Jan Wehn über Hip-Hop: Liebeserklärung an den Deutschrap

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Es gibt wahrscheinlich kaum einen besseren Deutschrap-Kenner als Jan Wehn. Zusammen mit Davide Bortot hat der Musikjournalist 2019 mit „Könnt ihr uns hören?“ eine Art Standardwerk herausgebracht, in dem die Geschichte dieser Kultur aus der Sicht der Protagonisten erzählt wird. Aber auch wenn der Untertitel seines neuen Buchs, „Songs und Storys – Chronik einer Kultur“, an dieses Vorgängerbuch erinnert: Es kann mit ihm nicht mithalten.

Wehn beschreibt im Vorwort seinen Weg zum Rapfachmann und gleichzeitig das Konzept seiner Darstellung. Aufgewachsen in einem Pfarrhaushalt ohne Kabelfernsehen und Konsolenspiele sei Rap für ihn nicht nur Musik gewesen, sondern ein Zugangscode zu anderen Lebensrealitäten: Stundenlang habe er Booklets und Mailorder-Kataloge studiert und sich über Skits, Intros oder Sprachfetzen nebenbei zum Beispiel Filmwissen angeeignet.

Die vergessenen Favoriten des Deutschrap

Auf einer selbst gebauten Homepage für „schätzungsweise fünf Besucher“ wöchentlich habe er seine Lieblingssongs und -alben vorgestellt. „Eine obsessive Hingabe, die sich irgendwo zwischen Fleißaufgabe und Frühdiagnose bewegte.“ An diese Arbeit will er nun anschließen. Bei der Form habe er sich „gegen Bleiwüsten“ und für Listen in verschiedenen Kategorien entschieden. Woraus auch folgt, dass das Buch „keiner bestimmten Erzählung folgt“.

 „DeutschRAP“. Songs und Storys – Chronik einer Kultur.Jan Wehn: „DeutschRAP“. Songs und Storys – Chronik einer Kultur.Reclam

Womit Wehn selbst offenlegt, was an seinem Buch nicht funktioniert. Als Leser wird man erschlagen von nicht enden wollenden Listen, in der zum Beispiel die besten „Intros und Opener“ ohne jede Dramaturgie aneinandergereiht werden. Wehn hat sich bewusst dafür entschieden, die Listen „in einer völlig beliebigen Reihenfolge“ zu präsentieren, weil man Kunst nicht in ein Punktesystem pressen könne. So springt man zwischen den Jahrzehnten hin und her, bis einem schwindelig wird. Es gibt auch keine räumlichen Grenzen: In dem Kapitel „Cult Classics – Die vergessenen Favoriten des Deutschrap“ werden zum Beispiel mehr als zwanzig Lieder vorgestellt. Das allein wäre nicht schlimm, aber es fehlt, wie man im Deutschrap sagen würde, der Flow.

Es ist schade, dass dem Autor die Form misslingt, gerade weil der Inhalt oft sehr interessant ist. Immer wieder will man das Buch zur Seite legen, um sich ein bestimmtes Lied noch einmal anzuhören oder einen Künstler, von dem man noch nie gehört hat, der aber in Wehns Beschreibung vielversprechend klingt. Die Breite von Wehns Wissen ist beeindruckend, oft deutet er aufschlussreiche Geschichten an, die sich hinter Liedern oder Alben verbergen, allerdings ohne sie im gewählten Format jemals wirklich auserzählen zu können.

Listen und PR-Prosa

Seine Begeisterung für die Kultur tut trotzdem gut. Ist man als Deutschrap- und Hip-Hop-Fan aufgewachsen, zweifelt man mittlerweile manchmal selbst an sich und daran, was einem diese heute oft so seelenlose Szene einmal bedeutete. Aber bei Wehn entdeckt man so viel Werke wieder oder neu, in denen Rapper nicht nur damit geprahlt haben, wie viel Geld sie womit gemacht haben, sondern in denen sie Geschichten bewegend erzählen.

In vielen Kapiteln entdeckt man alte, längst vergessene Perlen wieder. Doch Wehns Begeisterung hat auch ihre nervende Seite. Wenn alles gut ist, wird es in der Summe langweilig. In seinem Vorwort schreibt der Autor, dass er sich „nie wirklich als Journalist verstanden habe“, „auch nicht als besonders kritische Stimme“. Sein Stil erinnert denn oft auch eher an die PR-Mails, die auf diese oder jene ganz besondere Neuerscheinung hinweisen – und solcher Prosa möchte man nicht über mehr als dreihundert Seiten folgen müssen. Immerhin ist es ein guter Service, dass der Verlag zu jedem Kapitel Playlisten bereitstellt.

Das erklärte Ziel, eine Liebeserklärung an den Deutschrap zu verfassen, hat der Autor erreicht. Nur an seine Leser hat er diesmal zu wenig gedacht.

Jan Wehn: „DeutschRAP“. Songs und Storys – Chronik einer Kultur. Reclam Verlag, Ditzingen 2026. 381 S., Abb., geb., 32,– €.

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