über seine Kandidatur anzusetzen. Fedorow hatte seit 2019 mit dem von ihm geleiteten Ministerium die Digitalisierung der staatlichen Verwaltung vorangetrieben und war nach der russischen Großinvasion 2022 auch für den Ausbau der Drohnenproduktion im Land verantwortlich. 

Als dringlichste Aufgabe für den neuen Minister nannte Selenskij den „Schutz des Himmels“, also eine bessere Flugabwehr gegen russische Angriffe. „Es gibt konkrete Entscheidungen, die so schnell wie möglich umgesetzt werden müssen“, erklärte Selenskij.

Fedorow sprach im Parlament den Soldatenmangel der ukrainischen Armee an. Etwa zwei Millionen Männer hätten sich der Mobilisierung entzogen, sagte der 34-Jährige. 200 000 Soldaten seien desertiert oder hätten ihre Einheiten unerlaubt verlassen. Die Organisationsstruktur des Militärs sei veraltet. Es gebe zu viel Bürokratie. Er kündigte an, die Armee mit Innovationen und Reformen zu stärken. „Unser Ziel ist es, das System zu ‌verändern: die Armee zu reformieren, die Infrastruktur an der Front zu verbessern, Lügen und Korruption auszumerzen und Führung und Vertrauen zu einer neuen Kultur zu machen“, ​sagte Fedorow vor ⁠den Abgeordneten.

Nach Korruptionsvorwürfen häufen sich seit vergangenem Sommer die Personalwechsel in der Regierung und in anderen Positionen. Besonders das Verteidigungsministerium gilt als äußerst korruptionsanfällig.

Als Russland im Februar 2022 die Invasion der Ukraine begann, war Oleksij Resnikow ukrainischer Verteidigungsminister. Im September 2023 übernahm Rustem Umjerow. Im Juli 2025 folgte schließlich Denys Schmyhal. Dieser wurde nun zum neuen Energieminister und ersten Vizeregierungschef ernannt. Am Dienstag fehlten Schmyhal im Parlament noch 16 Stimmen für die Bestätigung. Der 50-Jährige gilt als loyal gegenüber Selenskij.

Neuer EU-Kredit für Ukraine soll vor allem Militär stärken

Das neue EU-Darlehen für die Ukraine soll nach dem Willen der Europäischen Kommission zu einem großen Teil den gegen Russland kämpfenden Streitkräften zugutekommen. Wie ein von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen präsentierter Vorschlag vorsieht, soll das ukrainische Militär mit 60 Milliarden Euro unterstützt werden. Die verbleibenden 30 Milliarden Euro des insgesamt 90 Milliarden Euro umfassenden Kredits sollen dem Vorschlag der Brüsseler Behörde zufolge der Ukraine als Haushaltsunterstützung bereitgestellt werden.

Mit der Unterstützung werde sichergestellt, dass die Ukraine einerseits ihre Verteidigung auf dem Schlachtfeld stärken und ihre militärischen Fähigkeiten ausbauen könne sowie andererseits den Staat sowie die grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen aufrechterhalten könne, sagte von der Leyen.

Dem konkreten Vorschlag der EU-Kommission war eine Einigung der Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten zur Finanzierung der Ukraine für die nächsten zwei Jahre vorangegangen. Bei einem Gipfeltreffen kurz vor Weihnachten hatten sie sich nach monatelangem Streit auf den Kompromiss verständigt, der Ukraine einen zinslosen Kredit über 90 Milliarden Euro für 2026 und 2027 zu geben. Die Verständigung sieht weiter vor, in der EU eingefrorene russische Vermögenswerte für die Rückzahlung heranzuziehen, falls Moskau für Kriegsschäden keine Entschädigung leistet.

Bevor Geld in die Ukraine fließen kann, müssen das Europäische Parlament und die EU-Länder noch zustimmen. Man zähle auf rasches Zustimmen der beiden Institutionen, sagte von der Leyen, „damit wir bereits im April die erste Auszahlung vornehmen können“.

Ukraine verlängert Kriegsrecht und Mobilmachung bis Mai

In der Ukraine sind das geltende Kriegsrecht und die allgemeine Mobilmachung bis Anfang Mai verlängert worden. Für beide Gesetzesvorlagen stimmte jeweils eine deutliche Mehrheit von mehr als 300 Abgeordneten. Die Entwürfe waren von Präsident Wolodimir Selenskij eingereicht worden.

Nach der russischen Großinvasion 2022 wurde das Kriegsrecht verhängt und eine allgemeine Mobilmachung angeordnet. Wehrpflichtige Männer im Alter von 23 bis 60 Jahren können das Land nicht verlassen. Es gelten nur wenige Ausnahmen, beispielsweise für Väter von mindestens drei minderjährigen Kindern.

Selenskij räumt schwere Lage in der Ukraine ein

Nach fast vier Jahren Krieg spitzt sich die Lage in der Ukraine nach Darstellung von Präsident Wolodimir Selenskij immer weiter zu, sowohl an der Front als auch im Hinterland. Erneut sei die Ukraine von Russland beschossen worden. „Allein an ballistischen Raketen waren es 18 Stück“, sagte Selenskij in seiner täglichen Videoansprache am Dienstagabend. Hinzu kämen Kampfdrohnen und Marschflugkörper.

Die Elektriker seien seit Wochen im Einsatz, um das Stromnetz einigermaßen am Laufen zu halten, sagte Selenskij. „Das Wetter stellt zusätzliche Herausforderungen – außerordentliche Herausforderungen“, fügte er mit Blick auf die zweistelligen Minustemperaturen hinzu.

Überall ist es jetzt schwer – an der Front am schwersten

Wolodimir Selenskij

Das Stromnetz der Ukraine ist nach den systematischen und zuletzt noch einmal verschärften russischen Angriffen stark beschädigt. Netzabschaltungen sind an der Tagesordnung. Täglich müssen die Ukrainer stundenlang ohne Strom- und Wärmeversorgung auskommen.

Probleme gebe es aber auch an der Front, räumte Selenskij ein: „Überall ist es jetzt schwer – an der Front am schwersten“, sagte er. Trotz des Frosts greife Russland weiter an. Immerhin hält seinen Angaben nach auch die Verteidigung weiter stand. Die Ukraine ist seit Monaten in der Defensive und musste im Osten und Süden des Landes zuletzt weitere Positionen aufgeben. Größere Verschiebungen der Frontlinie gab es in den vergangenen Wochen zwar nicht, doch Russland konnte immer wieder etwas vorrücken – allerdings in langsamem Tempo und unter hohen personellen Verlusten. 

Berichte über Tote in Russland, wieder Stromabschaltungen in der Ukraine

Bei gegenseitigen Drohnenangriffen zwischen Russland und der Ukraine hat es in der Nacht Tote und Schäden bei der Energieversorgung gegeben. In der südrussischen Stadt Rostow seien vier Menschen bei einem ukrainischen Angriff verletzt worden, schrieb der Gouverneur der Region Rostow, Juri Sljussar, auf Telegram. Es sei zu Feuern in mehreren Wohnungen mehrstöckiger Häuser gekommen, in einer davon wurde demnach ein toter Mann gefunden. Sljussar sprach außerdem von zwei Feuern im Industriegebiet der Stadt. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

In der Region Belgorod wurde nach Angaben von Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow eine Frau im Dorf Sosuli bei einem ukrainischen Drohnenangriff getötet. Demnach wurde ein Auto getroffen, der Fahrer sei verletzt worden. Am späten Abend sei ein Mann bei der Explosion einer Drohne in der Stadt Schebekino ums Leben gekommen.

Russland nahm bei frostigen Temperaturen erneut die ukrainische Energieinfrastruktur ins Visier. Moskaus Streitkräfte attackierten in der Großstadt Krywyj Rih im Südosten der Ukraine laut Militärverwaltungschef Oleksandr Wilkul am Abend und in der Nacht die zivile Infrastruktur. Demnach gab es Notabschaltungen der Stromversorgung für 45 000 Kunden, in mehr als 700 Häusern auch der Fernwärme. Am Morgen habe sich die Lage wieder stabilisiert, schrieb er auf Telegram.

Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij setzte Russland in der Nacht 113 Drohnen und drei ballistische Raketen ein und attackierte die Regionen Dnipropetrowsk, Schytomyr, Saporischschja, Charkiw und Cherson. Das Hauptziel seien die Energieversorgung und kritische Infrastruktur gewesen, Heizung und Strom, schrieb Selenskij in sozialen Medien.

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