Es ist ein dunkler, fensterloser Raum, auf der linken Seite liegt eine Matratze, unter den Füßen ein alter Teppich, es ist das Zischen eines Gaskochers zu hören. Hinter der Bodycam ist Dymtro, ein ukrainischer Drohnenpilot. Er ist 24 Jahre alt und seit sechs Jahren im Einsatz, seit vier Jahren direkt an der Front, wie er sagt. Während er den Inhalt eines kleinen Zuckertütchens in eine rote, frisch ausgespülte Kaffeetasse schüttet, sagt er auf Ukrainisch: „Ich merke, dass ich ernster geworden bin. Das spüren auch meine Eltern sehr.“ Dann steht er in einem alten Wohnzimmer, hinter ihm ein Holzschrank mit Vitrinen-Fenstern. Neben ihm stehen Propellerköpfe, als er sagt: „So unsere Drohnen, die heute also töten gehen“, erklärt er.
Dymtro ist einer von mehreren Protagonisten der Dokumentation „Joko & Klaas Live-#dontlookaway“, die die Zuschauer in dem mehr als dreistündigen Beitrag, den Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf am Donnerstag bei Pro Sieben ins Programm gebracht haben, in ihren Kriegsalltag begleiten; einen Alltag, der blutet, schießt und schreit; den Alltag eines Vierundzwanzigjährigen, dessen „Spielkonsole“ ein Gerät ist, mit dem er eine Drohne auf russische Aggressoren richtet.
„Wir sind wie Mäuse“
Der Zugang der Produzenten, Dymtros Geschichte etwa, ist emotional, nahbar und ungeschönt. Wer die drei Stunden durchschaut, sieht einen Arzt an der Front, der einen Verletzten operiert, oder den sechsundzwanzigjährigen Bodgan, der von einer Drohne angeschossene Zivilisten von einer Landstraße abholt, die ihr Erlebnis im vierten Jahr des ukrainischen Kriegsalltags über eine Bodycam aufgezeichnet haben. Die Doku ist nicht politisch analysierend oder einordnend, sie mutet uns den Alltag der Ukrainer im Krieg brutal und ungefiltert zu.
Nach einem russischen Angriff in KramatorskJoko & Klaas/YoutubeBogdan ist Evakuierungshelfer. In der Szene zu Beginn des Films spült er sich um halb sieben Uhr morgens eilig ein wenig kaltes Wasser aufs Gesicht. „Ich liebe dich“, sagt er zu seiner Partnerin, die noch schläft, um anschließend das Treppenhaus seines Plattenbaus herunterzulaufen. „Wir sind wie Mäuse, die im ersten Moment weglaufen müssen“, sagt Bogdan.
Gefilmt aus der Bodycam-Perspektive
Dann sitzt er in einem roten Transporter, im Film zu sehen die Aufschrift der französischen Stadt „Lunéville“, ein „véhicule de premiers secours à personnes“, ein Erste-Hilfe-Fahrzeug. Bogdans Sprache wechselt ständig, er hält an, dann steigen zwei Kollegen zu, der eine spricht ein amerikanisches Englisch, mit dem anderen spricht er Ukrainisch.
Das Fahrzeug steht vor einem Lebensmittelgeschäft, dort steht auf Russisch, „Produkty“. Die Stadt Kramatorsk, der Startpunkt von Bogdans Evakuierungsfahrt, befindet sich im Osten der Ukraine, nahe der Ostfront; einem Gebiet, in dem zahlreiche Menschen Russisch sprechen. Reiz folgt auf Reiz, dazu die Gewissheit, dass jederzeit eine Drohne angreifen kann, der Zuschauer ist ganz nah dran. Durch die Bodycam-Perspektive erhält die Dokumentation bisweilen sogar den Charakter eines Ego-Shooters. Dies übt, wohl bewusst so gewählt, eine große Immersionswirkung aus.
Der Aufruf im Titel der Dokumentation, nicht wegzuschauen, #dontlookaway, lässt sich auf mehrere Arten verstehen. Zum einen ist es eine Erinnerung, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine seit vier Jahren andauert und Tag für Tag Menschenleben fordert. Zum anderen ist er als Imperativ für die drei Stunden zu sehen, auch bei grausamen Situationen durchzuhalten und nicht wegzuschauen. Das Vorhaben von Joko und Klaas ist außergewöhnlich. Und sie haben Erfolg. Insgesamt 460.000 Zuschauer haben sich die fünfzehn Minuten Sonderprogramm, die zu drei Stunden wurden, im Schnitt komplett angesehen, darunter 310.000 Zuschauer im Alter zwischen 14 und 49 Jahren – der Zielgruppe von Pro Sieben. Die sogenannte Netto-Reichweite – also die Zahl derer, die das Programm überhaupt eingeschaltet haben, lag bei 2,88 Millionen Menschen.
„Vor einiger Zeit haben sie uns Kameras in die Ukraine geschickt und gefragt: Was würdet ihr Menschen über euren Alltag erzählen?“, heißt es zu Beginn der drei Stunden. „Was sollten sie sehen? Das ist es, was wir euch zeigen wollen. So sehen unsere Tage aus. Das ist unser Leben. Schaut nicht weg.“ Das haben Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf auf Pro Sieben erreicht.

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