Besuch beim Kinderarzt Neue Untersuchung für 9- bis 10-Jährige beschlossen – das müssen Eltern wissen
Bei der medizinischen Vorsorge für Minderjährige klafft bislang eine jahrelange Lücke – zu einem besonders kritischen Zeitpunkt. Die soll nun mit der U10 geschlossen werden.
20.08.2026, 15.25 Uhr
Junge bei Ärztin: »Günstiger Zeitpunkt vor der Pubertät«
Foto: Westend61 / IMAGOKurz nach der Geburt ihres Kindes bekommen Eltern in Deutschland ein gelbes Heftchen überreicht: Darin ist genau aufgeführt, wann die nächste Vorsorgeuntersuchung bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt ansteht. Bislang endet das Heft mit der sogenannten U9 um den fünften Geburtstag herum. Das soll sich nun ändern.
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat sich für eine zusätzliche Untersuchung ausgesprochen – für Kinder zwischen neun und zehn Jahren. Das Gremium entscheidet, welche medizinischen Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Das Gesundheitsministerium muss die Entscheidung noch prüfen, das gilt jedoch als Formsache. Die ersten U10-Untersuchungen könnten dann voraussichtlich ab kommenden Jahr angeboten werden. Der Fokus der Untersuchung soll auf den Themen Übergewicht, körperliche Aktivität, digitaler Medienkonsum und psychische Auffälligkeiten liegen.
Lücke bis zur Pubertät
Bisher hatten Kinder nach dem 5. Geburtstag regelhaft erst wieder mit 12 bis 14 Jahren Anspruch auf eine Vorsorgeuntersuchung, die sogenannte J1. Fachleute kritisieren diese Lücke schon lange. »Sie umfasst mit der gesamten Grundschulzeit auch den Beginn der weiterführenden Schule«, sagt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Ursula Felderhoff-Müser, dem Science Media Center. Das ist genau die Phase, in der sich Übergewicht, ein schädlicher Medienkonsum oder psychische Auffälligkeiten häufig manifestieren.
Zwar übernehmen einige Krankenkassen freiwillig schon jetzt die Kosten für zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen, aber die Leistungen seien nicht einheitlich, so Felderhoff-Müser. »Das würde eine U10 beheben.«
Auch Interessengemeinschaften von Patienten hatten die zusätzliche Untersuchung gefordert und auf mehrere Studien verwiesen:
Laut einer Analyse des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2018 sind etwa zehn Prozent der Kindergartenkinder übergewichtig, bei den 11- bis 13-Jährigen ist der Anteil bereits doppelt so hoch.
Ähnlich ist es bei der Bewegung: Mehr als 40 Prozent der Kindergartenkinder sind mindestens eine Stunde am Tag körperlich aktiv, wie von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen. Mit Beginn des Teenageralters sind es nur noch um 20 Prozent oder weniger.
Zudem ist der Anteil der Kinder mit psychischen Auffälligkeiten im Alter zwischen neun und elf Jahren am höchsten. Bei Mädchen liegt er laut den RKI-Daten bei 16,2 Prozent, bei Jungen bei 22,1 Prozent.
Laut einer Befragung aus dem Jahr 2022 zeigten zudem 11,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen riskantes Computerspielverhalten: Sie können zum Beispiel nicht aufhören zu spielen oder vernachlässigen andere Interessen über Monate hinweg.
»Die U10 mit neun bis zehn Jahren träfe einen günstigen Zeitpunkt vor dem Wachstumschub in der Pubertät, wenn die Gewichtsentwicklung und auffällige Verhaltensmuster beeinflussbar sind«, sagt Kinderärztin Felderhoff-Müser. Kinder mit Übergewicht könnten etwa an Bewegungs- und Schulungsprogramme verwiesen und Eltern über Mediennutzung aufgeklärt werden. »Gerade dem bekannten Kinder- und Jugendarzt schenken Patienten und Familien Vertrauen«, so die Expertin.
Notwendiger Schritt
Zeitgleich könnte die zusätzliche Untersuchung dazu beitragen, dass mehr Kinder zur Vorsorge gehen. In den ersten Lebensjahren liegt die Teilnahme noch bei fast hundert Prozent, zur J1 geht dagegen nur noch weniger als die Hälfte der Jugendlichen. Vermutlich, weil die Zeitspanne zwischen den Untersuchungen so lang ist und viele Eltern nicht wissen, welche Leistungen ihren Kindern zustehen.
»Nach den vielen Vorsorgeuntersuchungen in den ersten fünf Lebensjahren wird die Verbindung zwischen Familien und dem Kinder- und Jugendarzt lockerer«, sagt Kinderarzt Reinhard Berner vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Das führe dazu, dass Prävention und Gesundheit seltener angesprochen würden. »Insofern bin ich fest davon überzeugt, dass die Einführung einer zusätzlichen U10 für Kinder zwischen neun und zehn Jahren ein wichtiger und notwendiger Schritt ist.«
-
2 Min
-
11 Min
-
6 Min
Die Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen ist in der Regel freiwillig, nur in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen sind die U-Untersuchungen Pflicht. Ob das auch für die U10 so sein wird, ist unklar. In den übrigen Bundesländern werden Eltern üblicherweise an die Termine erinnert, etwa durch das Gesundheitsamt.
Durch die zusätzliche Untersuchung kurz vor dem Teenageralter, so die Hoffnung von Medizinern, könnte auch die Impfquote gegen HP-Viren steigen – die Hauptursache für Gebärmutterhalskrebs. In Deutschland erkranken jedes Jahr Tausende Frauen daran.
Eine frühzeitige Immunisierung, am besten vor dem ersten Geschlechtsverkehr, senkt das Risiko für einen tödlichen Verlauf laut Untersuchungen mit jungen Frauen auf nahezu null. Die Ständige Impfkommission empfiehlt deshalb, alle Kinder zwischen 9 und 14 Jahren zu impfen – auch Jungen, um sich selbst und andere zu schützen. Bei Männern können HP-Viren etwa Peniskrebs verursachen.
Aktuell ist nur etwas mehr als die Hälfte der 15-jährigen Mädchen gegen HPV geimpft, bei Jungen ist es nur ungefähr jeder Dritte. Die U10 wäre eine gute Gelegenheit, an die HPV- und weitere Impfungen etwa gegen Meningokokken zu erinnern, sagt Berner, der auch Vorsitzender der Ständigen Impfkommission ist. »Hierfür muss man jede Möglichkeit nutzen.« Daten von Krankenversicherungen zeigen, dass sich Mädchen, die bei einer J1-Untersuchung waren, siebenmal wahrscheinlicher gegen HPV impfen ließen.
»Ich war kein Mensch mehr. Ich war nur eine Hülle«: Hier erzählt ein Teenager, wie er sich nächtelang auf YouTube und TikTok verlor.

vor 1 Stunde
1










English (US) ·