Kinderbuch Von Julia Blesken: Normal sein kann jeder

vor 1 Woche 3

Dass der Schulhof eine raue Welt sein kann, gibt es bei Iggy schriftlich. An seiner Waldorfschule in Berlin kursiert eine Liste, auf der links die „normalen“ und rechts die „unnormalen“ Schüler verzeichnet sind. Iggy steht rechts auf Platz zwei (hinter dem dicken Benedikt) und hält zu denen, die links stehen, verständlicherweise einen Sicherheitsabstand. Er weiß: Würde er sich ihnen anbiedern, würde alles noch schlimmer. Aber wenn er sich mit anderen „Unnormalen“ zusammentut, wird seine Lage auch nicht besser.

Iggy hat längst begriffen, was das Recht des Stärkeren bedeutet, und es als Prämisse für sein junges Leben akzeptiert. Wenn er nicht gerade versucht, möglichst unauffällig durch den Schulalltag zu kommen, verbringt er seine Zeit zu Hause, oft allein. Sein Vater, vom Sohn nur Andy genannt, nicht Papa, arbeitet als Krankenpfleger oft nachts. Wenn er morgens nach Hause kommt, ist sein roter Irokesenhaarschnitt etwas zur Seite gekippt, aber er bringt Brötchen mit. Eine Mutter taucht in der Geschichte „Iggy und das T-Shirt des Schreckens“ nicht auf. Iggy ist sozusagen schon von Hause aus ein Außenseiter und das Buch, das die 1976 geborene Schriftstellerin Julia Blesken ihm widmet, eine klassisch anmutende Coming-of-Age-Geschichte, die ihren Antihelden auf eine lange Reise schickt, bevor sie ihn in eine neue Selbständigkeit entlässt.

 „Iggy und das T-Shirt des Schreckens“Julia Blesken: „Iggy und das T-Shirt des Schreckens“Verlag

Die Reise dauert zwar nur eine Nacht, aber sie führt Iggy über das Ende der Welt hinaus in andere Sphären. Gleich mehrere Naturgesetze werden außer Kraft gesetzt, als eines Abends inmitten eines Gewitters ein Mädchen mit Katzenohren und Katzenschwanz vor seinem Fenster auftaucht und behauptet, mit einem Zauberspiegel aus Japan gekommen zu sein, wo es Wesen wie sie, genannt Kemonomimi, noch gebe. Das Mädchen heißt Yumiko und ist alles, was Iggy nicht ist – chaotisch, unbekümmert, entschieden. Sie ist überzeugt, dass das Schicksal sie zu Iggy geführt hat und dass er ihr Glück bringen wird. Iggy hingegen ahnt (zu Recht) Schreckliches und versucht alles, um das Mädchen loszuwerden, bevor am nächsten Morgen erst Andy nach Hause kommt und danach die Monatsfeier ansteht – für alle, die damit nichts anfangen können, lässt die 2020 für ihr Debüt mit dem Kirsten-Boie-Preis ausgezeichnete Julia Blesken ihre Hauptfigur in einem Glossar erklären, was es an der Waldorfschule mit Monatsfeiern und Eurythmie auf sich hat.

Die Dramaturgie der Nacht folgt Murphys Gesetz: Damit Yumiko nach Japan zurückkehren kann, muss der Zauberspiegel repariert werden, aber es fehlt eine Scherbe. Bei dem Versuch, sie wiederzufinden, müssen die beiden vor der Europameisterin im Hufeisenwerfen fliehen, sie setzen die Gedenkstätte für den entflogenen Vogel der Nachbarin in Brand und brechen bei der „normalen“ Leonilde ein. Man ahnt als (junger) Leser schon nach dem ersten Schlamassel, dass weitere folgen werden, was die wiederholten Andeutungen auf das Bevorstehende („Iggy kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, wie richtig er liegt, denn die nächste Katastrophe ist tatsächlich schon im Anmarsch“) überflüssig macht. Auch die Hinweise der allzu auktorial auftretenden Erzählstimme darauf, dass Iggy „jetzt“ etwas noch nicht ahnen kann, was aber später eintreten wird, nehmen dem Geschehen mehr Spannung, als sie ihm hinzufügen.

Interessanter sind die Exkurse in die japanische Kultur, die gemeinsam mit den an Manga-Comics erinnernden Zeichnungen von Olivia Vieweg nicht nur Iggys Blick auf den Lauf der Dinge verändern. Er lernt, wie gut Saki-ika (getrockneter Tintenfisch) schmeckt. Er versteht, was Ichigo Ichie (ein besonders kostbarer Augenblick), was Tsukumogami (Hausgeister) und, vor allem, was Wabi Sabi ist – nicht alles muss perfekt, heil und schön sein. „In der Unvollkommenheit liegt der Charakter der Dinge, ihre Persönlichkeit“, sagt das Katzenmädchen mit den türkisen Haaren. Und das ist natürlich für Iggy, den „Unnormalen“, eine Lektion von unschätzbarem Wert.

Julia Blesken: „Iggy und das T-Shirt des Schreckens“. Mit Bildern von Olivia Vieweg. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2026. 272 S., geb., 18,- €. Ab 10 J.

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