Wenige Tage vor der Parade auf dem Roten Platz soll eine Drohne ein Wohngebäude in Moskau getroffen haben. Ob es am Tag der Parade zur Waffenruhe kommt, ist unsicher.
4. Mai 2026, 10:33 Uhr
Eine ukrainische Drohne hat nach russischen Angaben ein Wohngebäude in Moskau beschädigt. Die Drohne habe ein Gebäude im Südwesten der russischen Hauptstadt getroffen, teilte Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin in der Nacht zum Montag auf Telegram mit. Es gebe keine Verletzten. Zwei weitere Drohnen, die Moskau angesteuert hätten, seien von der Flugabwehr abgeschossen worden.
Sobjanin sprach dabei nicht explizit von einer ukrainischen Herkunft der Drohne – tat dies in früheren Mitteilungen über Drohnenangriffe in der russischen Hauptstadtregion allerdings auch nicht. Das russische Verteidigungsministerium teilte am Morgen mit, zwischen Sonntagabend und Montagmorgen 117 ukrainische Drohnen in 14 russischen Regionen, darunter der Region Moskau, abgewehrt zu haben.
Die Ukraine äußerte sich vorerst nicht dazu. Das ukrainische Militär bestätigt in der Regel nachträglich Drohnen- und Raketenangriffe auf besonders bedeutende Ziele im russischen Hinterland, wie etwa Raffinerien, rüstungsrelevante Fabriken, Exporthäfen sowie militärische Ziele wie Flugplätze, Kasernen oder Munitionslager. Ukrainische Drohnen treffen aber auch, vornehmlich in Grenzregionen, immer wieder auch Strominfrastruktur oder zivile Infrastruktur wie Wohnhäuser.
Fotos und Videos zeigen Folgen von Explosion an Wohnhochhaus
Fotos und Videos scheinen die Angaben Sobjanins zu bestätigen: So sind auf Bildern der Folgen des mutmaßlichen Angriffs Spuren einer mutmaßlichen Explosion in einem Wohnhochhaus zu sehen. Die Fotos bestätigen Berichte, wonach es sich um ein Luxuswohnhochhaus knapp sieben Kilometer südwestlich des Kremls handelt.
Vor Sobjanins Mitteilung hatte das russische Onlinemedium Astra zudem von einer Explosion in der betroffenen Straße berichtet und Fotos veröffentlicht, die Trümmer auf der Straße zeigen. Ein Video, in dem eine Drohne im Flug zu hören sein soll, soll demnach in einem Moskauer Vorort knapp 20 Kilometer südlich des attackierten Gebäudes aufgenommen worden sein.
Russische Behörden haben in den vergangenen Jahren, vor allem in Grenzregionen, immer wieder Falschbeschuldigungen ukrainischer Drohnenattacken auf Wohngebäude erhoben. In einigen Fällen sind etwa Zerstörungen durch fehlgeleitete russische Flugabwehrraketen oder von Gleitbomben, die auf russischem Gebiet abgestürzt sind, als Folgen ukrainischer Angriffe dargestellt worden.
In diesem Fall erscheint beides jedoch sehr unwahrscheinlich: Die Zerstörungen an dem Gebäude passen zu Bildern früherer Angriffe, die mit Drohnen und nicht mit deutlich schwereren Raketen oder Bomben ausgeführt worden sind. Ukrainische Militärblogger berichten, bei dem Flugkörper soll es sich um das Modell FP-1 gehandelt haben – eine ukrainische Langstreckendrohne, die besonders häufig bei Angriffen tief in russischem Gebiet eingesetzt wird.
Ukrainische Drohnen haben mehrfach Moskau attackiert
Somit erscheint Sobjanins Mitteilung, es handle sich um die Folgen eines Drohnenangriffs, plausibel. Allerdings kann daraus nicht abgeleitet werden, ob die mutmaßliche ukrainische Drohne das Gebäude anvisiert hatte, oder es fälschlicherweise traf – etwa als Folge von Störmaßnahmen seitens der russischen Flugabwehr, die die Drohne vom Kurs abbringen könnten. Falls es sich um einen gezielten Angriff handelt, besteht vorläufig Unklarheit über dessen Motivation.
So hat es in der Vergangenheit Berichte gegeben, wonach russische Militärs Hochhäuser in der Moskauer Innenstadt als Kommandozentralen für die Steuerung russischer Langstrecken-Drohnenangriffe genutzt haben. Zugleich haben ukrainische Drohnen in der Vergangenheit auch von derartiger Nutzung unbelastete zivile Ziele auf russischem Gebiet, auch in der Hauptstadt, attackiert.
Im vergangenen Sommer sorgten Angriffe unter Einsatz hunderter Drohnen etwa tagelang für schwere Flugausfälle in Moskau und weiteren Großstädten. 2023 war eine mutmaßlich ukrainische Drohne über der Kuppel des Kremls explodiert und beschädigte das Gebäudedach. Die ukrainischen Angriffe stehen allerdings in keinem Verhältnis zu den nahezu täglichen russischen Attacken mit Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen auf ukrainische Städte, bei denen fast jeden Tag Zivilisten getötet werden. Vergleichbar mit der Intensität der russischen Angriffe sind dabei vor allem in den vergangenen Monaten die ukrainischen Angriffe auf Russlands Ölinfrastruktur.
Der mutmaßliche Angriff erfolgt nur wenige Tage vor dem Tag des Sieges gegen den Nationalsozialismus, der in Russland am 9. Mai mit einer Militärparade auf dem Roten Platz gefeiert wird. In früheren Jahren nach Kriegsbeginn hatte es immer wieder Spekulationen gegeben, die Ukraine könne die für Russlands Staatschef Wladimir Putin prestigeträchtige Veranstaltung, auf der er den Krieg gegen das Nachbarland regelmäßig als Fortsetzung des Sowjetkampfes gegen den Faschismus inszeniert, für Angriffe nutzen. Bisher kam es dazu jedoch nie. Für dieses Jahr hatte das russische Verteidigungsministerium vor wenigen Tagen überraschend angekündigt, bei der Parade auf Panzer und weitere schwere Militärtechnik zu verzichten, und dies mit der »operativen Lage« begründet.
Unklarheit über mögliche Waffenruhe am Siegestag
Unklar ist auch, ob es am 9. Mai womöglich zu einer Waffenruhe zwischen der Ukraine und Russland kommt. Putin hatte dies vergangene Woche in einem Telefonat mit US-Präsident Donald Trump vorgeschlagen. Der US-Präsident stellte dies hingegen als seinen Vorschlag dar.
Die Ukraine bekundete Skepsis: Es müsse geklärt werden, ob es sich um ein ernsthaftes Angebot, die Kämpfe tatsächlich einzustellen, handle – oder um »ein paar Stunden Sicherheitsdienst für eine Parade in Moskau«, teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vergangene Woche mit. Am Wochenende gab der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha an, seitens Russland sei bislang kein klares Angebot eingetroffen. Er bezeichnete die Gespräche über eine mögliche Waffenruhe als »eine weitere Manipulation« und einen »Versuch Moskaus, die Vereinigten Staaten für sich zu gewinnen«.
In den vergangenen Jahren hatte es mehrfach kurzfristige Feuerpausen gegeben, etwa 2025 und vor einem Monat um die orthodoxen Osterfeiertage herum. Die von Russland sehr kurzfristig angekündigten Waffenruhen galten dabei jeweils nur für wenige Tage und führten nach Angaben beider Kriegsparteien jeweils nur zu einem geringen Rückgang der Kampfhandlungen. Angriffe mit reichweitenstarken Waffen wurden bei der jüngsten Feuerpause allerdings von keinem der beiden Länder gemeldet. Die Ukraine fordert seit mehr als einem Jahr eine dauerhafte Waffenruhe entlang der aktuellen Frontlinie sowie längere Waffenruhen in Bezug auf Luftangriffe. Russland lehnt beides ab.

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