Japans Küche in der Literatur: Die Welt muss entpoetisiert werden

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Dieser Büroroman ist noch nicht eine Zeile alt, da fällt schon das Wort „Mittagspause“. Ständig muss man essen: morgens, mittags, und wer den Hals nicht voll bekommt, auch noch abends. Und wer nicht isst, der spricht übers Essen. In Bürogemeinschaften ist die Lage besonders prekär: Dann stecken Kollegen ihren Kopf durch die Tür und fragen nach einem gemeinsamen Lunch. Nitani, Vertriebler in einer Firma für Etiketten, hat genug. Am liebsten würde er sich von Nahrungsersatz in Form von Tabletten ernähren und weiterarbeiten. Doch er entkommt den gesellschaftlichen Zwängen nicht und steht vor der Frage: Gibt es das gute Leben mit schlechtem Essen? Und was ist das überhaupt, das gute Leben?

Dieser kulinarische Bartleby ist Protagonist in Junko Takases Roman „Richtig gutes Essen“, für den sie 2022 den prestigeträchtigen Akutagawa-Preis gewann. Damit ist sie in der Gesellschaft anderer international erfolgreicher Autorinnen wie Sayaka Murata oder Hiroko Oyamada. In ihrem Roman stellt sie ein personelles Dreieck ins Zentrum: den bereits erwähnten Nitani sowie seine Kolleginnen Ashikawa, beseelt von einer überbordenden Kochleidenschaft, und Oshio. Nitani und Oshio treffen sich regelmäßig nach der Arbeit zum Feierabendgetränk, wo sie über das Leben, die Arbeit und vor allem über Ashikawa sprechen.

Gesund essen soll ich? Ich?

Sie erregt die Missgunst ihrer Kollegen, weil sie es sich in einer auf Durchhaltevermögen getrimmten Arbeitswelt herausnimmt, nach Hause zu gehen, wenn es ihr nicht gut geht. Vor dem Bier sitzend, schmieden beide einen Plan: ­Ashikawa fertigzumachen.

Es soll anders kommen. Die Schwäche Ashikawas, die sie erst zum Opfer macht, erregt Nitanis romantisches Interesse. Ehe er sich versieht, ist er mit einer Frau liiert, die ihn zwingt, gut zu essen, anstatt sich eine weitere Instantsuppe aufzuwärmen. Nitani ist in seiner Hölle gelandet. Denn hinter Geschmacksfragen verbergen sich existenziellere Differenzen: Richtet man sich im Grau des Alltags ein, oder trotzt man ihm Momente der klebrigen Überzuckerung ab? Er entschließt sich für eine feige Form der Opposition. Während er auf der Oberfläche duldsam ausharrt, schlägt seine Stunde, nachdem alle das Büro verlassen haben. Dann greift er zum Gebäck, das Ashikawa für die Bürogemeinschaft mitbringt, zermatscht es und wirft es weg. Als eines Tages die Kollegen auf die Untat aufmerksam werden, erzählt der Roman dies als ein kleines kriminalistisches Finale.

Glückssuche in Torten und Träumen

Takase entwirft die Geschichte eines Mannes, den eine existenzielle Müdigkeit befallen hat. Ein Grund für seine Verzweiflung ist ein Literaturstudium, das er nie begonnen hat. Den Schmerz, den diese Wunde aussendet, richtet er auf Ashikawa, die er in einen unerklärten Stellvertreterkrieg der Lebensentwürfe verwickelt. Die setzt ihre immer freundliche, fast schon aggressiv höfliche Art dagegen, sucht das Glück in Torten und Träumen von einem bürgerlichen Eheleben. So performen sie miteinander Partnerschaft, das gesellschaftliche Geländer einfach nicht mehr loslassend, trotzig und letztlich in rätselhafter Einmütigkeit. In dieser Konstellation wird Oshio die Mittlerposition zugewiesen, in deren Ich-Perspektive der Roman kapitelweise wechselt. Sie bleibt im Unschärfebereich zwischen dem Paar, wechselt die Positionen, sucht nach ihrem eigenen Platz.

 „Richtig gutes Essen“. Roman.Junko Takase: „Richtig gutes Essen“. Roman.Verlag

Nitanis radikal nüchterne Einstellung zum Leben glasiert den kompletten Text: Eine gespenstische atmosphärische Leere haust in diesem Roman. Alles erscheint banal, die Arbeit, die Unterhaltungen, das Leben der Figuren, selbst der Kriminalfall, der hier aufgeführt wird, erreicht lediglich die Fallhöhe zerdrückter Cup­cakes. Sprachlich mündet das, von Yoko Ann Hamann ins Deutsche übersetzt, in ein Programm der Entpoetisierung: Diese Sprache hat ein Verhältnis zur Welt wie Instantsuppe zu einem gekochten Essen – die Poesie leerer Kohlenhydrate. Etwas tütensuppig fällt daher zunächst auch die Lektüreerfahrung aus, was im Reich dieses Kostverächters Nitani aber nur konsequent erscheint: Wenn die Welt erst einmal entzaubert ist, bleiben nur noch die Mikrowellen und die Mikroaggression.

„Richtig gutes Essen“ entpuppt sich als große Täuschung, an der der Ankündigungstext des Verlags fleißig mitarbeitet. Was sich zunächst wie eine Dreiecks-Romcom für Foodies liest, offenbart sich als Reflexion darauf, was das gute Leben ist. Essen: Das ist hier nurmehr eine Chiffre für eine Gesellschaft, die den Nebenschauplatz braucht, um die Hauptsache auf die Bühne zu bringen. Mit einer Gegenwart, in der Essen zum Fetisch der sich singularisierenden Gesellschaft wird und Japan zuletzt immer stärker in den Fokus der internationalen Kulinariker rückte, ist der Roman nur lose im Gespräch. Viel mehr interessiert er sich für Essen als soziale Technik, über die Temperatur und Textur gesellschaftlicher Begierden erzählbar werden.

Oshio ist es schließlich, die aus dem toxischen Dreieck der Bürokollegen aussteigt. Ihr gehört das Ende und auch eigentlich der gesamte Roman. Ohne den Kniff der Autorin, ihr immer wieder das erzählerische Feld zu überlassen, würde dem Text seine Mitte fehlen. Auf Oshios narrativen Schultern dürfen Nitani und Ashikawa darum kämpfen, wie viel Ablehnung Gesellschaften vertragen und wie viel Anpassung sie benötigen. Diesem Zweifel eine Perspektive zu geben, ist der große literarische Zug in dieser kleinen Welt.

Junko Takase: „Richtig gutes Essen“. Roman.
Aus dem Japanischen von Yoko Ann Hamann. Dumont Buchverlag, Köln 2026. 160 S., geb., 23,– €.

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